Blue Skied An‘ Clear – A Morr Music Compilation

Mit der musikalischen Sozialisation ist das so eine Sache — egal was man in jungen Jahren hörte, prägend war diese Zeit. Da veränderst du dich später grundlegend, suchst und findest neue Horizonte, eine gewisse Affinität bleibt bestehen. Manchmal auch mehr. Manchmal auch ein Musikalbum. So geschehen bei Thomas Morr, Betreiber des vielleicht besten Electronica-Plattenlabels in Deutschland, Morr Music. Thomas Morr ist ein Wiederholungstäter in Sachen Vergangenheitsbewältigung. Nach der Compilation ‚Put the Morr back into Morrissey‘, eine Reminiszenz an den ‘The Smiths-Sänger‘ und späteren Solisten Morrissey erschien vor einigen Wochen ein neues Werk höchster Güte.
Waren die Smiths durchweg in den Achtzigern aktiv, so richtet sich sein Blick (und Sympathie) auf eine Gruppe, deren drei Alben Anfang der Neunziger erschienen: Slowdive, wichtige Vertreter der sogenannten ‚Shoegazing-Szene‘.

‚Auf-Die-Schuhe-Starren‘, so könnte man den englischen Ausdruck des ‚Shoegazing‘ übersetzen. Ende der Achtziger wurde diese vermeintliche Unart im Musikjournalismus zum Begriff, beschrieb sie doch das Bühnenverhalten einiger britischer Gruppen recht treffend. Die eigenen Schuhspitzen fest im Blick, galt es komplexe Gitarrenwände zu errichten. Echo, Hall, Distorsion und Loops, unabdingbare Ingredienzen eines Wohlklanges, dessen Parallelen zu Sonic Youth oder den stark repetitativen Klängen von Monster Magnet nur einen Ausschnitt des Kunstwerkes widerspiegelt. Das andere Bein war fest im Pop verankert. Freilich kein Haschen nach dem eingängigen Refrain — die mitunter süße Schwere des Gesamtklangbildes überzeugte.
Solcher Gestalt darf man sich auch die Musik von Slowdive denken, ähnlich den musikalischen Kollegen im Geiste seien es Ride, die Boo Radleys und natürlich My Bloody Valentine.
‚Blue Skied An‘ Clear‘, das Slowdive-Coveralbum, nun die musikalische Interpretation von Thomas Morr, genauer von Musikern seines Labels, elektronikdurchtränkt allesamt. Da spielt sich die morr’sche All-Star-Truppe durch das Slowdive-Repertoire, es zirpt und klackt überall, Mensch und Maschine scheinen in Hochform — und siehe da, es funktioniert.
Mehr noch — so unterschiedlich die instrumentale Umsetzung, so treffend wird das atmosphärische Wesen der Slowdive-Stücke nachgezeichnet.
‚Shoegazing‘ mit anderen, elektronischen Mitteln? Keine ganz falsche Assoziation, legt man die Bearbeitungen der Morr-Künstler zugrunde. Und wenn man genauer lauscht, dann vernimmt man auch deutliche Gitarreneinsprengsel. Eine Erweiterung der Electronica-Sparte, die Morr Music bewusst fördert, ja sich explizit gitarrenorientierten Gruppen öffnet. Was vor einiger Zeit mit der jungen Dänen-Fraktion von Manual und Limp begann, wird fortgeführt mit den Label-Neueinsteigern von Ms. John Soda (ein weiteres Seitenprojekt des Couch/ The Notwist-Imperiums) oder Guitar, einer Gruppe, die My Bloody Valentine-Fans zu Tränen rühren wird. Hier schließt sich der Kreis zwischen Electronica und ‚Shoegazing‘. Kombiniert mit weiteren Neuveröffentlichungen des Labels sowie Artverwandtem, die gewohnt elektronisch daherkommen und ganz morrtypisch alle einen Schuss Melancholie beinhalten, ist die zweite CD dieses Album ein guter Einblick in die Gegenwart und Zukunft des Labels Morr Music.

‚Blue Skied An‘ Clear‘ – eine musikalische Rückblende kombiniert mit dem Hier und Jetzt.
Und wenn ich eingangs davon sprach, dass es mit der musikalischen Sozialisation so eine Sache ist, gilt es hizuzufügen: Bei Thomas Morr eine höchst erfreuliche. Fortsetzung erwünscht.

Related posts

Schlagwörter:

  • email this
  • share this on facebook
  • tweet this

Eine Antwort auf Blue Skied An‘ Clear – A Morr Music Compilation

  1. ingo sagt:

    Schöner Artikel.
    Wunderschöne Platte.

    Ingo

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Plattenteller

  • Rokia Traoré - Né So

    Rokia Traoré - Né So Rokia Traoré stammt aus Mali. Ihre Musik ist eine Verbeugung vor den Griots – malische Sänger, die die Tradition der Geschichtenerzähler pflegen und seit Jahrhunderten mündlich weitertragen.

  • Julia Kent - Asperities

    Julia Kent - Asperities Cello-Monotonie und -Melancholie mit viel Drama. Tracktitel wie »Flag of No Country« und »Empty States« sprechen Bände. Antony and the Johnsons und Swans durften bereits von ihrem Können profitieren.

  • Lea Porcelain - Lea Porcelain

    Lea Porcelain EP Das Debüt von Lea Porcelain hat einen ordentlichen Bums. Mehr noch einen Punch. Inspiriert von dunklen Mächten aus den großen Regenstädten dieser Welt.

  • Bersarin Quartett - III

    Bersarin Quartett - III Ambient-Electronica, wie für unsere Zeit gemacht. Als stünde da jemand mit weißer Flagge und schrie: runterkommmen!

  • Sea Moya - Twins

    Sea Moya - Twins Twins ist eine kleine Schatzkiste, zum Mögen, mit Soundteilchen aus aller Herren Länder. Der Computer als Vermittlungsstelle zwischen Psychedelic, Krautrock, Afrobeat und Electronic Funk.

Veranstaltungstipps Rhein-Main