Dictaphone + Denzel & Huhn

Wenn Musik zum Hörspiel wird! Hinter Dictaphone steckt ein Typ, der seine Umwelt akustisch wahrzunehmen scheint. Ein Tüftler, der ohne sein Aufzeichnungsgerät das Haus nicht verlässt und ein Freak, der in erster Linie etwas schaffen will, dass neben dem Gewohnten mit guten Ideen glänzt. Die Gegenseite darf sich beim Hören von »m. = addiction« auf die Suche nach Kleinteiligen begeben, darf die Ideen ergründen und die erarbeiteten Ausdrucksformen adeln.

Ein Mandat für’s Klangforschen bekam er über seine Rechenanlage und so wie’s scheint, ist Doerell tief eingedrungen in die Materie, hat Möglichkeiten entdeckt, wie Sound im mathematischen Geflecht einer Festplatte spannend klingen kann. Er hat für uns die Klangwelt dieses kunstlosen Kastens, den jeder zuhause stehen hat, durchforstet, jeden Tag zehn bis zwölf Stunden; und das zwei, drei Jahre lang, um uns Daheimgebliebenen einfache Sinustöne mitzubringen. Er hat sich dabei zum Handwerker gemausert, zum Facharbeiter seiner Zunft, hat jeden Winkel nach geeigneten Sounds abgesucht, um dann aus einer Vielzahl an Möglichkeiten einfach das Nächstliegende auszuwählen. Das hört man dem Album an, denn der Wahlberliner gehört zu den Menschen, die sich zurücknehmen können und uns nicht mir ihren virtuosen Ideen auf die Nerven fallen.

Die Sounds werden dabei nicht ausschließlich am Computer generiert. Doerell befindet: »Wenn du nur die Presets von Synthesizern nimmst, dann ist das tot, dann hast du das nicht gemacht. Es bringt nichts, wenn’s toll klingt. Das hat überhaupt keine Aussage. Du musst immer selber die Sachen für dich entdecken, so dass sie von dir sind. Nur so kannst du etwas transportieren.« Seine Field Recordings, in Eigenregie aufgenommene Alltagsgeräusche, klingen dabei nicht nach Mitte, vielmehr sucht er die ruhigen, entspannten Augenblicke Berlins, die (zum Teil) ein ernstes Licht auf uns werfen.

An seiner Seite steht seit knapp drei Jahren Roger Döring, seines Zeichen Saxophonist und Klarinettist. Mit ihm zusammen steht die Vision eines »elektronisch prozessierten Slomotion Jazz«. Minimalistisch gespielte Blasinstrumente treffen auf zurückhaltende Geräusch-Elektronik fernab klassischer Klischees — eine glückliche Symbiose. Dictaphone ist übrigens kein reines Studioprojekt. Gemeinsam steht man auch auf der Bühne und zeigt sich gerne Als Band: Doerell kümmert sich um’s Digitale, Döring um’s Analoge.

Ein weiterer Highlight auf City Centre Offices ist das Album der beiden ehemaligen Mitglieder von Ornament und Verbrechen, Bertram Denzel und Erik Huhn. Unter dem Namen Denzel + Huhn wurde vor kurzem ihr Debüt-Album »Time Is A Good Thing« veröffentlicht. Im Gegensatz zu Dictaphone setzen die beiden Musiker hinter jeden Track/Entwurf demonstrativ einen Punkt und stellen den Hörer vor die Frage: Hast du die Details kapiert? Anstelle eines über die volle Spiellänge des Albums durchkomponierten und verknüpften Sounds/Gefühls tritt bei ihnen das Spiel mit differierenden Geräuschen, die im komplexen Gesamtwerk mit deinen Schallfängern gehörig herumexperimentieren. Der analoge Teil der Arbeit fällt bei ihnen völlig weg. Allenfalls ein paar Gitarrensamples kümmern sich um lieb gewonnene Töne, der Rest kratzt, zerrt, bohrt, zirpt, klopft, rohrt und scheppert im Tonfall einer Klimaanlage, windet sich in repetitiven Klangmustern und frönt (in den selteneren Augenblicken) der Sehnsucht und Traurigkeit. Denzel + Huhn machen ohne jeden Zweifel elektronische Musik. Musik für die ruhigen Augenblicke im Leben. In dieser Hinsicht stehen sich übrigens die zwei besprochenen Alben sehr nahe. Volle Punktzahl für beide!

Am 12.12. spielen Dictaphone im Ruderklub 1865 (Alte Brücke) in Frankfurt.

Dictaphone – m. = addiction (City Centre Offices/Hausmusik)
Denzel & Huhn – Time Is A Good Thing (City Centre Offices/Hausmusik)

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3 Antworten auf Dictaphone + Denzel & Huhn

  1. Lydia sagt:

    Hi Gregor, alter Schwede. Habe heute deine Winterswap CD erhalten, mille grazie sage ich da! Auch wenn ich bei Titel Nr. 1 schwer ins Grübeln kam, wann denn die Musik endlich losgeht ;).
    Sehr strange, aber that’s music – du hast einen ausgefallenen Geschmack!
    P.S. Die Farbe war trocken.

  2. Gregor sagt:

    Mist, Roland von Ronsens hat mich gewarnt. Ich habe ihm eine Vorabversion meiner Compilation geschickt mit der Bitte, mal eben kurz die Vibes zu prüfen. Dat war dann weitestgehend in Ordnung. Einzig der Opener hat ihm Kopfzerbrechen bereitet. „Damit käme ich bei meinen Beschenkten nie und nimmer durch“ war sein klares Urteil. Wollte den Track eigentlich an sanfterer Stelle unterbringen (also nicht als Opener); hab’s aber dann schlicht vergessen.

  3. roland sagt:

    aber ich fand es schon interessant, zu erfahren, dass lydia eine deiner empfängerinnen ist und schon auf ihre reaktion gespannt. die cd ist mit ihren worten gut zusammengefasst, würde ich sagen

Immer auf der Suche nach dem Flow, begeistern Gregor Maria Schubert und Roland Graffé sich für Trends, Widersprüche und Abseitiges in Kunst, Musik und Medien.

Machtdose entdeckt, kultiviert, archiviert, und teilt Glanzlichter der Popkultur und persönliche Vorlieben mit allen anderen Träumern, Liebhabern und Neugierigen.

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