The White Birch — Star Is Just A Sun (Glitterhouse)

Wie es wohl den Nixen und Wassergeistern ergeht, wenn wochen- ja monatelang ein Eispanzer Fjorde und Seen umschließt? Nun ist freilich die Existenz solcher Fabelwesen mehr als fraglich und aus wissenschaftlicher Sicht höchst zweifelhaft. Doch nehmen wir einmal an es gäbe sie, welche Wahrnehmung wäre ihnen zueigen. Eine Frage, die sich Ola Flà¸ttum vielleicht nicht stellte, aber dessen neues Album Star Is Just A Sun eine faszinierende Antwort liefert.

Flà¸ttum, Sänger, Multiinstrumentalist und Kopf des Osloer Trios The White Birch, ist keineswegs ein New-Age-Anhänger, der auf Suche nach spiritueller Eingebung durch die Weiten der norwegischen Landschaft zieht. The White Birch sind ein Trio, das in ihrem Heimatland schon durch frühere Postrock-Veröffentlichungen bekannt wurde, nach nunmehr vierjähriger Pause, in der ein neues musikalisches Selbstverständnis geboren wurde, eine neue Platte veröffentlicht hat. Nicht irgendeine, sondern eines der besten Alben des Jahres 2002. Star Is Just A Sun bedeutet große Popmusik. Klänge, die in Zeitlupe verlaufen, Kompositionen, denen alles blendende Beiwerk obsolet erscheint, eine brüchige, hohe Stimme, deren spröde Verletzlichkeit so unmittelbar eindringlich wirkt.

So könnte Musik wohl klingen, die in der Tiefe des Wassers, dort wo die Temperatur im Winter konstant 4 Grad C beträgt, dein Ohr erreicht (oder doch eher die Seele). Wenn die Eisschicht gleichsam als Filter alle Verstellung und Künstlichkeit bindet und nur noch in Töne gegossene Emotionen das Eis durchdringen.

Von der Liebe singt Flà¸ttum, gekleidet in lyrische Bilder, durchzogen von Wehmut und Melancholie. Nicht die einzige Parallele zu Gruppen wie Sigur Ros, Low, den späten Talk Talk oder der amerikanischen Slowcore-Legende Codeine, deren 1994 erschienenes Album The White Birch auch Namensgeber war. Es ist diese besondere Grundstimmung, die allen genannten Gruppen, bei aller unterschiedlicher musikalischer Ausformung, eigen ist. Im Falle Star Is Just A Sun ein Grundgerüst aus Piano, Keyboard- und Gitarrenklängen, angereichert mit sparsamen Schlagwerk. Synthesizer oder Samples fanden bewusst keine Verwendung, denn das Trio, so Flà¸ttum, war bestrebt einen möglichst organischen, natürlichen Klangkosmos entstehen zu lassen.

Das deutsche Plattenlabel Glitterhouse, einst Überbringer der amerikanischen Grunge-Welle, aber seit vielen Jahren dem Singer-Songwritertum unterschiedlichster Couleur zugetan, hat dieses Album trotz innerbetrieblicher Konkurrenz von Gruppen wie Dakota Suite oder Ai Phoenix zum Album des Jahres 2002 erklärt. Wer um die ähnlich gelagerten Qualitäten der besagten Gruppen weiß, vermag zu beurteilen, welch Ritterschlag dies bedeutet. Star Is Just A Sun – ein Album, das vor Intensität schier zu bersten droht, atmospärisch dicht ohne überladen zu wirken. Ein Album nicht nur für kalte Tage und ein Album, bei dem, wenn man aufmerksam lauscht, die Nixen und Wassergeister atmen hört.

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