Nach meinem zuletzt eher düsteren Ausblick auf die Zukunft des Musikvideos darf ich heute Entwarnung geben! Festzuhalten bleibt, dass die künstlerische Qualität von Musikvideos derzeit einem ständigen Auf und Ab unterliegt, das das wechselhafte Niveau popkultureller Bildproduktion sichtbar macht. Bei einem so riesigen Markt wie diesem ist das zwar verblüffend, doch umso mehr dürfen wir uns darüber freuen, dass es 2025 eine beachtliche Zahl guter Musikvideos gab, die nicht in die übliche Top-Ten-Logik passen. Im Gegenteil: Die Liste ließe sich sogar noch deutlich erweitern. Anders als 2024, als A$AP Rocky mit „Tailor Swif“ einen Meilenstein setzte, fehlt in diesem Jahr das eine, alles überragende Video. Dafür kann man sich alle zehn Musikvideos wunderbar am Stück anschauen.
Und ja, KI setzt sich zunehmend durch. Das war absehbar, doch inzwischen wird sie zum festen Bestandteil der kreativen Standards. Mal als unaufdringliche Helferin im Hintergrund, mal als selbstbewusste Hauptdarstellerin. Aber seht selbst.
Wer sich die Reihe auf YouTube anschauen möchte, wird hier fündig.
10. Rimon – Where Do We Go?
Regisseur Gabriel Dugué inszenierte das im Mai 2025 veröffentlichte Musikvideo als filmische Kindheitserinnerung, die die Höhen und Tiefen dieser Zeit widerspiegelt. Das Besondere an dem Clip ist die durchgehende 360°-Kamerabewegung, die dem Video eine einzigartige Dynamik verleiht. Dabei dreht und verschiebt sich die Perspektive ständig.
9. Jianbio – For The Honour (feat. Nix Northwest)
Die vollständig computeranimierte Cyberpunk-Welt von For the Honour erinnert stark an die Ästhetik von GTA (Grand Theft Auto) und die Bildsprache der PlayStation-2-Ära. Zugleich sind Anklänge an „Blade Runner 2049“ und die neongetränkten Stadtlandschaften von Wong Kar-Wai erkennbar. Produziert wurde das Video von der renommierten Produktionsfirma Stink.
8. Doechii – Denial is a River
„Denial Is a River“ ist eine witzige, selbstironische Sitcom-Parodie, in der sich Doechii durch eine heile-Welt-Kulisse mit eingespielten Lachern rappt. Sie wird betrogen, wirft den Ex raus, steigt zur Rapperin auf, kämpft mit Partys, Sucht und Erfolg, bis die Geschichte schließlich ihren Höhepunkt erreicht.
Die Regie führten James Mackel und Carlos Acosta (Produktionsfirma: LOTUMN), die Creative Directors waren Doechii und Moosa Tiffith.
7. FKA twigs – Perfect Stranger
Im Musikvideo zu Perfect Stranger von FKA twigs verdichtet Regisseur Jordan Hemingway Tanz zu einer fast ritualhaften Abfolge von Momenten. Anstelle einer linearen Geschichte entfaltet der Clip eine Bildsprache, die radikal auf den Körper fokussiert ist. Für mich eins der besten Performance-Videos des letzten Jahres.
6. Saeko Killy – Dream In Dream
Christine Gensheimer ist eine Animationskünstlerin, Illustratorin und Filmemacherin, bekannt für ihre surrealen, handgezeichneten Kurzfilme und Collagen-Animationen, in denen sie analoges Material wie Zeitungsschnipsel und Druckraster in digitale Traumwelten überführt. Für Saeko Killy gestaltete sie das Musikvideo zu Dream In Dream.
5. Cero Ismael – Driving Round Looking For Unknown
Die Regisseure Folkert Verdoorn und Simon Becks inszenieren das Musikvideo zu Driving Round Looking For Unknown als absurdes Genre-Mashup. Statt einer linearen Geschichte erwartet uns eine humorvolle Sci-Fi-Dystopie im Steampunk-Stil.
4. Stereolab – Aerial Troubles
Der französische Digitalkünstler Laurent Askienazy konzipierte und inszenierte das Musikvideo zu Aerial Troubles mit KI-generierten Bildern. Ein traumhafter Trip, der perfekt zur krautigen Synth-Pop-Hypnose der Band passt.
3. Oneohtrix Point Never – Measuring Ruins
Oneohtrix Point Never ist in dieser Best-of-Reihe kein Unbekannter. Der Clip zu „Measuring Ruins” wurde von dem in New York arbeitenden Video- und Medienkünstler Yoshi Sodeoka realisiert, der für seine psychedelischen, glitchartigen 3D-Animationen und experimentellen Musikvisuals bekannt ist.
2. OK Go – Love
Wer dachte, dass OK Go 27 Jahre nach ihrer Gründung keine guten Einfälle mehr haben, irrt sich gewaltig. Das Musikvideo zu „Love“ ist einmal mehr ein Meisterwerk. Es wurde in einem einzigen Take im prächtigen, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Westbahnhof in Budapest gedreht. 63 bewegliche Spiegel auf 29 Roboterarmen erzeugen kaleidoskopische Effekte zu Tanz und Musik. Die Regie führten Damian Kulash (Sänger von OK Go), Aaron Duffy und Miguel Espada (Executive Creative Technologist bei SpecialGuestX).
1. Sabrina Carpenter – Manchild
Sabrina Carpenter und ihr Team gehören seit Langem zu den ganz Großen der kreativen wie ausgefallenen Musikvideo-Szene. In ihrem „Manchild“-Video nimmt sie in einer absurden, humorvollen Roadtrip-Satire durch den amerikanischen Westen bizarre „Manchild“-Typen aufs Korn.
Regie führten Vania Heymann und Gal Muggia, die den Songtext über unreife Partner mit schnellem Trailer-Editing und einer Parade skurriler Figuren als bissigen „Roast“ inszenieren. Die absurde Übertreibung der unreifen „Manchild“-Typen mit Jetskis und Einkaufswagen-Motorrädern sorgt für schräge, überhitzte Comedy, die perfekt zu dem spöttischen Song passt.
