Little Dragon a.k.a. Yukimi Nagano

Göteborgs Szeneviertel »Haga« im späten August: die Sonne scheint, die Straßencafés sind voll von jungen, stylischen Leuten. Im Minutentakt kommen junge Väter und Mütter mit Kinderwagen vorbei. Die typisch entspannte skandinavische Atmosphäre. In der klaren Luft scheint ein besonderes Kreativitäts-Elixier verborgen zu sein. Nicht nur schwedisches Design von Jeansmarken wie Nudie und Acne sind derzeit weltweit gefragt, sondern auch die fast schon unkategorisierbare Musik einer Band wie ”The Knife«. Mystischer Schwedenpop, der für die dunkle, winterliche Seite des Landes steht. Denn es gibt eben nicht nur das helle Land der Mitt-Sommernacht.

In einer Seitenstraße von Haga wohnt Yukimi Nagano, Schwedin mit japanischen und amerikanischen Wurzeln. Bekannt wurde sie durch ihre Gastauftritte bei Stockholms Clubjazz-Band »Koop«, aber auch durch den Track »Keep you Kimi« von »Hird« aus Göteborg. Was weniger bekannt ist: Yukimi ist auch als Backgroundsängerin aktiv bei den Konzerten von Göteborgs Folk-Superstar José Gonzalez. Er wiederum wurde durch das folkige Cover von The Knife’s »Heartbeats« berühmt – da schließt sich also ein Kreis. Außerdem erscheint ihr neues, eigenes Projekt »Little Dragon« auf dem englischen Label Peacefrog, bei dem auch Gonzalez unter Vertrag ist. Ein Gespräch über Feuer und Wasser an der schwedischen Westküste. Von Stefan Müller

Homepage von Little Dragon


Seit wann existiert das Projekt »Little Dragon«?

Y: Wir kennen uns alle schon sehr lange, seit zehn Jahren. Seit drei, vier Jahren gibts das Ganze offiziell als »Little Dragon«. In meinem Herzen war das Projekt immer wichtiger als meine anderen Engagements, zum Beispiel bei »Koop«. Bei dieser Band habe ich live performt, obwohl »Koop« auch mit einer ganzen Reihe anderer Sängerinnen und Sänger aufgenommen haben. Aber mein Ausstieg war schon lange geplant.

Du bist ja sehr früh von Koop entdeckt worden…

Y: Ja, da war ich 15! Den Song »Summersun« haben wir aber erst drei Jahre später aufgenommen. Nochmal zwei Jahre danach bin ich erstmals mit Koop auf Tour gegangen. Little Dragon ist etwas komplett anderes, als meine bisherigen Gastauftritte. Als Gast wirst du irgendwie ein Instrument der jeweiligen Band, mit der du arbeitest. Es ist meistens schön, aber manchmal eben auch schwierig. Bei meinem Soloprojekt will ich jetzt keine Kompromisse machen. Es ist für mich viel wichtiger!

War die Koop-Erfahrung insgesamt hilfreich für dein eigenes Projekt?

Y: Definitiv! Das Touren zum Beispiel. Beim allerersten Auftritt vor fünf Jahren war ich noch so nervös, daß ich kaum einen Finger bewegen konnte, fast schon paralysiert. Wir hatten viel Spaß zusammen!

Wie ist Prozeß des Songschreibens abgelaufen bei »Little Dragon«?

Y: Unterschiedlich. Auf dem jetzigen Album sind einige der frühen Songs drauf. Mittlerweile gibts schon genug neues Material für ein zweites Album! Wir haben da aber keinen festgelegten Weg. Bei einigen Songs gabs zuerst die Schlagzeugparts, die wirklich hypnotisch waren. Dann kam meine Stimme hinzu. Und dann erst der Rest. Wir wollten den Prozeß des Schreibens aber sehr offen halten, eher spielerisch. Wir schreiben die Songs zu viert und setzen das Ganze dann auch live auf der Bühne um. Wir waren gerade für fünf Shows in Japan und haben eine Jazzband supported – eine musikalisch vollkommen andere Band.

Warum war noch kein Remix auf der Single?

Y: Es gibt noch keine Remixe, aber einige Leute arbeiten dran. In einer idealen Welt würden wir DJ Shadow fragen…

Was bedeutet es dir, mit einer Band zu reisen und auf Tour zu sein?

Y: Ich hasse es, zu fliegen! Als Kind wünschte ich mir eine Tür, durch die ich direkt zu meine ganzen Verwandten gelangen könnte – die ja in aller Welt verstreut leben. In der aktuellen Bandkonstellation waren wir bisher nur in Japan, das wird sich also zeigen…

Wieviel Prozent von Göteborg ist in der Platte enthalten?

