Huss

Hatte in der Schulzeit einen Kumpel, der mir recht clever erschien, einer der ersten dieser Spezies. Tauschte mit ihm Mix-Kassetten aus. Sein »Original-Hussi-Special-Mix« steht bei mir noch im Medienregal: Joe Jackson, Sam Brown, Uriah Heep, ZZ-Top, Charlie Parker, Led Zeppelin, David Bowie und Lou Reed sind drauf. Die beiden letztgenannten, insbesondere »Berlin« gefielen mir bereits, der Rest war mir insgesamt zu mainstreamig. Seine schriftlichen Kommentare zu meinem Indie-Mix sind mir noch im Gedächtnis: Fields of the Nephilim, Einstürzende Neubauten oder Alien Sex Fiend kamen beispielsweise nicht so dolle weg, während And also the Trees‘ »Shaletown«, Cures »Jumping someone else’s train« oder, wenn ich mich richtig erinnere, etwas von The Smiths, gelobt wurde, und zwar immer in originell-witziger Diktion. Als ich ihn zwei Jahre später einmal zu Hause besucht habe, offenbarte er mir bei Teatime-Plätzchen und (sinnigerweise) Tee, dass es doch so einfach sei gute Lieder zu schreiben. Er nahm seine Gitarre und spielte mir verschiedene ohrwurmige Melodien aus dem Stegreif vor. Texte seien sowieso kein Problem, die lägen auf der Straße. Das war so 1991. Ich verlor ihn aus den Augen, bis mir vor zwei Monaten eine Trikont-Anzeige Huss anpries. »Moment mal«, dachte ich, »den kenne ich doch« und bestellte mir gleich beim Verlag entsprechende CD.

Das Ergebnis entspricht genau dem, was ihm (Daniel Huss) damals vorschwebte: 14 Ohrwürmer, instrumentiert mit Gitarre, Bass, Orgel, Laute, Keyboards, Percussions und Computer, wohl alles von ihm selbst eingespielt. (Er hatte ja auch Musik-LK.) Die Lieder sind mal mit rock’n’rolliger/m Gitarre(solo), mal kitschig mit Streichern, mal mit Schweineorgeln oder gar housig arrangiert. Nie aufwühlend, immer für mittelwarme Sonntagnachmittage geeignet. Die Texte erinnern zunächst ein wenig an Element of Crime oder PeterLicht, sind aber weder sonderlich verschroben noch gesellschaftskritisch. Vielmehr genial belanglos, auch in ihrer Trostlosigkeit (»Wenn ich alt bin, fallen mir alle Zähne aus und ich rieche schlecht aus dem Mund. Die Welt wird wieder eine Scheibe und ich steh jeden Tag mehr am Abgrund. Ich bekomm keine Briefe und keinen Besuch, denn meine Freunde sind schon alle tot, drum sitze ich hier nur rum und wart aufs Abendbrot.«). Sie handeln vom Leben am Apfelstand, von einem nackten Mann oder von einer dicken Bäckersfrau (»[…] Ich brauch Brot, du brauchst Geld, so funktioniert die Welt. Sei gefälligst freundlich, wenn ich dir dein scheiß Brot abkauft, ich könnt auch online gehen […]«). Wie gesagt, alles ist so herrlich einfach und banal, aber keineswegs pubertär oder trivial, und da jeder Song differenziert und unterschiedlich arrangiert ist, handelt es sich für mich bei Huss‘ Debüt um eine NEUentdeckung und mithin um eine der besten deutschsprachigen Platten des bereits vorangeschrittenen Jahres. Also, Hussi, würde mich freuen, dich mal live zu sehen! Nehme dafür auch einige Kilometer in Kauf.

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