Weihnachtsmix 2004 pour le Grex

Rein rechnerisch liegt der »Weihnachtsmix 2004 [pour le Grex]« schon seit Wochen auf Platz 1 meiner aktuellen Mixkassetten-Top-Ten. Damit hat er gute Chancen, in der ewigen Bestenliste ganz weit oben zu landen, bestenfalls leicht hinter dem Musik-1-Mix, der seinerzeit, etwa um 1990 herum, Maßstäbe gesetzt hat (der Bob-Beamon-Effekt). Roland, der sich nach wie vor als Nichtfachmann ausgibt, als ein defätistischer obendrein, hat Geschmack, ohne jede Frage. Und einen Kulturauftrag. Ich bin sein Abnehmer.

1. Bark Psychosis – Rose (Fire Records)
Geht müde los, so wie ich’s mag, und albern (in diesem Kontext allerdings witzig): »Vertraue mir« tönt’s hinter flackerndem Sternenstaub. Mach‘ ich. Mein Hirn wird schläfrig…

2. Lullatone – Wake up wake up (Plop)
…und schreitet Richtung Zauberwald. Dank eines glockenspielartigen Pling-Plong-Einerleis erfolgt die endgültige Gefangennahme. Ich sehe ein Kinderzimmer, eine Harfe, ja, sogar das Zupfen. Und Kabel, die in einen Rechner führen. Schönes Arrangement. Hat zudem die Wirkung einer Beruhigungspille.

3. Bexar Bexar – KT (Western VI)
Piano, leise gespielt. KT nimmt sich zurück, hat keine Höhen und keine Tiefen, ist einfach da, so wie das Meer. Ein Monochromat.

4. Farben – Farben says love to you baby (Klang Elektronik)
Warm wie Vulkanerde. Soll einer sagen, Computer sind doof. Jan Jelinek wohnt in einem und hat das Herz eines Berggeists. Zeitlos schön und ohne jeden Zweifel der erste Höhepunkt. Wann geht’s bei ihm eigentlich weiter?

5. Joanna Newsom – The book of right-on (Drag City)
Der größte Hit der vergangenen Monate. Lege manchmal die CD ein, nur um diesen Song zu hören. Hat dazu den Hornby-Effekt: Ich spiele »The book of right-on« unter Beteiligung einiger Zuhörer und warte auf Nachfragen. Todsichere Angelegenheit und für zeugungswillige Singletypen ein lupenreiner Hofmacher.

6. Gustavo Santaolalla – Gaucho (Colosseum)
Folklore im weitesten und im besten Sinne, die hüpft. Passt äußerst gut zu Newsoms Hall, der nur zögerlich verklingt. Gustavo Santaolalla hat mit seinen Soundtracks so ziemlich alles gewonnen, was man als Filmkomponist gewinnen kann (O.S.T. für »Die Reise des jungen Chæ« + »21 Gramm«), ist also eher Filmfreaks bekannt. Bin sehr anfällig für diese Art von Musik. Ob so etwas auf Albumlänge spaßt?

7. Sufjan Stevens – In the devils territory (Sanctuary)
Auf Dauer geht mir Stevens eher auf die Nerven, wenngleich er mit dem, was er da macht, ganz sicher eine Ausnahmeerscheinung ist (trotzdem kann ich mich für solcherart Traurigkeiten im Moment nicht begeistern). »In the devils territory« ist aber toll, in jeder Hinsicht. Ich habe eine Schwäche für Multiinstrumentalisten, die jeden verdammten Ton selbst einspielen. Stevens beherrscht neben Gitarre und Klavier viele weitere Instrumente wie Oboe, Xylophon, Glockenspiel und Theremin. Letztgenanntes findet auf diesem Song seinen Einsatz. Mein Lieblingsinstrument 2003.

8. Archive – Waste (Eastwest/Warner Music)
Niesel, Regen, Autobahn – eine unfassbar langweilige Assoziation. Schießt auch diesmal durch meinen Kopf, vielleicht auch deshalb, weil ich unlängst auf der Fahrt nach Brüssel eben jene Situation durchleben durfte. Archive müssen in einer ganz Ähnlichen gewesen sein. Herrlich dronender Rockepos, der mit 10 Minuten Spiellänge und ähnlich gearteter Dramaturgie an eine entschleunigte Version des Hüsker-Dü-Klassikers »Reoccuring dreams« (Zen Arcade) erinnert. Hymne!

