Dieses Jahr machen wir es einfach mal andersrum und fangen mit unseren Lieblingssongs an, bevor das Alben-Ranking kommt (das aber auch bald…) Einfach, weil wir beim Auswählen schon so viel Spaß hatten und einfach, weil sie nun jetzt schon fertig vorliegen.
Hier jetzt also 45 herausragend gute Stücke aus diesem Jahr, von uns wohlweislich ausgewählt, auf verschiedenen Plattformen zusammengestellt und in hoffentlich spannungsreiche Reihenfolge gebracht:
Die Machtdose ist 30. Seit drei Jahrzehnten begleitet sie mich – mal leise im Hintergrund, mal laut und lebendig. Ich erinnere mich gerne an den Sommer 1995, der den Beginn meiner Liebe zum Radio markiert. Damals hatten sich vier Wochen lang eine Handvoll Menschen in die Garage eines Tontechnikers (Studio Hemb) eingeschlossen, die dieser zuvor in eine Radiostation namens K2R umgebaut hatte. 24 Stunden am Tag on Air. Nonstop. Immer da, wenn du einschaltest. Fast so, als hätte Nick Hornby das Drehbuch dazu geschrieben.
Da war diese Fahrt von Rüsselsheim nach Mainz. Die Sonne ging gerade auf. Ich hatte Frühschicht und fuhr auf der Autobahn dem Rhein entgegen. Im Radio liefen die Nachrichten mit der Meldung, dass durch eine Änderung des Hessischen Privatfunkgesetzes zukünftig auch nichtkommerzielle Lokalradios zugelassen werden sollen, vorerst jedoch nur für befristetes Veranstaltungsradio. Die Nachricht machte auch in Rüsselsheim die Runde und schnell wurde klar, dass viele Leute um mich herum ziemlich große Lust hatten, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Offensichtlich hatte die Miniserie Pogo 1104 aus dem Jahr 1984 elf Jahre später ihre volle Wirkung gezeigt. Es fanden sich also Verantwortliche und Interessierte, die in relativ kurzer Zeit so etwas wie eine Programmidee entwickelten.
Roderik, ein guter Freund, und ich waren mittendrin. Rückblickend weiß ich gar nicht so genau, was uns damals geritten hat. Wahrscheinlich war’s die Liebe zur Musik. Folglich stand auch unser Konzept: Wir wollten Musik spielen, die in der deutschen Radiolandschaft unterrepräsentiert schien und rein zufällig unserem Geschmack entsprach. Wir übernahmen eine Programmschiene und nannten sie „Machtdose” (wie es zu diesem Namen kam, habe ich hier einmal beschrieben). Die Idee: einerseits die Locals einbinden, die wir damals gefeiert haben (Studiogäste waren u.a. die B.S.G., Pure Hate Energy und Die Hexen), andererseits die eigene Plattensammlung hoch und runter spielen und möglichst viel dazu erzählen. Ich war nicht gerade der geborene Radiomoderator, habe mich im Laufe der Jahre aber in eine gewisse Routine hineingeredet. Man konnte sich damals prima ausprobieren, ohne irgendwelche Erwartungen erfüllen zu müssen. Eigentlich haben nichtkommerzielle Radiosender wie dieser den ganzen Quatsch, der uns heute über die sozialen Medien erreicht, vorweggenommen. Im Guten wie im Schlechten. Ob es da draußen jemanden gab, den es interessiert, war zweitrangig.
Auch die Radio-Nächte waren legendär. Ursprünglich war nachts keine Sendezeit eingeplant. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass wir ohne Pause durchsenden würden. Ich kann mich an zwei solcher Nächte erinnern, die Roderik und ich übernommen haben. Eine DJ-Nacht mit Platon Polis Kiriazidis, Thomas Hammann und Ricardo Villalobos, allesamt ehemalige Resident-DJs im Café Kesselhaus in Darmstadt. Die andere Nacht verbrachten wir mit Klaus Walter, der mit „Der Ball ist rund“ (1984 bis 2008) deutsche Radiogeschichte geschrieben hat. Mit ihm haben wir die ganze Nacht durchgequatscht (und auch Platten gespielt). Wenn ich mich richtig erinnere, ging es vor allen ums Radiomachen. Was ich aber noch sicher weiß: Wir hätten gut daran getan, uns als gute Gastgeber um ausreichend Bier zu kümmern.
