Federal Republic Of

It’s Listmas Time, und bevor hier nächste Woche die große Jahrespollparty steigt und alle durchdrehen, zunächst noch der ausgelobte Ehrenpreis aus 2005, ein Mixtape bei freier Themenwahl. Pyrolator hat die Hoffnung wahrscheinlich schon aufgegeben, hier anständig entlohnt zu werden, schließlich wollten wir den Hauptgewinn schon vor etlichen Monaten fertig gestellt haben, ein guter Zeitpunkt also, ihm seinen Preis feierlich zu überreichen. Bitteschön! Hier isser. Dein Mixtapethema war große klasse, eine Aufgabe, an der wir gewachsen sind: »Ich hätte am liebsten mal eine CD mit einer Repräsentation der 16 deutschen Bundesländer – muss ja nicht deutsch sein und assoziativ und so, also vielleicht doch nicht so schwer…« Schwer war’s, das sei gesagt, hat neben Roland und mir den halben Freundeskreis beschäftigt, macht aber genau so am meisten Spaß. Suchmaschinen abfragen kann ja jeder. Mit dem Ergebnis können wir mehr als zufrieden sein: 16 Bundeslandtracks, deutsch, englisch, mal assoziativ, mal aufdringlich eindeutig, vom Klassiker bis zum Underdog alles dabei. Aber seht selbst!

1. THURINGIA: Porn Sword Tobacco – Carl Zeiss Driving to Work
Während wir einfahren ins Kompilierungswerk, vertraute Hintergrundgeräusche, wahrscheinlich aufgenommen auf den Fahrwegen zum großen Arbeitgeber, wenn wir jetzt einfach mal den Titel des Stückes nehmen und bewusst umdeuten.

2. MECKLENBURG-WEST POMERANIA: Audrey — Mecklenburg
Aus Schweden kommen vier junge Frauen namens Audrey, die gerade ihr Album veröffentlicht haben, darauf dieses Stück, so zart und hauchig wie der Frühmorgennebel über der Seenplatte? Wir wissen nämlich eigentlich gar nicht so genau, warum’s so heißt.

3. BRANDENBURG: Beirut — Brandenburg
Zach Condon aus Albuquerque/USA beschloss irgendwann mal, Europa zu bereisen. Brandenburg war auch dabei. Das muss ihm gefallen haben. Nur liegt Brandenburg nicht im Balkan. Da muss er was verwechselt haben, aber dafür ist er ja Amerikaner und Anfang 20.

4 NORTH RHINE-WESTPHALIA: Jasmin — Köln
Immer noch eines der schönsten Stücke, die je in unserem Podcast liefen, und darf dann auch hier nicht fehlen. Slowstes Cruisen auf Breitwandgitarrenreifen, als wär Kölle Chicago. Mehr davon, inklusive Video, beim Freundschaftslabel 12rec.net.

5. BADEN-WURTTEMBERG: Geschmeido — Grüngürtel
»Aber Du und ich, wir haben doch einen tollen Tag gehabt, im Grüngürtel dieser Stadt…« Geschmeido kommen aus Freiburg, singen über das verkackte Stuttgart und verstehen es, eine schöne Melodie drum herum zu bauen. Ich muss gerade daran denken, dass Frankfurt auch einen Grüngürtel hat. Ist eben auch verkackt, diese Stadt. Muss an den Grüngürteln liegen…

6. BERLIN: Tanzmusik — Baustelle
Elektro-Hopshops-Irgendwas ist wahrscheinlich eh der Sound, den man hauptstadtmäßig so im Ohr hat. Zigste Lieder hätten wir da nehmen können! Haben uns entschieden für das Duo Tanzmusik, das mit reizendem Akzent die coolste Metropole der Welt besingt (zu finden auch bei Corpid) – schöne Grüße aus Berlin.

7. SAXONY-ANHALT: DJ Koze aka Adolf Noise — Zuviel Zeit
Eins der lustigsten Lieder überhaupt. Bisschen haben wir gemogelt damit, weil auch Ausdruck Hamburger Senatorenstolzes, aber eben mit dem legendären Sample, dass Ol‘ Grumpy Gunther in der Geburtsstadt Luthers zum Besten gab. Giltet also.

8. SCHLESWIG-HOLSTEIN: Motion – Menschen aus Kiel
In Kiel soll es früher die schlimmsten Schlägereien gegeben haben, zumindest meine ich zu glauben, das mir Campino so was mal erzählt hat. Die Punks haben sich da immer schön auf die Mütze gekloppt, vor der Konzerthalle und nachher. Der Schorsch hat mit seinen Zitronen wohl ganz ähnliche Erfahrungen gemacht und sie dann in Motion verarbeitet. Posttraumatisches Belastungssyndrom. Damals hat man eben nicht immer über alles geredet.

9. SAXONY — Kaufmann – Pirna
Wenn das Leben ein Roadmovie ist, dann sind Kaufmann der Anwärter auf den passenden Soundtrack dazu: »Wir fahren alle auf derselben Straße, es gibt den großen Unterschied zwischen ihr und wir. Ihr fahrt auf Arbeit, wir fahr’n auf Bier«. Niedergeschriebenes Urlaubserlebnis vor den Toren der Sächsischen Schweiz. Hey Jungs, Holz nachlegen, das Feuer geht sonst aus!