9. Skalpel – Sculpture (Ninja Tune)
Hall & Schall plus jazzoide Leichtigkeit. Die Trommelschläge stammen aus dem Musikunterricht. Könnerhaft, ohne zu nerven. Ideal, um Wut und Spannung des letzten Liedes abzufedern. Skalpel sind Marcin Cichy und Igor Pudlo aus dem polnischen Wroclaw, Polen also, die mit dem Jazz ihrer Heimat groß geworden sind, aber keineswegs danach klingen (manchen sagt das jetzt was). Kein Fehler!

10. Mamassiv – Siliziummine (Eigenvertrieb)
Jimmy-Tamborello-Harmonien (Dntel), nur besser gelaunt. Hat die bisher meisten bpm. Ein Schritt vor der Tanzbarkeit. Wäre »Siliziummine« auf einem anderen Mix, es würde nicht Auffallen.

11. Idaho – to be the one (Kalinkalan)
Klingt ja erst mal nach Kuh, Land, Wiese. Sowohl der Bandname selbst als auch der Song. Beats liegen auch drunter. Downtempofolk (respektive Farmrock) von einer Band, die sich und das, was sie da macht, sehr ernst nimmt. Jeff Martin, der für all das verantwortlich ist, lacht jedenfalls nur am Wochenende, so viel ist sicher. Ob er’s im Bett bringt? Gute Nummer.

12. Macha – Calming passengers (Jet Set)
Brillanter Track. File under Trennungströster, Hoffnungsschimmer, Psychotherapie. Solltest du deine Tränen bisher zurückgehalten haben, begreife »Calming passengers« als Aufforderung, deinen Rückstau zu entladen – es könnte der Energiegewinnung dienen. Will mehr!!!

13. Pornopop – Nicotine and the backward lounge (mp3)
Wer sich Pornopop nennt, muss auch Pornopop machen. »Nicotine and the backward lounge« ist aber klassischer Indierock, zerbrechlich wie ein Staubkorn. Kann man mögen, geht aber keinen Schritt weiter. Füller.

14. William Shatner – It hasn’t happened yet (Smi Epc/Sony)
Macho! Gebrochen in Stolz und Ehre. Auch Altersweise. Es riecht nach Parfüm. Seine Seele liegt bloß. Lieder wie diese konnten nur in den frühen 70ern geschrieben werden. Oder man hat, wie im Fall Shatner, das richtige Alter, um es 2004 zu schreiben. »It hasn’t happened yet« ist eine Wucht. Weckt den Mann im Tier.

15. The Dresden Dolls – Slide (Roadrunner/Universal)
Erster Fehltritt. Kein Kommentar.

16. The Aluminium Group – Colored Town
Schlusslicht. Genre: Dark Happiness (auch: Art Pop). Kann man an’s Ende setzen. Die Aluminium Group bleibt mir möglicherweise auf ewig ein Geheimnis. Ihnen wurde stets die ganz große Karriere prophezeit, letztlich scheitern sie allerdings an dem Vorhaben, den perfekten Popsong schreiben zu wollen. Das macht sie daher auch nur zu einer guten und keiner perfekten Band. Aber: Gut ist gut genug!

Technische Daten: 16 Tracks – Spiellänge: 75:00 Minuten – Rohling von Lifetec – Artwork: fehlt – Besonderheiten: keine

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2 Antworten auf Weihnachtsmix 2004 pour le Grex

  1. Roland sagt:

    Vielen Dank.

    Fragen: 1. Geht jetzt alles (FF)?
    2. Das Dresden Dolls-Album fandst Du im Ganzen aber akzeptabel?

  2. Gregor sagt:

    ff macht nach wie vor dicke probleme. ich ruf dich an. dd macht ebenfalls probleme. kitsch. nervt. nix für mich.

Immer auf der Suche nach dem Flow, begeistern Gregor Maria Schubert und Roland Graffé sich für Trends, Widersprüche und Abseitiges in Kunst, Musik und Medien.

Machtdose entdeckt, kultiviert, archiviert, und teilt Glanzlichter der Popkultur und persönliche Vorlieben mit allen anderen Träumern, Liebhabern und Neugierigen.