Konsumrebellen

Altes vom alten Schlawiner: Anmerkungen zu Jospeh Heath / Andrew Potter: »Konsumrebellen – Der Mythos der Gegenkultur«, Hamburg 2005, 432 Seiten (The Rebel Sell, Toronto 2004)

»Wir müssen in unserem Leben wieder Raum finden für das Politische als einer besonderen Sphäre neben dem Kulturellen. Um diesen Raum zu schaffen, könnten wir zuallererst einiges von dem Konsumbrimborium beiseite räumen und in unser Leben etwas mehr Uniformität bringen. Statt den Mut zu haben, anders zu sein, sollten wir vielleicht den Mut haben, die Gleichen zu sein.« – Das sind Worte, die erschrecken und nachdenklich stimmen. Zwar sind sie bereits (übersetzt) vor zwei Jahren erschienen, jedoch darf auf einem Weblog, der sich schon seit Jahren erfolgreich der Gegenkultur verschreibt, eine Rezension nicht fehlen, zumal Konsum an sich durch das derzeitige Überthema (»Klimakatastrophe«) an zusätzlicher Brisanz gewonnen hat.

Was möchte uns das kanadische Autorengespann sagen? Zunächst gehen sie auf die Geburt des gegenkulturellen Denkens ein: Während Rousseau und später Marx und Engels ihre Kritik noch an die Aristokratie bzw. Bourgeoisie gerichtet haben, ist im 20. Jahrhundert – insbesondere aufgrund des Faschismus – die Gegenkultur entstanden. Diese wendet sich in allen Facetten (Hippies, Punks, Ökos, Globalisierungsgegner usw.) gegen den Konformismus und insbesondere den Kapitalismus, der als Urheber des ersten angesehen wird. Theoretisch Begründung erhielt man vor allem durch Freud, der ja bekanntlich ein zeitloses Unbehagen an bzw. in der Kultur diagnostizierte, sowie durch die Ergebnisse des Milgram-Experiments. Darauf führen die Autoren das Freudsche Denken und dessen postmoderne Varianten sowie Marx‘ Auffassung, dass der Kapitalismus an Überproduktionskrisen leide, ad absurdum und setzen dem solides Hobbessches Denken entgegen: »Homo homini lupus«, und deshalb muss es Gesetze und mühselige Politik samt kleinschrittiger Arbeit an der Verbesserung der gesellschaftlichen Institutionen geben, die man nicht zum repressiven System totalisieren darf. Der Idee der Gegenkultur ist damit ihr theoretisches Fundament entzogen. Dennoch halten es die Autoren noch für wert, Handlungen, die auf gegenkulturelles Denken aufbauen, Einwänden zu unterziehen: Der Mensch wird nicht von der Werbung, die das System angeblich repräsentiert, zum Konsum verdammt, sondern nur deshalb, weil er sich unterscheiden oder bloß nur nicht hinten anstehen möchte, was letztlich die Triebkraft des Kapitalismus, dem alten Schlawiner, ist. (Werbung existiert nur deswegen, weil man als Anbieter verständlicherweise nicht hinter anderen zurückstehen möchte, und hat bestenfalls zur Folge, dass diesen einige Kunden weggeschnappt werden. Werbegesetzgebung kann hier – ein wichtiges Denkmuster des Buches – wie ein Rüstungskontrollabkommen dienen, eine Revolution ist nicht von Nöten.) Auch der Konsumrebell (bezüglich Kleidung, Musik, Technik, Nahrung, Reisen, Globalisierung usw.) in seinem letztlich erfolglosen Versuch, sich vom Mainstream abzugrenzen, bestimmt mit seinen Abweichungen heute die Konsumgüter von morgen und dient damit als Trend-Scout des angeblich repressiven Systems: »Es ist richtig, dass wirkliche Kreativität absolut rebellisch und subversiv ist, indem sie alle bestehenden Denkmuster und Lebensformen sprengt. Sie sprengt alles, nur nicht den Kapitalismus selbst.« Besonders unterhaltsam wird das Buch, wenn dargestellt wird, wie fein das konsumrebellische Distinktionsnetz mittlerweile gespannt ist. Den gut Betuchten geht es dabei vornehmlich um Positionsgüter. Also: Nicht der Kapitalismus als tyrannisierendes Gesellschafts-Etwas ist am Konsum schuld, sondern ein allzu menschliches Bedürfnis, das es – durchaus auch mit Mitteln traditionell linker Politik – zu zähmen gilt. Scharfsinnig erweisen sich die Kanadier vor allem in Detailanalysen, z.B. von »Bowling for columbine« und »American Beauty«, an deren Intentionen nicht Gutes gelassen wird. Beide Filme haben mich zugegebenermaßen seinerzeit angesprochen.

Insgesamt ist das Buch sehr angenehm zu lesen, was vor allem an der souveränen Verbindung von Theorie und Anschauung liegt. Zwar schütten die Autoren bisweilen das Kind mit dem Bade aus, beispielsweise wenn alternative Medizin oder Erziehung (Kritik an der Pädagogik) als Konsumrebellismus behandelt wird, aber so ist eben: Je einseitiger man Theorien vertritt, umso auffälliger wird man. Abgesehen davon bleibt aber noch eine entscheidende Frage: Wofür der ganze Feldzug? Wer nimmt Kultur-/Konsumrebellen heute noch ernst? Wer glaubt noch, dass Armut, Entfremdung, Kriminalität, Umweltzerstörung oder Sexismus durch Konformismus und Kapitalismus determiniert sind? Ich habe mich bezüglich des alten Schlawiners jedenfalls noch nie subversiv gefühlt, obwohl ich so genannte Indiemusik höre, Akupunktur schätze, Low-Budget-Filme bevorzuge, Ökolebensmittel kaufe, auf alternative Pädagogik stehe, keine Fahrerlaubnis besitze, ständig mit dem Fahrrad bei Rot über die Ampel fahre und noch anderen kriminellen Machenschaften fröne. Dass beispielsweise Klimaschutz nur durch pragmatische Politik, also durch (den Kapitalismus nicht in Frage stellende, allerdings internationale) Konsumsteuer, zu erreichen ist, kann man jedenfalls kaum bestreiten.

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