strengere Quoten für die Quotenregelung!

Gerade erst ist das Thema Quotenregelung zum Wohle deutschsprachiger Interpreten in Funk und Fernsehen neu entbrannt, da setzt Stefan Müller dem leidigen Thema auch schon ein Ende. Sein Artikel »Es geht um Kohle, nicht um Kultur« ist ein beherztes Plädoyer gegen die muffige Regulierungsforderung weltfremder Politiker und ratloser Business People. Den SCHLUSSkommentar gibt’s hier in voller Länge…

Auch noch zum Thema: Frank »Sterne« Spilker schreibt in der Sueddeutschen, dass er für den privaten Gebrauch eigentlich kein Radio braucht, es aber schön fände, wenn man die Musik der Sterne im Radio hoch und runter spielen würde. Schade!

Es geht um Kohle, nicht um Kultur
Die Forderung nach einer Quote für deutsche Musik im Radio ist wie Herpes: Äußerst ärgerlich, immer wiederkehrend – und vollständig sinnlos
Von Stefan Müller

Im jamaikanischen Slang ist der „Selector“ ein Musikliebhaber, der die neuesten und besten Scheiben auflegt und damit die „Dancehall“ zum Kochen bringt. „Selector“ – so heißt zufälligerweise auch die gängige Musiksoftware für Hit-rotierende Radiosender. Dieser Selector ist allerdings ein willfähriger Automat: er lässt sich mit aktuellen Hits füllen und spuckt diese in regelmäßigen Abständen wieder aus; wenn gewünscht, zehnmal am Tag. Das Prinzip dieser Hit-Rotation stammt aus den USA und hat deutsche Privatradios und öffentlich-rechtliche Popwellen im Sturmlauf erobert.

Noch ein Sturmlauf: Der größte jamaikanische Popstar seit Bob Marley heißt Sean Paul. Der 28jährige Sänger tummelt sich mit seinem aktuellen Dancehall-Hit Get Busy seit Wochen in den Top-Ten der weltweiten Charts. Eine erstaunliche Erfolgsgeschichte für eine Musikrichtung, der bis vor kurzem keinerlei Mainstream-Kompatibilität zugetraut wurde. Vielen Radiosendern war die Musik von Sean Paul zu „undergroundig“, andere Stationen gingen auf Nummer Sicher und spielten Get Busy erst, als es sich als sicherer Hit entpuppt hatte. Ähnlich lief die Sache vor einem halben Jahr mit dem schrägen Mundian To Bach Ke des indischstämmigen Briten Panjabi MC. Der exotische HipHop-Hybrid setzte sich wochenlang auf Platz zwei der deutschen Hitparade fest und wurde als „erfolgreichster Newcomer“ prämiert. In beiden Fällen hatte das Radio als Trendbarometer versagt – ausschlaggebend für den Erfolg waren zunächst die Clubs und später die Videoclips.

Seit dem prophetischen 81er Hit der Buggles Video killed the radiostar weiß jedes Kind: Die Hits werden nicht mehr vom Radio gemacht, sondern von den Clipsendern MTV und Viva. Die Gründungsphase des deutschen Musikfernsehens Viva fiel vor knapp zehn Jahren zusammen mit einem regelrechten Boom an deutschsprachigem HipHop, allen voran Stuttgarts Vorzeige-Rapper „Die Fantastischen Vier“ und Frankfurts Inderin Sabrina Setlur. Den warmen Geldregen saugten die an Viva beteiligten Majorlabels gern auf.

Doch nun ist die Euphorie verflogen. Die Geschäfte laufen so schlecht wie noch nie, und plötzlich sind die Radiosender mit schuld an der Misere, so Gerd Gebhardt, Chef der deutschen Phonoverbände. Jetzt wird der öffentlich-rechtliche Kulturauftrag angemahnt und nach ambitionierten Programmen verlangt, „die es sich noch auf die Fahnen schreiben, gute Musik bekannt zu machen“. Was der Mann unterschlägt: im ARD-Verbund gibt es eine Fülle solcher Angebote mit dem gewünschten „entschieden subjektiven Geschmack“. Gerade sind die deutschen Bands „Wir sind Helden“ und „Virginia Jetzt“ – auch durch Airplay mutiger Jugendsender – als Hoffnungsträger der Branche durchgestartet. Hessens Radio XXL sorgte mit einer speziellen Version aus Hits von Eminem und Nena für Furore – die beteiligten Plattenfirmen verschliefen jedoch die Chance, diesen exklusiven, todsicheren Chart-Knaller zu platzieren.