Y: Eine ganze Menge! Weil Göteborg hat eine spezielle Stimmung. Heute ist das Wetter wirklich schön, aber es ist oft auch grau und verregnet. Die Winter sind eben ganz schön lang. Aber man kann eben auch in dieser kreativen Stimmung arbeiten. Man geht eben ins Studio. In New York wäre ich abgelenkt, würde durch die Galerien ziehen, einkaufen gehen – aber die Zeit würde einem weglaufen. Hier oben vergeht die Zeit langsam und das ist perfekt!

Hast du schon mal außerhalb Schwedens gewohnt?

Yukimi: Ja, ich hab ein Jahr in New York und Boston gewohnt, und als Kind außerdem in Japan und Kalifornien, da leben Teile meiner Familie.

Warum bist du immer wieder zurück nach Schweden?

Y: Es ist angenehmer und ich kenne einfach mehr Leute hier. Außerdem ist es genau das Gegenteil von hektisch. Es ist also perfekt, um kreativ zu sein. In New York ist es zum Beispiel nett, kreative Leute zu treffen, aber selbst kann ich da nicht wirklich kreativ arbeiten.

Wie sieht die Kollaboration mit José Gonzalez aus?

Y: Naja, es ist eigentlich keine wirklich Kollaboration, ich singe auf dem neuen Album mit – als Background. Wir haben allerdings einen Song zusammen geschrieben. José hat auch überhaupt kein Problem damit, eine Livetour auf die Beine zu stellen, wir allerdings müssen unseren Bekanntheitsgrad erstmal steigern. Ich seh das Ganze aber als kleine Pflanze, die erstmal wachsen und gedeihen muss.

Gibts hier eigentlich einen Babyboom in Göteborg?

Y: Keine Ahnung, das frag ich mich auch manchmal… vielleicht liegts auch am Wetter!

Macht das CD- bzw. Albumformat noch Sinn für dich angesichts der Krise im Musikbusineß?

Y: Das ist schon lustig, ich hab selbst lange kein Album mehr gekauft. Ich bekomme natürlich viele Sachen zugesteckt… Hoffentlich gibts ein Comeback des Albumformat mit dem Artwork und Beipackzettel.

Wer hat das Artwork von »Little Dragon« gemacht?

Y: Mein Vater! Es war nicht leicht, das von ihm zu bekommen, weil es mich als ganz kleines Kind zeigt. Für ihn sieht das aus heutiger Sicht zu hippiemäßig und gleichzeitig auch nostalgisch aus.

Für was steht der Name „Little Dragon“?

Y: Wir mögen Musik mit dem Element Feuer drin, und Drachen speien doch Feuer… Das drückt unsere Gefühle zur Musik gut aus! Paßt doch, oder?!?

Wie und wo schreibst die Texte?

Y: Manchmal zu Hause, oder im Hotel, manchmal auch im Studio, wo man gleich die Texte zusammen mit der Musik testen kann. Ich mag zum Beispiel die reduzierten Texte von „Twice“.

Hast du viel Jazz gehört oder wo liegen deine musikalischen Inspirationsquellen?

Y: Das klingt wahrscheinlich sehr merkwürdig: ich habe ja viel Jazz gesungen, aber nie viel gehört. Manchmal hören die Bandmitglieder Jazz. Meine Mutter hat früher viel Folk gehört; Neil Young, Jonie Mitchell, Leonard Cohen… Mein Vater mochte auch Dylan, wie eigentlich jeder.

Welche Musik findest du im Moment interessant?

Y: Ich mag „Gossip“ und „TV on the radio“, und natürlich „The Knife“, das ist meine liebste neue Band. „ESG“ mag ich auch gern. Wir mögen Luft und Platz in der Musik, nicht diese überproduzierten Sachen.

Fühlst du dich als Europäerin oder mehr als Skandinavierin?

Y: Eher skandinavisch. Weil wir nicht in der Mitte leben, sondern am Rande von Europa.

Hat das Wasser einen Einfluß auf die Musik?

Y: Weiß nicht, vielleicht schon, die Natur hat auf jeden Fall einen Einfluß. Sie ist so friedlich hier oben.

Mehr Infos und ein exklusiven Soundfile von Little Dragon findest du unter ENZO e.V.

15.12.07 ab 21h · ENZO e.V. feat. Little Dragon live on stage · Michael Rütten & Le Gregoire on the decks · Hohenstaufenstr, 13 – 27 · Frankfurt

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Eine Antwort auf Little Dragon a.k.a. Yukimi Nagano

  1. Matthias sagt:

    Irgendwie scheint Göteborg gerade der Hotspot für neue musikalische Entwicklungen zu sein. Da kommt gerade so viel gute Musik her.

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