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Musik

Simplify Your Music Search

13 Jahre nach Erfindung des World Wide Web sortieren sich die Musikindustrie und ihre Zuarbeiter langsam langsam. SIMFY beispielsweise zeigt euch, wo es Online die billigsten Musikdownloads gibt, ohne dass ihr gleich fünf Tabs auf einmal öffnen müsst. Aus mehr als 15 Online-Musikshops wird das jeweils günstigste Angebot für Single und Album herausgesucht. Ziel von Simfy ist es, »Übersichtlichkeit und Transparenz im legalen Download-Handel zu schaffen«. Der Spiegel hat im Mai unter dem Titel Simfy sucht die Download-Schnäppchen die Seite geprüft. Und siehe da: scheinbar gutes Angebot.

Huss

Hatte in der Schulzeit einen Kumpel, der mir recht clever erschien, einer der ersten dieser Spezies. Tauschte mit ihm Mix-Kassetten aus. Sein »Original-Hussi-Special-Mix« steht bei mir noch im Medienregal: Joe Jackson, Sam Brown, Uriah Heep, ZZ-Top, Charlie Parker, Led Zeppelin, David Bowie und Lou Reed sind drauf. Die beiden letztgenannten, insbesondere »Berlin« gefielen mir bereits, der Rest war mir insgesamt zu mainstreamig. Seine schriftlichen Kommentare zu meinem Indie-Mix sind mir noch im Gedächtnis: Fields of the Nephilim, Einstürzende Neubauten oder Alien Sex Fiend kamen beispielsweise nicht so dolle weg, während And also the Trees‘ »Shaletown«, Cures »Jumping someone else’s train« oder, wenn ich mich richtig erinnere, etwas von The Smiths, gelobt wurde, und zwar immer in originell-witziger Diktion. Als ich ihn zwei Jahre später einmal zu Hause besucht habe, offenbarte er mir bei Teatime-Plätzchen und (sinnigerweise) Tee, dass es doch so einfach sei gute Lieder zu schreiben. Er nahm seine Gitarre und spielte mir verschiedene ohrwurmige Melodien aus dem Stegreif vor. Texte seien sowieso kein Problem, die lägen auf der Straße. Das war so 1991. Ich verlor ihn aus den Augen, bis mir vor zwei Monaten eine Trikont-Anzeige Huss anpries. »Moment mal«, dachte ich, »den kenne ich doch« und bestellte mir gleich beim Verlag entsprechende CD.

Das Ergebnis entspricht genau dem, was ihm (Daniel Huss) damals vorschwebte: 14 Ohrwürmer, instrumentiert mit Gitarre, Bass, Orgel, Laute, Keyboards, Percussions und Computer, wohl alles von ihm selbst eingespielt. (Er hatte ja auch Musik-LK.) Die Lieder sind mal mit rock’n’rolliger/m Gitarre(solo), mal kitschig mit Streichern, mal mit Schweineorgeln oder gar housig arrangiert. Nie aufwühlend, immer für mittelwarme Sonntagnachmittage geeignet. Die Texte erinnern zunächst ein wenig an Element of Crime oder PeterLicht, sind aber weder sonderlich verschroben noch gesellschaftskritisch. Vielmehr genial belanglos, auch in ihrer Trostlosigkeit (»Wenn ich alt bin, fallen mir alle Zähne aus und ich rieche schlecht aus dem Mund. Die Welt wird wieder eine Scheibe und ich steh jeden Tag mehr am Abgrund. Ich bekomm keine Briefe und keinen Besuch, denn meine Freunde sind schon alle tot, drum sitze ich hier nur rum und wart aufs Abendbrot.«). Sie handeln vom Leben am Apfelstand, von einem nackten Mann oder von einer dicken Bäckersfrau (»[…] Ich brauch Brot, du brauchst Geld, so funktioniert die Welt. Sei gefälligst freundlich, wenn ich dir dein scheiß Brot abkauft, ich könnt auch online gehen […]«). Wie gesagt, alles ist so herrlich einfach und banal, aber keineswegs pubertär oder trivial, und da jeder Song differenziert und unterschiedlich arrangiert ist, handelt es sich für mich bei Huss‘ Debüt um eine NEUentdeckung und mithin um eine der besten deutschsprachigen Platten des bereits vorangeschrittenen Jahres. Also, Hussi, würde mich freuen, dich mal live zu sehen! Nehme dafür auch einige Kilometer in Kauf.

Strange Music

Dem ein oder anderen ist vielleicht aufgefallen, dass hier in letzter Zeit gerne auf schräge Musik verwiesen wird. Das fängt bei der Grup Tekkan an und hört bei seltsamen Bollywood-Songs auf, die Scissors Girls fallen ganz sicher auch in diese Rubrik, George Kranz, dann gab’s den Verweis auf Germans Under Cover, in dem es neben Cindy & Berts‘ »Der Hund von Baskerville« und dem Gottschalk/Laufenberg/Sexauer-Trio G.L.S.-United (»Rapper’s Deutsch«) viele andere Meisterwerke aus deutschen Klangarchiven zu entdecken gibt, usw. usf. Ich mag diese Art von Musik, künstlerische Exotismen, seltsamste Klänge, die sich jeglicher Einordnung entziehen. Es scheint, als hätte das hier Zukunft. Für kurze Zeit zumindest. In April Winchells Multimedia Bereich gibt es unzählige MP3s, schlecht komprimiert und in verschiedene Kategorien unterteilt: »Teen Spirit Covers« gibt es da und auch »Corporate Music – Music by companies for companies«. Die »Abba covers in Hindi« sind zu empfehlen. Und die »German Covers« eben.