Die Musikbranche befindet sich in der Defensive und muss sich unbequeme Fragen gefallen lassen: Warum haben die Majorlabels ihren Sender für innovative und unbekanntere Musik, Viva Zwei, durch die poppige Mainstream-Variante Viva plus ersetzt? Wo es doch darum ging, „dringend Plattformen für deutschsprachige Musik“ (Gebhardt) zu schaffen? Man besitzt praktisch einen Abspielkanal, nutzt ihn aber nicht. Die hausgemachte Misere sollen nun andere Medienkanäle wieder hinbiegen und zwar mit Hilfe der Politik. „Die Musikwirtschaft hat sich entschlossen, eine Quote für Musik im öffentlich-rechtlichen Radio zu fordern“ – eigentlich eine olle Kamelle, aber so eröffnete man geschickt einen Nebenschauplatz und spannte sich eine illustre Politikerriege vor den Karren, von Ex-Kulturstaatssekretär Julian Nida-Rümelin über Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) bis Bayern-Staatsminister Erwin Huber (CSU). Welche Radiosender diese Herren bevorzugen, ist nicht überliefert, ebensowenig, ob sie überhaupt dem Äther lauschen.

Die kommerziellen Sender jedenfalls dürfen weiterhin ihre Hits rotieren lassen. Schon kursieren im Internet Seiten von aufgebrachten Radiohörern wie „Rotationsverbot.de“, die sich für eine Abschaffung der „Dauerrotation“ einsetzen. Währenddessen stellen sich die Internet-Freaks längst per DSL-Flatrate ein weltweites Radio-Lieblingsprogramm zusammen. Keine Spur von lästiger Hit-Rotation: On-demand lassen sich beispielsweise die Glanzlichter unter den BBC-Radiosendungen nach Hause holen. Ein Paradigmenwechsel deutet sich an, redet hier jemand noch von einer Quote?

„Den Befürwortern einer Quote geht es nicht um Deutschtümelei“, beruhigte Nida-Rümelin kürzlich in der Süddeutschen Zeitung, „sondern um kulturelle Vielfalt und künstlerische Kreativität“. Bei Phonoverbands-Mann Gebhardt heißt es: „Wir brauchen die Radioquote zur Stärkung unserer nationalen Musikkultur.“ Doch was verbirgt sich genau hinter dieser „nationalen“ Musikkultur? Man denkt mit Grausen an Küblböck und Co. Im Zweifel definieren die Plattenfirmen ja immer selbst, was sie für wirtschaftlich relevant halten. Und da liegt auch der zum Himmel schreiende Anachronismus ihrer Quoten-Forderung: es geht in Wirklichkeit um Kohle, nicht um Kultur. Noch süffisanter: In der DDR existierte einst eine 60-Prozent-Quote für Musik aus den Ostblock-Ländern. Herr Thierse, wollen Sie uns das noch einmal antun ? Nein, die Koalition aus Politik und Industrie will „Minderheiten-Schutz“ und „Artenvielfalt“. Konkret: jeder zweite gespielte Musiktitel soll eine Neuheit sein, die Hälfte davon wiederum soll auf deutsch gesungen werden.

WDR-Musikredakteur Tom Petersen findet es hingegen „wunderbar“, wenn der Kölner Reggaestar „Gentleman“ auf Patois singt, dem jamaikanischen Dialekt, und „wenn RZA mit Xavier Naidoo rappt“. Man merkt schnell: es gibt gar keine rein-deutsche Musikkultur mehr. Daher sei die verordnete Quote eine „veraltete, sinnlose Sache“ (Petersen), die nur die Hilflosigkeit der Industrie zeige. Und Eins-Live-Kollege Wolfram Kähler ergänzt: „Bei uns herrscht eine große Offenheit und weitreichendes Engagement, was deutsche Produktionen angeht.“ Radiomacher Klaus Walter (Der Ball ist rund in hr3) meint: „Was wir brauchen, sind unabhängige Radio-DJs, die ihren Job mit Enthusiasmus machen und von den Radiostationen dazu die nötige Rückendeckung erhalten.“

In einer ohnehin globalisierten Musikwelt kann es sich der US-Rapstar RZA vom Wu-Tang-Clan erlauben, sein aktuelles Album mit den „deutschen“ (aber in Wirklichkeit multikulturellen) Gastsängern Xavier Naidoo, Curse, Afrob und Cool Savas auszustaffieren und ausschließlich in Europa zu veröffentlichen. Der aus Polen stammende Berliner Diskjockey DJ Tomekk hat sich ebenfalls prominente Verstärkung aus der US-HipHop-Szene geholt. Ein Schachzug, der in Frankreich schon vielfach erprobt ist: dort sind einheimische Rapper regelmäßig als Gäste bei US-Größen an Bord. So umgehen die Amerikaner geschickt die seit neun Jahren geltende französische Radioquote.

„Die deutsche Szene wird sich auch ohne Radioquote etablieren“, davon ist Herbert Grönemeyer überzeugt. Eine gesetzlich festgeschriebene Quote führt in eine Sackgasse. Gefragt sind mutigere Musikredakteure, die ihre Automaten auch freiwillig mal mit Blumfeld statt Catterfeld füttern. Keine Angst vor guter Popmusik, das wissen auch die musikliebenden Selectors aus der jamaikanischen Dancehall.

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