Im Jahr darauf wurden aus vier Wochen schließlich acht, und das, was wir mit unserer rudimentären Radioerfahrung der ersten Wochen ein Jahr später auf die Beine gestellt haben, war schon ziemlich legendär – ist aber eine andere Geschichte. Der reguläre Sendebetrieb von dem jetzigen Radio Rüsselsheim begann im September 1997 und läuft seitdem ununterbrochen bis heute.
Wir durften in all den Jahren mit vielen tollen Menschen reden und haben das auch einigermaßen konsequent verfolgt. Mit Pavement zum Beispiel, dafür sind wir dann extra ins E-Werk nach Köln gefahren. Mein härtestes Interview habe ich mit Carl Barât von den Libertines im Nachtleben geführt: ich denglisch, er im verkaterten Cockney Rhyming Slang. Eines der sympathischsten Gespräche führten wir mit Micha Acher von The Notwist. Bei Stereolab wäre ich fast in Ohnmacht gefallen (besonders in dem Augenblick, als Lætitia Sadier uns ein Nachtlied vorsang). Mit Moldy Peaches im Schlachthof war ich maßlos überfordert, da gleich alle sechs Bandmitglieder auf meine Fragen eine Antwort hatten, Band-Hierarchien gab’s bei Ihnen nämlich nicht. Echter Rock ’n’ Roll war es, …And You Will Know Us by the Trail of Dead im Cookys zu interviewen. Schorsch Kamerun ist während meines Interviews mit den Goldenen Zitronen kommentarlos aufgestanden und gegangen (Ted Geier blieb zum Glück). Gonzalez hat während des Interviews einen Joint gebaut, der so groß war wie ein Marmeladenglas. The Hives durfte ich auf einer ihrer frühen Tourneen im Café Central in Weinheim sprechen. Und Françoise Cactus von Stereo Total war die Lebensfreude in Person – bunt, humorvoll und voller unerschütterlicher Energie. Ein großartiger Mensch.
Von vielen dieser Interviews existieren in meinem Gedächtnis nur noch Gedankensplitter, wenn überhaupt. Deshalb überrascht es mich, wer da noch so alles dabei war: Sebadoh, The Sea and Cake, Motorpsycho, Yo La Tengo, Ween, Tortoise, High Llamas, Wilco, Lambchop, Mercury Rev, Mouse on Mars, The Melvins, The (International) Noise Conspiracy und viele, viele mehr. Klar, Melvins und Ween vor der alten Batschkapp, war schon geil, ist aber bestenfalls noch eine verblasste Erinnerung, obwohl man Melvins-Sänger Buzz Osborne eigentlich kaum vergessen kann.
Zum Glück gab es damals schon Papier (und Schreibmaschine), auf dem ich mir das alles notieren konnte. Die Fotografie war zwar auch schon erfunden, aber total uninteressant für Radiomacher wie uns. Selbstportraits haben damals einfach niemanden interessiert. Deshalb existiert aus dem Gründungsjahr der Machtdose kein einziges Bild, das Roderik und mich zeigt. Ein etwas älteres Foto, das auch hier zu sehen ist, zeigt uns in der Güterverladehalle in Rüsselsheim, dem zweiten Standort von K2R.
30 ist nicht nur eine Zahl, sondern ein Meilenstein, eine stolze Wucht aus Zeit und Leben. Es war schön und ich auf der Suche.
Auf den ersten Blick klingt das nach einem ganz großen Durcheinander: C86, Dunedin, Madchester, Wimp Music, Shoegazing, Psychedelia, Happy-Go-Lucky Pop, ein bisschen Garage und jede Menge Indie – was auch immer das ist. In unserer Welt von damals war alles, was wir hörten, Indie, irgendwie. Wir waren selbst Teenager und unsere Koordinaten bestanden vor allem aus den Platten, die im Schulhof weitergereicht wurden, den Konzerten, die wir besucht hatten, und dem Gefühl, dass hinter all diesen Eindrücken eine gemeinsame rebellische Haltung steckte: Das Aufbegehren gegen den Mainstream und gegen glattgebügelte Popmusik sowie die Sehnsucht, sich von den Erwartungen der bürgerlichen Gesellschaft, also unserer Eltern, zu lösen und uns fortan der Kunst zu widmen. Die Musik war unser Kompass in einer Welt voller Möglichkeiten und Zweifel. Pimp my Soul spiegelt dies auf sehr persönliche Weise wider.
