was ich will, wie ich will und wann ich will

Die britische Rundfunkanstalt BBC bastelt zur Zeit an einer Konsum-Ordnung, die unser herkömmliches Fernsehverhalten ins Jenseits befördern möchte. In einer Versuchsreihe testet der Sender die Freigabe ihrer Radio- und Fernsehbeiträge für das Internet. Ihr Baby heißt »Internet Media Player«. Mit seiner Hilfe soll es möglich sein, ausgesuchte Fernsehsendungen zukünftig über das Internet als Video auf Abruf zu betrachten oder auf DVD zu brennen.

In der Rundschau von Heute findet sich dazu folgender Artikel

Direkt nach der Ausstrahlung im Fernsehen stehen die Filme eine Woche lang online bereit. »Unter unseren jüngeren Zuschauern müssen wir nicht nur mit anderen Fernsehkanälen, sondern auch mit anderen Medien wie Internet und Play-Station konkurrieren«, sagte der BBC-Direktor für neue Medien und Technologien, Ashley Highfield, dem britischen Independant. »Die fundamentalen Veränderungen in der Musikindustrie haben uns gezeigt, dass die Leute gerne konsumieren, was sie wollen, wie sie wollen und wann sie wollen.« Neben PC und DVD-Player unterstützt das Projekt auch mobile Datengeräte. Wer die Lieblingsserie am Abend verpasst hat, kann sie am nächsten Morgen in Bus oder U-Bahn anschauen. Die Bildqualität soll mit der vergleichbar sein, die Reisende von Bildschirmen in den Rückenlehen mancher Flugzeugsitze kennen.

In der zweiten Phase wird der Versuch auf 1000 Kunden der Breitbanddienste von British Telecom, AOL und Tiscali ausgeweitet. Ziel des Tests wird es sein, herauszufinden, ob die Zuschauer mit der Möglichkeit des zeitversetzten Videokonsums ihre Fernsehgewohnheiten ändern – und länger vor Bildschirmen aller Art sitzen.

Klappt alles wie gewünscht, erwägt die BBC den nächsten Schritt: Sie würde ihr Online-Archiv für die Allgemeinheit öffnen. Um die erwartbare hohe Belastung ihrer Internetrechner und das enorme Volumen der übertragenen Daten in den Griff zu bekommen, denkt die BBC über ein dezentrales Peer-to-Peer-Netz nach – jene Technik also, mit der bislang vor allem die umstrittenen Onlinetauschbörsen arbeiten.

Erste Gerüchte über solche Pläne machten im Februar auf der International Broadcasting Convention in Amsterdam die Runde. Ausgesprochen erfolgreich funktioniert schon das Radio-Archiv der BBC. Mehrere Hunderttausend Internetnutzer laden sich dort jede Woche die aktuelle Folge der Hörspielreihe The Archers herunter.

Der Vorstoß des Senders, der auf der Insel liebevoll Tantchen genannt wird, dürfte die private Konkurrenz weniger erfreuen. In den USA, wo Geräte zur digitalen Fernsehaufzeichnung bereits weit verbreitet sind, nutzen viele Zuschauer solche »Personal Video Recorder«, um Werbeblöcke per Tastendruck zu überspringen. Obendrein finden sich beliebte Serien schon wenige Stunden nach der Ausstrahlung im Usenet oder in Internet-Tauschbörsen – von Werbeunterbrechungen gänzlich befreit.

Die privaten Sender werden daher mittlerweile von der Werbewirtschaft unter Druck gesetzt, ihre Minutenpreise zu senken, da Werbespots zunehmend an Reichweite verlieren – unabhängig von den Einschaltquoten. Emanzipierte Zuschauer, die sich ihre Sehgewohnheiten nicht mehr von Programmdirektoren vorschreiben lassen, sind deshalb nicht im Sinne des werbefinanzierten Fernsehens (ixt).

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