Music too tough to die

Als vor, na ja, vielleicht vierzehn Jahren ein Matratzenladen in der Walter-Kolb-Straße 1 eröffnete, schien es, als hätten die schrillen Neonlichter der Schaufensterbeleuchtung meine Erinnerung an die vielen glorreichen Konzerte in diesen Räumen mit einem Schlag ausgeknipst. Aus. Manchmal, aber nur manchmal erwacht meine Erinnerung daran, volksnah Melancholie genannt. Dann brummt mein Kopf und es wird heiß. Dann wird irgendwie klar, dass das verdammte Negativ der beste Live-Schuppen war, den Frankfurt jemals hatte (ob’s vielleicht einfach nur an der Zeit lag, sei dahingestellt). Von monatlich etwa zehn Konzerten wollte man acht sehen, rannte auf fünf und vergaß von dreien, dass es sie gab. Ich denke kurz nach und komme auf fünf Bands, die ich dort ohne jeden Zweifel besuchte: Die Erde, Boss Hog, Killdozer (zusammen mit den legendären Laughing Hyenas), Urge Overkill und Dead Moon.

Letztere gehen mir schon seit ein paar Tagen durch den Kopf, und das nicht ohne Grund. Vergangene Woche hat die Band aus Portland im Nachtleben gespielt, und plötzlich war alles wieder so, wie vorher auch, wie damals: Die Band oben auf der Bühne, ich davor, der Laden war voll und keiner stand still. Fast hätte ich vergessen, wie gut Dead Moon sind, ihre Lieder, aber auch ihr Logo, der Sichelmond mit Totenkopfgesicht, und ihre umgedrehte Jack-Daniels-Flasche auf der Oberseite der Bassdrum, darauf etwas Wachs und ein Stück Schnur. Und wieder brennt die Kerze. Dass Fred Cole, Sänger und Gitarrist des Trios, früher in Yukon, Kanada, Bären gejagt haben soll, sieht man ihm sofort an. Sein Zottelhaar vermittelt jedoch den Eindruck, irgendwann vom Jäger zum Gejagten geworden zu sein. So sieht ein Yeti aus, der nach Freiheit schreit. Seine Frau Toody Conner trägt Griesgram im Gesicht, dazu elegante, rote Cowboystiefel und ein geschmackvolles Westernhemd, ebenfalls in rot. Man erkennt auch sanfte Gesichtszüge, die einer Waldelfin. Für eine Mikrosekunde schimmern sie sogar durch, lange genug, um meinen Frieden mit ihr zu schließen. Andrew Loomis, der mit dem längsten Haar, ist schätzungsweise 20 Jahre jünger und auf Orangensaft. Seine Drums stehen sechs Zentimeter von der vorderen Bühnenkante entfernt und somit auf gleicher Höhe wie Gitarre und Bass. Sein zerzauster Mähnenkopf hüpft und springt das komplette Konzert über wie ein aufgebrachter Ewok auf den ewiggleichen Akkordfolgen herum. Als ich die drei da spielen sehe, denke ich an früher und kann mich an nichts erinnern. Warum sollte ich auch? Dead Moon sind eine großartige Live-Band. Ihr Sichelmondtotenkopf klebt seit einer Woche auf meinem Monitor.

[mygal=dead-moon]

2 Antworten auf Music too tough to die

  1. Roland sagt:

    Die Erde ist tatsächlich das Konzert, das mir auch gleich zum Negativ einfiel. Sehr lustiger Abend damals.

  2. Roderik sagt:

    Mein geilstes Negativ Konzert war auf jeden Fall TAD. God’s Balls hieß das Album und der Abend hatte auf jeden Fall auch ordentlich Eier!

Immer auf der Suche nach dem Flow, begeistern Gregor Maria Schubert und Roland Graffé sich für Trends, Widersprüche und Abseitiges in Kunst, Musik und Medien.

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