De:Bug und Radio

Das verpatzte Radio-Special der Spex aus dem letzten Jahr galt für viele als vertane Chance, die deutsche Radiolandschaft mit ihren Vor- und Nachteilen sachkundig darzustellen. Und da Specials dieser Art nicht vom Himmel fallen, befand unsereins, dass der Vierzehnseiter vorerst wahrscheinlich (zumindest aber in diesem Jahrzehnt) die letzte Zustandsbeschreibung dieser Art bleiben wird. Neben einem umfangreichen wie überflüssigen Artikel über Formatradios ging’s um Themen wie Sport und Hörspiele, so dass geradezu verschwenderisch am Thema vorbei geschrieben wurde. Mit Popkultur hatte das – bis auf wenige Ausnahmen – wenig zu tun.

Ganz offensichtlich durch die eigene Sendung auf Reboot auf den Geschmack gekommen, präsentiert die De:Bug in ihrer März-Ausgabe nun ein zweiseitiges Radio-Special, das sich vornehmlich mit den Freien Radios und ihren Möglichkeiten auseinandersetzt. Der Zustand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird dabei nur am Rande bejammert, wenngleich die Kritik an ihm äußerst harsch ausfällt. Die entscheidende These des Artikels dreht sich zuletzt auch um genau jene: Wenn die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihrem Auftrag nicht nachkommen, wenn demnach nicht alle Menschen, speziell jene mit ausgefallenem Geschmack und gehobenem Anspruch, dank Radio auf ihre Kosten kommen, diese jedoch zu übernehmen verpflichtet sind, müssen andere ran, und zwar die Freien Radios (NKRs). Eine Forderung, die eigentlich hanebüchen ist und höchstens in Berlin, Deutschlands größtem Moloch für subkulturelle Lebensstile, funktionieren kann. Dass es im Hause De:Bug allerdings auch nicht besonders gut bestellt ist um die Liebe zum Radio, dass also Radio aus allzu großer Distanz beurteilt wird, zeigt der diesjährige Jahrespoll des Magazins. Dort findet man neben Standards wie »Beste Alben« und »Beste Labels« agonale Lifestyle-Producer wie Ikea und iPod, die in diversen Kategorien unnötig viel Raum eingeräumt bekommen haben. Die Radio-Notierung hingegen fehlt komplett. Mit frisch entfachter Freude am Format könnte allerdings in naher Zukunft im De:Bug-Office eine gewisse Kompetenz heranreifen, die gute Vorschläge reifen lässt, wie der zweite Artikel von Pit Schultz zeigt: Seine Vision von einer weltweiten Vernetzung diverser Radioprogramme via Internet findet in mir einen ernst zunehmenden Anhänger.

Related posts

Schlagwörter:

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

Immer auf der Suche nach dem Flow, begeistern Gregor Maria Schubert und Roland Graffé sich für Trends, Widersprüche und Abseitiges in Kunst, Musik und Medien.

Machtdose entdeckt, kultiviert, archiviert, und teilt Glanzlichter der Popkultur und persönliche Vorlieben mit allen anderen Träumern, Liebhabern und Neugierigen.

Plattenteller

  • Rokia Traoré - Né So

    Rokia Traoré - Né So Rokia Traoré stammt aus Mali. Ihre Musik ist eine Verbeugung vor den Griots – malische Sänger, die die Tradition der Geschichtenerzähler pflegen und seit Jahrhunderten mündlich weitertragen.

  • Julia Kent - Asperities

    Julia Kent - Asperities Cello-Monotonie und -Melancholie mit viel Drama. Tracktitel wie »Flag of No Country« und »Empty States« sprechen Bände. Antony and the Johnsons und Swans durften bereits von ihrem Können profitieren.

  • Lea Porcelain - Lea Porcelain

    Lea Porcelain EP Das Debüt von Lea Porcelain hat einen ordentlichen Bums. Mehr noch einen Punch. Inspiriert von dunklen Mächten aus den großen Regenstädten dieser Welt.

  • Bersarin Quartett - III

    Bersarin Quartett - III Ambient-Electronica, wie für unsere Zeit gemacht. Als stünde da jemand mit weißer Flagge und schrie: runterkommmen!

  • Sea Moya - Twins

    Sea Moya - Twins Twins ist eine kleine Schatzkiste, zum Mögen, mit Soundteilchen aus aller Herren Länder. Der Computer als Vermittlungsstelle zwischen Psychedelic, Krautrock, Afrobeat und Electronic Funk.

Veranstaltungstipps Rhein-Main