10. SAARLAND: Underground64 – VK Streets
Fürs Saarland haben wir das Google-Orakel bemüht und fanden diesen wunderbaren Track bei Rulaz-Recordz (siehe: »Free Trackz«), an der ERS Völklingen wird gerappt, wie’s ist: die friedensstiftende Kraft des Dönerfleisches, die Realität der Shrinking Cities auch in der Provinz. Und warum es heißt: »sechs-vier« erfahrt Ihr am Ende des Stückes.

11. FREE AND HANSEATIC CITY OF HAMBURG: Lassie Singers – Hamburg
Das beste Lied, das in diesem Land über dieses Land jemals geschrieben wurde. Schon deshalb Pflichtbeilage. Vielleicht eins der besten Lieder, die überhaupt jemals geschrieben wurden. Dass die Band trotz dieses einzigartigen Evergreens kein sorgenfreies Leben führen darf, zeigt einmal mehr, wie beschissen einfältig das hier alles läuft. Kauft doch bitte wenigstens das aktuelle Britta-Album — das ist nämlich prima!

12. HESSE: Woog Riots — Commercial Suicide
Das Großherzogtum Hessen-Darmstadt ist Geschichte. 1918 war Schluss. Ob die Schlacht um Darmstadt auf der Großen Woog geschlagen wurde, ob es überhaupt eine gab, kann mir hier niemand sagen. Als gesichert gilt aber, dass es dort derzeit sehr friedlich zugeht, die Woog ist nämlich ein Naturbadesee in der Stadtmitte von Darmstadt. Bleibt die Frage, worauf sich der Aufstand bezieht? Etwa auf die Zukunft?

13. BAVARIA: Editors — Munich
Ein Hit ist ein Hit ist ein Hit. Wir wissen zwar immer noch nicht, warum die Editors das Ding nach der bayerischen Landeshauptstadt benannten, falls überhaupt, aber egal, Hauptsache, es kommt hier rein. Geht ab wie ’ne Rakete, immer noch. Also.

14. LOWER SAXONY: Stella — Lower Saxony
Warum gibt es ein Lied über Niedersachsen? Vielleicht, weil es auf Englisch so gut klingt und auf Deutsch nicht? Tolles Lied, gerade trotz der deutsch eingefärbten Aussprache von Sängerin Elena Lange. Immerhin klingt sie hier wie Björk zu Sugarcubes-Zeiten.

15. FREE AND HANSEATIC CITY OF BREMEN: The Fall — Bremen Nacht
Ick raus schnell mack aus Bremen Nächt / ick raus schnell mack aus das Bremen Nächt / Ick raus schnell mack auch das Bremen Nächt/ Ick rausum mack das Bremen Nächt – Rätselhaft bleibt nicht nur das, sondern generell, was Monotoniemeister Mark E. Smith einst so anpisste, dass es ihn zu einem seiner besten Songs angehaun hat. Jedenfalls: Danke, Bremen.

16. RHINELAND-PALATINATE: Spermbirds — Kaiserslautern über alles
Hätte ich eine Band, ich würde nicht singen wollen über: Nürnberg, Stuttgart, Witten und Kaiserslautern. Die Spermbirds kommen aus Lautern, sind auch einigermaßen stolz drauf und veräppeln hier die Dead Kennedys.

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7 Antworten auf Federal Republic Of

  1. Mark sagt:

    Nicht nur mit Bremen scheinen The Fall eher ungute Erlebnisse zu verbinden. Auch das „Hotel Bloedel“ „…outside Nürnburg“ war bereits 1983 düstere Inspirationsquelle für einen ihrer schönsten Songs. Hier jedoch aus durchaus nachvollziehbaren Gründen: Das „Hotel Bloedel“ liegt wohl direkt gegenüber des Schlachthofs, wo nächtliche Tierschreie und der Anblick blutverschmierter Männer, die Eimer mit Gedärm über den Hof trugen bleibenden Eindruck bei den Musikern hinterließen.

  2. Nerd Seb sagt:

    Tatsächlich weiß ich, was Mark veranlasst hat! Lag damals (1988) im Krankenhaus und habe schon im zarten Alter (16) Spex gelesen! In ihm sagte in einem Interview der Bandleader der mit Sonic Youth wohl dienstältesten viele Platten herausbringenden Indieband, dass es ein Poltergeist gewesen sei, den er ihn in einem Bremer Hotel belästigt habe. „The Frenz Experiment“ war wirklcih ein tolles Album!

    Seb

  3. Nerd Seb sagt:

    .. der ihn ein einem Bremer Hotel belästigt habe.

  4. Nerd Seb sagt:

    Pack es nicht mehr (übermüdet): … der ihn in einem …

  5. pyrolator sagt:

    Ich glaube es nicht! Es ist vollbracht, danke danke danke. Das muss ich hören! Ich freu mich!
    Grüsse
    pyro

  6. Nerd Seb sagt:

    Fürwahr: „Zuviel Zei“ ist für mich nach wie vor Nummer 1, was superintelligenten Humor angeht.

  7. Nerd Seb sagt:

    und ausgerechnet dieses Lied bricht ab. schade!

Immer auf der Suche nach dem Flow, begeistern Gregor Maria Schubert und Roland Graffé sich für Trends, Widersprüche und Abseitiges in Kunst, Musik und Medien.

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