Die Ausgangssituation dieser Playlist bildet das Album „Crazy Rhythms“ von den Feelies aus Haledon, New Jersey, das sich damals auf einer meiner Kassetten befand. Von hier aus startet der Ausflug in die Vergangenheit, genauer gesagt in die 80er-Jahre. Auf der B-Seite dieses Tapes befanden sich The Clean aus Dunedin, Neuseeland. Ihr Album „Compilation“ war der kongeniale Counterpart zu dem übernervösen Meisterwerk der Feelies, die ihren Sound voller Melodie, Melancholie und Dringlichkeit direkt mit dem ersten Album zur vollkommenen Reife brachten. So gut sollten sie nie wieder werden (wie auch? Es ist für mich eins der besten Alben aller Zeiten). In unmittelbarer Nachbarschaft befanden sich Kassetten von Jazz Butcher, Wedding Present, Felt, den Go Betweens und den Sneaky Feelings. Alles andere kam dann nach und nach.
Denn mit dem Alter wuchs die Kassetten-, später dann auch die Plattensammlung, und damit das Bewusstsein für die ästhetischen Linien, die sich durch diese Aufnahmen zogen. Die Feelies verbanden die strukturelle Präzision des Post-Punk mit der nervösen Energie früher Velvet Underground. Ihr Sound markierte den Übergang vom Schwurbelrock der späten 70er zum introspektiven Jangle-Pop der 80er. Auf der anderen Seite des Globus entwickelten The Chills und ihre neuseeländischen Kollegen den sogenannten Dunedin Sound, eine rohe, aber melodisch dichte Spielart des Indie-Pop, die britische Bands wie Felt, Primal Scream oder The Wedding Present parallel in eigene Richtungen weitertrugen. Gemeinsam formulierten sie eine Ästhetik der Unabhängigkeit, in der es weniger um Perfektion als um Haltung und emotionale Direktheit ging. Analoges Equipment wie Mehrspur-Tonbandmaschinen, analoge Mischpulte, Equalizer und andere Effektgeräte prägten nicht nur den Sound, sondern auch die Arbeitsweise im Studio. Diese analogen Produktionsbedingungen und ihre klanglichen Folgen wirken heute wie aus der Zeit gefallen, und sind doch zeitlos schön.
Vieles von dem, was sich auf Pimp my Soul findet, wurde so womöglich noch nicht zusammengedacht. Die etwas mehr als vier Stunden wirken zu meiner großen Überraschung überaus stimmig und sollten im Shuffle gehört werden.
Vielleicht mehr noch als bei der Albenauswahl freuen wir uns selbst immer über unsere Zusammenstellung der besten Songs des Jahres. Bei der gibt es folgende Regel: jeder darf 15 (nur zehn ist zu hart). Unser Freund Carsten hat kurzfristig auch dafür noch beisteuern können, so dass wir also auf 45 kommen und rund drei Stunden Spielzeit allererster Güte, wie wir meinen. Ganz eventuell habt Ihr ja genauso viel Spaß dran wie wir… Wie immer als Spotify-Playlist und barrierfreier und audiovisuell auch als Youtube-Playlist.
Gregors Nr. 1: The Cure – Songs Of A Lost World (Polydor / Universal)
The Cure also, zu meiner großen Überraschung. Es mutet verrückt an: „Songs of a lost World“ ist ihr erstes Album seit 16 Jahren und das erste seit 37 Jahren, das ich häufiger gehört habe. Den Fanpass hatte ich damals direkt nach „Kiss Me Kiss Me Kiss Me“ zurückgegeben. Noch vor der Veröffentlichung von „Disintegration“ war die Spannung raus, jenem Album also, das als Höhepunkt ihres Schaffens und als Referenz für ihr neues Album angesehen wird.
