Kassettengeschichten-Reader

Dank Anneke habe ich den Begleitband zur Kassettengeschichten-Ausstellung erhalten, der die Ergebnisse eines zweijährigen Projektseminars des Institutes für Volkskunde der Uni Hamburg zusammenfasst.

In den ersten drei Artikeln wird das Projekt als Ganzes vorgestellt, wissenschaftlich eingeordnet und legitimiert, so z. B. wird gefragt, welche Konsequenzen sich für die Analyse ergeben, wenn das Datenmaterial aus aufgenommenen Interviews mit MixtapeproduzentInnen besteht.

Es folgt der Aufsatz „»Mach mir ein Mixtape!« Das kleine Einmaleins der Kassettenproduktion.“, in dem unter anderem „Mixtaperegeln“ ermittelt werden. Danach gibt es vier wesentliche Arten, nach denen ein Mixtape komponiert werden kann:

1. Eine Wellenbewegung – Lieder werden kontrastiv (z. B. schnell/langsam) hintereinander gesetzt, so dass das Tape möglichst „abwechslungsreich“ gerät. Ziel: „Die Neugier des Rezipienten idealerweise 90 Minuten lang … sichern.“

2. Eine gerade Linie – Lieder mit möglichst „ähnlicher Klangfärbung“ werden aneinandergereiht. Ziel: „ein harmonisches Tape“, so dass der Hörer sich „ganz auf die Musik einlassen“ kann.

3. Eins nach dem anderen – Ziel: Thematische Vorstellung/Komprimierung. „Der Taper stellt seine Best of, Top Ten oder die neuesten Errungenschaften vor“.

4. Eine Geschichte – deren Aufbau dramaturgischen Regeln folgt: „Durch die Komposition von Einleitung, Hauptteil und Schluss wird ein durchdachtes Hörerlebnis generiert“.

Im folgenden Artikel „Kassetten als Erinnerungsobjekte“ wird gezeigt, wie Kassetten sich nicht nur als Speichermedien zur Musikkonservierung eignen, sondern darüber hinaus eben oft auch Erinnerungsauslöser sind.

„»My Favorite Chords« Mixtapes und Musikgeschmack“ macht deutlich, welche Kompetenzen und Kommunikationssignale Mixtapeproduzenten an ihr „Publikum“ weitergeben wollen und welche Reaktionen sie sich erwarten. Auch hier wird eine Typologie erstellt:

1. Es gibt den „Kommunikator“, dessen Musikkompetenz und -geschmack der des Empfänger gleicht, so dass das Tape allein als „Medium für den Austausch von Informationen“ dient.

2. Der „Versorger“ liefert dem „aufmerksamen Empfänger“ Tapes mit „gefilterten Informationen“, die dem Empfänger bisher Unbekanntes/Unentdecktes darbringen. Dabei wird der Geschmack des Empfängers besonders berücksichtigt, der darüber hinaus potenziell aufgrund ähnlicher Musikkompetenz, aber nicht unbedingt deckungslgleichen Musikgeschmackes dazu in der Lage ist, ein „Gegentape“ aufzunehmen. „Erwartet wird aber vor allem ein Feedback (=Bestätigung)“.

3. Für den „Missionar“ ist das Tape ein „Medium für die »Message«“, zu der er den „reinen Empfänger“ bekehren will, um ihn z. B. von einem bestimmten Musikstil o. ä. zu überzeugen.

4. Der „Egomane“ kümmert sich nicht darum, wie das Mixtape beim Empfänger ankommt. Im Grunde nimmt er für sich selbst auf, die Existenz eines möglichen Empfängers ist dabei für ihn unerheblich.

Der Gedanke, dass Mixtapes der Kommunikation dienen, wird im folgenden Aufsatz nochmals genauer beleuchtet (Tapes als Liebesbotschafter usw.), daran schließt sich ein Artikel über die möglicherweise unterschiedlichen „Geschlechterperspektiven auf den Umgang mit Mixtapes“ an und der Band mit einem Artikel darüber beschlossen, wie die Mixtape-Kultur sich in der „Popliteratur“ als Thema festgesetzt hat, wobei die üblichen Verdächtigen herangezogen werden (Hornby, Christian Gasser, Stuckrad-Barre, Andreas Neumeister, Karen Duve).

Insgesamt hat der Band nicht wirklich etwas geboten, dass ich mir nicht schon selbst zu dem Thema überlegt hätte, aber trotzdem muss man das ja auch erstmal so zusammengefasst vorgelegt bekommen. Ich habs gern gelesen, gerade weil die Aufsätze mit den Selbstaussagen der Interviewten unterfüttert wurden und dieses O-tonige hat ja was.

Dabei fiel mir vor allem auf: Anscheinend ist die Kategorie Text/Lyrics für nicht wenige beim Musikzusammenstellen durchaus wichtig, um damit „Botschaften“ zu transportieren, eine Komponente, die ich selbst praktisch völlig vernachlässige.

Die oben vorgestellten Typologien sind natürlich nicht streng schematisch zu verstehen, worauf schon die Autoren hinweisen. Aber wenn ich jetzt mal eine Selbsteinordnung versuche, würde ich von mir nun folgendes behaupten: Mein Anspruch ist es, Tapes als Geschichten zu bauen, wobei ich eher harmonisierende Abfolgen bevorzuge. Und die Beziehung Gregor / Roland in Sachen Mixes fällt ziemlich eindeutig in die Kategorie Versorger zu aufmerksamen Empfänger.

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