Baby Rock Records

Ich dachte erst, es wäre ein Scherz, etwas für durchgeknallte Fans von Radiohead. Aber nein, aber nein, der Titel hält, was er verspricht. Baby Rock Records transforms timeless rock songs into beautiful instrumental lullabies. Richtig, Glockenspiel, Vibraphon und Harfe sollen die Kleinen zum Schlafen bewegen. Perfekte Früherziehung nenn‘ ich das. Am 29.08. kommt Rockabye Baby! Lullaby Renditions of Radiohead in die Läden. Auf die Musik von Kid A soll der Nachwuchs zukünftig einlullern. Ob die CD diesem Mix das Wasser reichen kann?

Paranoid Android (Sample)
Karma Police (Sample)
2 + 2 = 5 (Sample)

What will your baby dream about while drifting off to these serene interpretations of Radiohead’s best-loved songs?

Gute Frage! Kennt jemand die Antwort?

Greatest Hits

Dandi Wind Der Trend hält an, sich nicht mehr ausschließlich von der heimischen Presse, den eigenen Freunden und der Musikindustrie beeinflussen zu lassen. Die neuen Kanäle bleiben heiß. Stichwort: Weblogs und MySpace. Die Zahl guter Weblogs und MP3-Blogs steigt derzeit analog zu meiner Neugierde darauf. Zu meinen absoluten Lieblingen hat sich 20 Jazz Funk Greats aus Brighton gemausert, ein MP3-Blog, das seit August 2004 von drei Kumpels mit viel Inhalt gefüttert wird und längst kein Geheimtipp mehr ist. Trotzdem soll diese Empfehlung ein wenig Orientierung verschaffen; ihre formidable Linkliste öffnet schließlich das Tor zu einer anderen Welt. Die Macher selbst schreiben über Bands und Musik, die ich nicht kenne. Punkt. Das macht die Sache auch so spannend. Dandi Wind trifft man da beispielsweise, die mit ihrem Song »Umbilical Noose« (Video) angemessen durchgeknallt auf die Welt da draußen reagieren. Das Trio aus Vancouver ist heißer Scheiß, muss man einfach mal so sagen.

CSS Ebenfalls dort entdeckt habe ich den Song Let’s Make Love and Listen to Death From Above von der brasilianischen Band CSS. Fünf Frauen, ein Mann, alle aus Sà£o Paulo. Bei aktuell 214,539 Views ihres gleichnamigen Videos auf YouTube kann man davon ausgehen, dass sich das neue Sub-Pop-Signing bereits herumgesprochen hat (Der Status »Newcomer des Monats« im Musikexpress wird sein Übriges dazu beigetragen haben). Bei CSS greift einmal mehr, wovon gegenwärtig jeder Promoter träumt: Die Single, ohne jede Frage ein Hit, wurde als kostenloser Download ins Netz gestellt und umkreist derzeit munter den Erdball. Ich weiß nur nicht genau, wie er sich anfühlen soll, der Sex zu »Death From Above«. Der Liebesakt zu Sunset Rubdowns »Shut Up I Am Dreaming of Places Where Lovers Have Wings« hinterlässt jedenfalls keine Knutschflecken, so viel ist klar. Einem langen Vorspiel folgt der Höhepunkt. Und was für einer! Ein Hit, wie er mir jüngst versprochen wurde. Wenigstens genauso brillant wie Peter Bjorn And Johns »Young Folks« (My Space), nur nicht ganz so gut gelaunt.

Kash Point Zurück zu 20 Jazz Funk Greats. Dort habe ich auch das erste Mal von Bishi gehört, einer 22-jährigen Musikerin bengalischer Abstammung, die Sheffield verließ, um in London die Sau rauszulassen und mittlerweile Sitar unter Gaurav Mazumdar studiert. Außerdem ist sie DJ im legendären Underground Nightclub Kash Point. Sehr eigen, ihre Musik wie ihr Leben. Das kann man auch von Süperdisco behaupten. Hinter diesem Namen verbergen sich Saam Schlamminger (Chronomad) und Klaus Scheuermann. Gemeinsam ging man der Frage nach: Wie klänge Popmusik, die ihre Wurzeln im Iran hat und die sich westliche Sounds und Techniken ganz selbstverständlich aneignet? Die Antwort lautet: SÜPERDISCO!

Sendung vom 10.08.2006 – Radio X – zum Livestream
01. Peter Bjorn And John — Young Folks (Wichita Recordings/V2)
02. Sunset Rubdown – Shut up I am dreaming… (Absolutely Kosher)
03. The Year Of — Stephen Hawking (Morr Music)
04. Bishi — Magus (Brainlove Records)
05. Süperdisco — Süper Disco (Warner)
06. Dandi Wind – Umbilical Noose (Bongobeat Records)
07. CSS – Let’s make love and listen to Death From Above (Sub Pop)
08. The Rapture — Get myself into it (Vertigo/Mercury)
09. Wild Man Fischer – It’s a money world (Rhino)
10. I’m Not A Gun — Move (City Centre Offices)
11. Cassettes Won’t Listen – Cutting Balloons [Roger O’Donnell Remix] (World’s Fair)