Ich hab’s einfach verpasst. Obwohl ich also mein Timeout hatte, war die Verblüffung stets groß angesichts der Vielzahl an Hits, die sie in den 48 Jahren ihres Bestehens geschrieben haben. Neben den Beatles haben das vielleicht höchstens noch drei, vier andere Bands geschafft. Jedenfalls stand über einem möglichen neuen Album lange Zeit die Frage im Raum: „Wird es überhaupt jemals erscheinen?“. Als die Single „Alone“ schließlich im September veröffentlicht wurde, fünf Wochen vor dem eigentlichen Album-Release, habe ich plötzlich so eine verrückte Vorfreude verspürt, eine Vorfreude darauf, Lieder einer verlorenen Welt hören zu wollen, die all den Weltschmerz wie ein tröstendes Heilmittel bekämpfen. „Alone“ basiert auf einem Gedicht des viktorianischen Dichters Ernest Dowson, in dem es wie bei einem Großteil des Albums um Themen wie Verlust, Vergänglichkeit und dem unheilvollen Ende von Hoffnungen und Träumen geht.
The Cure werden also – wie ihr Publikum auch – älter. Und man kann es ruhig mal sagen: „Songs of a lost World“ ist eines der besten Alben, das die Band je veröffentlicht hat. Eine Gewissheit hält das Album auch für uns bereit: Die Umarmung zum Trost wird allen zuteil, die sich auf dieses Kunstwerk einlassen. Wie immer und trotz der Dunkelheit, der man während der 50 Minuten begegnet!
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Rolands Nr. 1: Vampire Weekend – Only God Was Above Us (Columbia)
Sind auch wieder zurück – und wie. Der treffendste Begriff, den ich gefunden haben, um ihre sehr eigene Musik zu fassen, ist Barockpop. Mit diesem Album haben sie endlich wieder die Kronleuchter herausgeputzt – was heißen soll: den Drive vom allerersten Album wieder aufgenommen, vor allem, was das Tempo der Stücke betrifft. Zugleich wurden die auch ordentlich aufpoliert mit Kinderchören, fallenden Klavierläufen, aufmuckernden Gitarren, spitzen Saxophonen, einigem Geigenstuck – einerseits. Andererseits ist es nicht so glatt-langweilig produziert wie die letzten Alben, sondern scheppert schön, als käme es aus alten durchgeleierten Boxen.
Warum mir die Charakterisierung auch schwer fallen mag: irgendwie ist es auch nostalgische Musik – nur konnte ich nicht die Referenzrahmen so richtig identifizieren. Oft ist es aber bei Nostalgie ja eh so, dass eher imaginierte Zeiten als tatsächliche heraufbeschworen werden, und so vermutlich bewusst auch hier. Das nächste, was mir einfiel, vielleicht: Titelmusik angloamerikanischer Vorabendserien aus der Zeit, als Farbe gerade das neue Ding war.
Vor allem macht’s einfach Spaß. Wenn Cure die Musik für ein Kännchen Schwermut sind, dann ist das hier Tee mit Schuss aus einem vitkorianischen Service für einen leicht beschwippsten Nachmittag.
Gregors Nr. 3: Angélica Garcia – Gemelo (Partisan Records)
Das letzte spanischsprachige Album, das ich rauf und runter gehört habe, war „Buena Vista Social Club“ von 1996. Das ist schon deshalb peinlich, weil Spanisch eine fantastische Singsprache ist. Angélica Garcia, in den USA geboren und Tochter mexikanischer und salvadorianischer Vorfahren, singt auf „Gemelo“ bis auf wenige Sätze also Spanisch, die Sprache, die etwa 65 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten sprechen. Eine davon ist ihre Großmutter, die ihre englischen Lieder nie verstand. Garcia wuchs in einem stark von der Latino-Kultur geprägten Umfeld in East Los Angeles auf. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als Selbstfindungsprozess – hier die zentrale Idee.
