Juli 2005

Baden gehen

Die tiefe kulturelle Kluft zwischen Japan und Deutschland ist dann am deutlichsten zu spüren, wenn man sich in diesem nassen, schweisstreibenden 33-Millionen-Einwohner-Metroplex auf die Suche nach einem Freibad begibt und am Ende keins findet (auf ähnliche Gedanken dürften Japaner kommen, die in Deutschland eine öffentliche Toilette suchen).

Cosplayer

Dass der Japaner eine besondere Vorliebe für Mangas hat, ist so bekannt wie Sushi vom Band. Dass es Japanerinnen gibt, die ihren Vorbildern auch äußerlich nachzueifern trachten, ist auch keine gerade neue Erkenntnis. Trotzdem ließ es mich nicht unberührt, als ich gestern vor einigen hundert Mädchen stand, die ihre Vorlieben für Comics öffentlich zur Schau stellten. Daneben gab es eine beträchtliche Anzahl weiterer, mir bis dahin unbekannter Charaktere, zu bestaunen: Psycho Kitties, Evil Nurses, Nightmare Girlies .u.v.m. — Cosplayer, die angeblich auch vor keiner Schönheitsoperation zurückschrecken, nur um wie das Original auszusehen (zugegeben, davon gibt es wenige). Zu doof, dass etwa gleich viele Fotografen vor Ort sind, vollbärtige Mittvierziger, die mit dicken Teleobjektiven das mitunter schräge Bild trüben.

Cosplayer
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Treffpunkt: jeden Sonntag – Jingu-Brücke – Stadtteil: Harajuku – Tokyo

Radio Japan

Radio wird ja erst dann interessant, wenn da jemand ist, der die Musik kommentiert. Oder sich sonst in irgendeiner Form äußert. Ein Moderator eben. Insofern sind nahezu alle existierenden Internet-Radios uninteressant. Zumindest teilweise. Auf der Suche nach brauchbaren japanischen Streams landet man unweigerlich bei Japan-A-Radio aus — man höre und staune — Kalifornien. Rund um die Uhr erklingt dort Japanese Pop. Auch hier gibt es, soweit ich verstanden habe, zu keiner Sekunde moderierte Sendungen. Stattdessen hat’s dort die komplette Palette bedeutungsloser Musik japanischer Herkunft. Reinhören lohnt sich trotzdem, da schnell klar wird, dass dieses Popding überall auf der Welt nach dem gleichen Schema abläuft. Was bleibt, ist der Gesang, und der klingt zugegebener Maßen anders. Den ein oder anderen guten Song kann man bei Sick Onion hören (auch eher selten). Und auch hier gilt, dass man schnell von der Musik genervt ist. Zudem gibt es auf der Homepage keinerlei Infos zum Sender und zur Musik (mal von der Playlist abgesehen). Deutlich mehr Spaß macht das Kitaurawa Indie Rock Radio. Dem Anschein nach dürfte man hier einen umfassenden Überblick darüber bekommen, wie er klingt, der J-Rock. Ich jedenfalls wurde ausschließlich mit inländischer Musik konfrontiert. Bringt u.U. fernöstliche Stimmung. Das Beste an der Tokyo Ninja Radio Station ist der Name. Obwohl die Musik auch gar nicht mal schlecht ist. Sie ist sogar gut. Im Subtext heißt’s »for all ROCKABILLY CATS in the world”. Damit ist eigentlich alles gesagt (nun ja, der Begriff »Rockabilly« ist großzügig ausgelegt. Hier trifft sich alles: Rockabilly, Psychobilly, Punk, Swing, Garage, etc.). Das Programm ist international, die Koordinaten liegen bei The Clash, Guana Batz und den Dead Beats. Man erfährt allerdings so wenig über den Sender, dass es eigentlich egal ist, wo er herkommt. Fazit: läuft gut! Und welche Rolle spielt die Terrestrik? Wie schwierig sich die Suche nach einem Radiosender gestaltet, zeigt Shibuya FM: kein Stream, keine Playlist, kein Englisch. Keine Ahnung, was da geht. Tokyo’s No. 1 Music Station heißt 76.1 InterFM. Die Verantwortlichen sind gerade auf den Trichter gekommen, einzelne Sendungen als Podcast ins Netz zu stellen (auf ihrer Homepage heißt’s »new generation of radio, Podcast has arrived!«). Macht also Sinn. Einen Stream gibt es nicht. Es gibt auch keine anderen Sender, gute Sender, die in irgend einer Form bereichern. Nichtssagende Sender hat es hier Tausende. Aber die sagen mir nichts.

Stream on

Als echte Bereicherung erweist sich der Live Stream von FM4. Da die Flatrate-Anschlüsse in Tokyo flächendeckend verbreitet sind, ist man hier selten unterversorgt. Das Loch, in dem ich hier wohne, steht jedenfalls unter der Patronanz österreichischer Radiomacher.

Push Japan

Tokyo. Du weißt eigentlich nicht wirklich, wonach du suchst. Du läufst morgens los und kommst abends an. Hinter dir liegen 10.000 Versuchungen. Im Geschäfte machen sind die Japaner groß. Und Geschäfte hat’s hier genug. Kaufen – Verkaufen. Mich lässt das relativ kalt. Ich brauche nichts. Keine Hardware. Am Ende eines langen Tages sind Hirn und Magen trotzdem voll. BeRAUSCHt. Die Synapsen zünden täglich. Vier, fünf Mal. Tokyo ist irre. Nicht so fremd, wie einem immer weiß gemacht wird. Man versteht halt nichts. Hier bleib‘ ich. Die nächsten vier Wochen.

TokYo - 7/2005
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Sampletexter

Culture Jamming will eat itself – auch das: Waldvogel ist mit seinem Beitrag für die Ausstellung »Just do it« übrigens nicht das erste Mal als Sampletexter in Erscheinung getreten. Der Text »Culture Jamming: Die visuelle Grammatik des Widerstands« (aus: »Die Offene Stadt: Anwendungsmodelle«, Hrsg. Marius Babias und Florian Waldvogel) aus dem Jahr 2003 ist gleichfalls blanker Textklau. Der Reader war über einen längeren Zeitraum als PDF zu haben, ist aber im Zuge des Zollverein-Relaunchs aus dem Netz genommen worden.