Die besten Alben 2020 – Plätze 7 bis 5

Gregors No. 7:
Destroyer – Have We Met
(Dead Oceans / Cargo)

Mir dämmert langsam, dass ich mit jedem neuen Song und jedem neuen Album der Referenzhölle ein Stück näher komme. Alles hängt mit allem zusammen, jeden Tag ein bisschen mehr. An manchen Tage fühle ich mich wie ein Algorithmus von Spotify (ich lass das jetzt trotzdem mal alles bei mir). Also, Dinge einfach halten: Destroyer, Songschreiber aus Vancouver, bürgerlicher Name Daniel Bejar, bringt seit 1995 fast jährlich ein Album raus, bis heute 13 an der Zahl. Und seit dieser Zeit denkt Bejar über unsere (kaputte) Welt auf seine ganz eigene Weise nach: „Sing the least poetic thing you can think of and try to make it sound beautiful“, sagte er mal in einem Interview und gab damit zu erkennen, wie er Songwriting versteht. Bejar hat in den letzten Jahren eine beachtliche Fangemeinde hinter sich versammelt, die ihn bei all seinen musikalischen Wandlungen gewissenhaft begleitet. Angeblich haben sie ihm zu Ehren sogar ein Trinkspiel erfunden: „Drink if there’s a reference to fire or other disaster; drink twice for mention of an apocalypse“. Also, Schnapsflasche auf den Tisch und gut zuhören.


Rolands No. 7:
Kelly Lee Owens – Inner Song
(Smalltown Supersound / Cargo)

Gestalterisch das Cover des Jahres. Mir fällt auf die Schnelle und auch bei längerem Überlegen niemand ein, der/die Techno und Pop je so gut zusammengebracht hätte, ohne dass dabei das eine ins andere über- und unterginge, sondern beides tatsächlich stets eigenständig und gleichzeitig da ist. Tanzbar einerseits, Melancholieinseln andererseits.


Gregors No. 6:
Fontaines D.C. – A Hero’s Death
([PIAS] / Partisan)

Das dritte Album sei das schwierigste, heißt es oft. Dabei wird häufig übersehen, dass mit einem guten zweiten Album erstmal die Voraussetzungen geschaffen werden müssen für die Möglichkeit eines historischen Tiefschlags. Den Fontaines D. C. ist das gerade gelungen. Die fünfköpfige Band, die aus Dublins Arbeiterviertel The Liberties stammt, hat sich 2019 mit einem platzierten Schuss in den Winkel urplötzlich auf Augenhöhe mit Bands wie den Arctic Monkeys, Maximo Park und Art Brut gesehen. „Dogrel“ war nichts Geringeres als die Wiedergeburt dessen, was in Großbritannien alle paar Jahre geschieht: Eine neue Welle, die sich über die Insel ergießt und dann zu uns ans Festland schwappt. Mit „A Hero’s Death“ haben die Fontaines D. C. dieses Jahr nachgelegt und sind gleich beim Alterswerk gelandet. „Happiness really ain’t all about luck“ heißt es im titelgebenden Song. Es braucht eigentlich ein paar Alben (und Lebensjahre), um solchen Zeilen zu schreiben.


Rolands No. 6:
Sevdaliza – Shabrang
(Butler / H’Art)

Wisst Ihr noch? Triphop? Irgendwann von der eigenen Erdenschwere erschlagen. Sevdaliza gelingt die Revitalisierung: mit vermutlich sehr bewusstem Rückgriff auf familiäre Musiktraditionen (als Kind aus dem Iran geflohen in die Niederlande). Gerade beim Gesang höre ich jedenfalls deutlich Klangfarbe und Melodieführung „nahöstlicher“ Musik heraus (vielleicht aber auch mein banausisch exotisierendes Hören?). Wenn das mit sporadischem Autotune und allerlei Knisterknaster-Effekten zusammengeht, ist das Ergebnis stellenweise spektakulär und zeigt, was dem untergegangenen Schleppbeatgenre vielleicht vor allem fehlte: Eleganz.


Gregors No. 5:
Golden Diskó Ship – Araceae
(Karaoke Kalk / Indigo)

Von Noiserock über Post-Punk zu Süßpop ist es manchmal nur ein Halbton, wenngleich in der Musik von Golden Diskó Ship sehr viel mehr zu finden ist als ein bunter Strauß schöner Melodien. Obwohl die sechs Songs von „Araceae“ extrem weit auseinander liegen und außergewöhnlich viele Schattierungen, Farbtöne und Texturen vereinen, ist die Gemeinsamkeit eben jener unüberhörbar. Ich könnte jetzt auch Süßpop durch Kammerpop ersetzen und es fiele niemandem auf. Oder Dreampop. Das Album als organisiertes Schallereignis ist bei der Berliner Multiinstrumentalistin Theresa Stroetges auf jeden Fall in guten Händen. Wer genau hinhört, entdeckt unzählige Details und wird hineingezogen in aufregende Klanglandschaften, ohne dabei den Zusammenhang zu verlieren.

Rolands No. 5:
Phoebe Bridgers – Punisher
(Dead Oceans / Cargo)

Das erste, was mir bei Phoebe Bridgers einfällt, ist: „Haunting Music“. Schon beim ersten Album etwa huldigte sie im Video zum damaligen Hit „Smoke Signals“ dem Die-Toten-sind-unter-uns-Klassiker Carnival of Souls und tatsächlich: lässt ihr außergewöhnlich klarer Gesang die Lyrics so deutlich aufscheinen, dass ich ganz genau zuhören will – oder muss, und sie einen beschäftigen und verfolgen. Beim Zweitling wird der Zwischenweltaspekt nochmal besonders ausgespielt: fragmentiert bleibende Songs mit dezenten Hall-, Flüster- und Windeffekten, einer heißt natürlich „Halloween“. Dazu der leicht zu groß geratene Skelett-Pyjama als Tourkleidung, wie ein ironisches Zeichen auf jene rächende Comicfigur, auf die der Albumtitel referenzieren mag. Oder dieses letzte lange, albern wie schaurige Aushauchen am Ende von I know the end, dem Schlussong des Albums, der im übrigen so beginnt: Somewhere in Germany, but I can’t place it / Man, I hate this part of Texas – Denn, was sind Gespenster anderes als: fehlplatzierte Wesen? Was dem/der einen ein Grusel ist, ist dem/der anderen das Gefühl der eigenen Awkwardness. Die Doppelbelichtung ist eines von Bridger’s dauernden Themen, meine ich.