Garcia kann übrigens auch ausgezeichnet singen, mit großem Stimmumfang und emotionaler Tiefe, mal fastschreiend, mal geisterhaft. Ganz gelegentlich erinnert sie mich sogar an Elizabeth Fraser, die Frau, die mit ihrer Engelsstimme meine Teenagerjahre bereicherte. Außer der Sprache und dem Gesang fehlt aber noch eine letzte Besonderheit. Es gibt vier Hits auf dem Album – vier von zehn. Garcia war ihr Leben lang von Musik umgeben – ihre Mutter war ebenfalls Musikerin und hatte unter dem Namen Angelica einen Top-40-Hit, ihr Stiefvater arbeitete als A&R, bevor er Priester wurde – da ist das Hits schreiben vielleicht sogar naheliegend. „Gemelo“ ist also ein in vielen Teilen großartiges Album mit ganz wenigen Schwächen. Experimenteller Pop mit lateinamerikanischen Einflüssen, stellenweise elektronisch abgebremst. Sie selbst wollte, dass es ungefähr so klingt: „Como Radiohead, pero con trasero“. Nix comprendido? Ab zu DeepL!
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Rolands Nr. 3: UTO – When all you want to do is be the part of fire (InFiné)
Auch wenn Gregor die Metaphorik schon für Peggy Goo bemüht hat: ein einziger Kindergeburtstag. Was also für das Spielerische stehen soll, denn wenn ich jetzt „Elektropop“ zur Einordnung schreibe, greift das ein bisschen kurz, es ist schon stellenweise weit übers Poppige hinaus aufs Tanzen ausgelegt, dann wieder ganz simple ruhige Nummern oder es wird einfach so ein bisschen herumexperimentiert. Auf jeden Fall wussten UTO, ein mir bisher unbekanntes Duo aus Paris, zu überraschen mit diesem sehr unterhaltsamen Album, das ihr zweites ist.
Der untere Session-Auftritt ist offen gesagt nicht sooo überzeugend, das Album dafür aber umso mehr, sonst wärs ja auch nicht meine Drei, ne.
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Gregors Nr. 2: Nick Cave & The Bad Seeds – Wild God (Play It Again Sam)
Für mich war es das Konzert des Jahres: Nick Cave & The Bad Seeds live in Berlin. Nick Cave begleitet mich seit 1984, seit dem Release von „From Her to Eternity“. Ich habe seine Songs immer gemocht, mal mehr, mal weniger. Über 40 Jahre Relevanz und Verlässlichkeit – wer kann das schon von sich behaupten? Im Vorfeld des Konzerts hat sich bereits lose angekündigt, dass er sich von der Menge auch nicht mehr als Messias feiern lassen wird (was die erste Reihe im Saal nicht davon abhielt, ihn genau so zu feiern). Zurückgenommenheit tut es plötzlich auch, schließlich hatte er nicht nur den charismatischen Radiohead-Bassisten Colin Greenwood und Swans-Drummer Larry Mullins an seiner Seite (Martyn Casey fiel aus), sondern auch einen Großteil der angestammten Bad Seeds. Vor allem Warren Ellis, der entrückte Multiinstrumentalist mit dem bauchnabellangen Rauschebart und Thomas Wydler an den Drums nahmen sich ihren Raum. Zusammen mit dem grandiosen Backgroundchor stand da also eine Band auf der Bühne, die auch als solche wahrgenommen wurde.
Zuvor hatte Nick Cave sein 18. Studioalbum veröffentlicht, was mich überhaupt mal wieder dazu brachte, ein Konzert von ihm zu besuchen. Vor allem war die stetige Weiterentwicklung seines Sounds die eigentliche Überraschung, orchestraler als zuvor ist es, deshalb auch ausarrangierter, zurück sind (endlich) auch die ekstatischen Ausbrüche, die ich so liebe, es schwebt und leuchtet und dann dieser Chor – gerade so viel Gospel, dass es die Stimmung nicht zersetzt. „Wild God“ verbindet auf geniale Weise den meditativen, fließenden Sound der unmittelbaren Vorgängeralben mit der für die Bad Seeds so typischen Muskelkraft. Seine dunklen Jahre sind offensichtlich vorbei. Nick Cave blickt der Zukunft wieder positiv entgegen. Wer seine Geschichte kennt, darf sich darüber freuen. “We’ve all had too much sorrow, now is the time for joy” (aus: “Joy”)
Floating Points schwirrt neben Caribou, Four Tet und anderen Konsorten schon jahrelang herum, immer mal wieder mit dem einen oder anderen Electronica-Track, der mich zum Mitwippen überreden konnte. Dann wieder mit einer Reihe ambitionierter Projekte, zuletzt das für mich persönlich doch zu sehr weichgespülte, dafür aber kritikerseits gefeierte mit Pharao Sanders. Gerade wenns in die Ambition ging, wurde ich nicht davon abgeholt.
Jetzt aber ein Album schlicht mit 4-to-the-floor Brettern, wobei die Albumdramaturgie strikt vom brettigsten bis runter zu eher unspektakulären Tracks sich ausfadet: dennoch allein die ersten vier Stück sind schon tollste Schwuppdiwuppdinger. Deshalb verdient bestes Elektronikalbum dieses Jahr.
Nach seinem viel beachteten Debütalbum „Reclusive Rituals“ hat Shay Hazan nun sein zweites Soloalbum veröffentlicht. Und jetzt wird‘s kompliziert, weil hier viel zusammenläuft, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört. Die Musik des Nahen Ostens zum Beispiel, kombiniert mit viel Jazz auch – hier vertreten durch Tenorsaxophon, Gnawa, Gitarre, Perkussion –, als Topics HipHop-Beats, elektronisches Klingklang und Afrobeats und am Ende schön knusprig vergepackt in ein Groove-Mäntelchen.
Shays Signature-Instrument ist die Guembri, eine marokkanische Basslaute mit drei Saiten, die hier noch einen Extrasatz verdient. Man ahnt es: Die Songs entwickeln und verändern sich ständig, geht ja gar nicht anders, wenn jeder Ton mal erklungen sein will. „Wusul“ ist übrigens eine Hommage an sein erstgeborenes Kind. Auch Shay Hazan ist das erste Mal Vater geworden, so wie Michael Kiwanuka (Platz 8) und Joe Talbot (Platz 5). Musste mal erwähnt werden, auch weil es so auffällt.
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Rolands Nr. 6: SPRINTS – Letter to Self (City Slang)
Seit ein paar Jahren ist in Sachen Krachgitarre Dublin Welthauptstadt. Dies‘ Jahr sind SPRINTS mit ihrem Debüt nicht mal die Meistgefeierten von dort – sondern andere Bekanntverdächtige. Bei mir aber schon! (kleiner Spoiler für die weiteren Plätze).
Ihr Name passt, einmal wegen der Großbuchstaben, weil halt LAUT und dann nochmal, weil sie in praktisch jedem Song mindestens einmal richtig losrennen.
Vor ein paar Wochen dann live gesehen und da haben sie auch ordentlich gewirbelwindt, gaben sich wie zu erwarten supersympathisch, weil sie es ja auch sind. Was mir außerdem gut gefällt, bedient gar nicht mal so sehr die Postpunk-Schublade, ich würds schlicht Rocknroll nennen.
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Gregors Nr. 5: Peggy Gou – I Hear You (XL Recordings)
Gekonnt überproduziert – siehe Platz 10 – ist auch das Album „I Hear You” von Peggy Gou. Hüpfburgenmusik mit Riesenrutsche, aufblasbarem Trampolin und Bällebad. Die perfekte Musik zum Toben, Rennen, Klettern, Rutschen, Springen und, ähm: Tanzen? Natürlich! Outdoor und bei strahlendem Balearenblau. Vielleicht noch ein paar Tatsachen zur Einordnung: Peggy Gou (eigentlich Min-ji Kim) stammt aus Südkorea, ist Musikproduzentin, DJ, Modedesignerin und lebt in Berlin.
Es gibt Leute, die behaupten, sie sei vielleicht eine der beliebtesten DJs weltweit. Vielleicht. Bekannt ist sie allemal (seit kurzem auch mir). Nach zahlreichen Singles, einer Übersingle – (It Goes Like) Nanana – und diversen EPs erschien im Juni nun endlich ihr Debütalbum. „Nanana“ ist zwar der zentrale Track und mit 660 Millionen Plays weit außerhalb meiner üblichen Wahrnehmung, aber alles drumherum ist trotz des Gefälles feinster Hungboo, um in der Sprache von Gou zu bleiben, toller, pumpender Vintage-90s-House, der von einer starkern künstlerischen Handschrift geprägt ist. Sie selbst sagt sinnigerweise K-House dazu.
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Rolands Nr. 5: Fink – Beauty In Your Wake (R‘CCOUP‘D)
Manchmal bin ich ganz schön oberflächlich. Das Plattencover jedenfalls hat mich fast davon abgehalten, überhaupt reinzuhören, weil: sieht Finian Paul Grenall, der als Fink firmiert (nicht mit der deutschen Band verwechseln), nicht aus wie jemand, der einem bei grünen Tee ostasiatische Philosophie und Mediation nahebringen will? Alles Dinge übrigens, die ich auch schätze und praktiziere, aber darum geht es doch gar nicht!
Beim Ersthören blieben die Vorbehalte, weil: so wirklich raffiniert ist das nicht, oder, halt Akustikgitarren und Gesang. Nur habe ich es dann doch öfter gehört als gedacht und jetzt liegt das Album plötzlich weit vorne in meinen Charts.
Wie so bei jedem Lied die Akkordfolgen monoton kreisend gespielt werden, um darüber Intensität aufzubauen, da steckt doch bestimmt irgendsoeine Meditationstechnik hinter?
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Gregors Nr. 4: Idles – Tangk (Partisan Records)
Brexit hin oder her: Dass ein Album wie „Tangk“ auf Platz eins der britischen Albumcharts landet, muss den Engländern erst mal jemand nachmachen (selbst die Fontaines D.C. schafften nur Platz 2). Es ist also doch nicht alles misérable auf der Insel, die Idles schon mal gar nicht und „Tangk“ noch viel weniger. Das Wilde, Rohe und Kraftvolle, das die Rebellanten aus Bristol bisher auszeichnete, setzt sich hier zwar nicht konsequent fort, dafür geht es jetzt ausgefeilter und zugänglicher zur Sache. Tangk ist aber noch lange kein reines Schönwetteralbum geworden, bei dem die Wetterfühligen „Sunshine Guilt“ verspüren.
Das Gesellschaftskritische ihrer Texte fiel zwar dem Wort „Liebe“ zum Opfer (das Wort kommt auf dem knapp 40-minütigen Album insgesamt 29 Mal vor), aber sind wir mal ehrlich: Ist heute nicht alles Gefühl, also Feeling, und die Idles lediglich Opfer eines gesellschaftlichen Wandels? Sorgen muss man sich nämlich nicht um die fünf Koryphäen des Postpunk. Während 95% der heute veröffentlichten Musik die Liebe als reine Gefühlsduselei verkauft (mit all dem dazugehörigen Ego-Weltschmerz), scheint es Sänger Joe Talbot mehr um den Wunsch nach einer besseren Welt zu gehen. Dieses Ziel wurde schon immer mit viel Liebe erreicht. Und außerdem geht es – zwar weniger direkt als auf den früheren Alben – weiterhin um soziale und politische Themen. Ein Crowd-Pleaser in vielerlei Hinsicht!
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Rolands Nr. 4: Beth Gibbons – Lives Outgrown (Domino)
Selten war’s bei mir so, dass schon nach wenigen Takten praktisch jedes Lied sich so eingebrannt hat, als wäre es schon immer da und hätte ich es schon immer gekannt. Was sicher auch an Beth Gibbons selbst liegt, die von sich aus gleich ihren eigenen Referenzraum und Bezugsrahmen mitbringt. Dennoch, ungefragt und uninteressant, weise immer immer gerne drauf hin, wenn mal die Rede auf Portishead kommt: war nie wirlich großer Fan.
Hier aber sofortiges Einrasten: Mit dem ganzen Perkussionbeiwerk und orchestralen Arrangements verfugen sich Stimme und Musik ganz außerordentlich und sind sofort als Einheit da. Mich wundert auch nicht, dass das Album zehn Jahre oder ähnlich in the making gebraucht haben soll. Also: Instantester Classic – wenn es je einen gab.