Zum Inhalt springen

Jahresbilanz 2005

Was für ein Musikjahr! Geradezu überreich, finden wir. Um das musikalische Wow! des Jahres 2005 gebührend zu feiern, gibt es hier wieder den allseits beliebten Jahresendpoll der Machtdose (überaus beliebt zumindest bei uns).

Gregor und ich geben abwechselnd im Countdown unsere 10 Lieblingsalben preis, danach kommen einfach gelistet noch die jeweiligen 10 Lieblingssongs (diesmal: Songs, nicht Singles, weil so mehr Freiheit).

Und los geht es:

Gregors 10: Kammerflimmer Kollektief – Absencen (Staubgold)

Pulsbremse, weniger als beim Rumstehen. Dann: Begleiter beim Frühjahrsputz. Für die Gehpausen. Verwackelter, verschwommener Jazz. Mein Jazz. Grün. Die Band kommt aus Karlsruhe – wie der Karlsruher SC, nur schöner. Hier wird nicht gekickt, hier wird Magie in die Brühe gerührt. Zaubertrank aus Misteln und Hummer. Klar gesetzt.

The Fall - Fall Heads Roll (Sanctuary / Rough Trade)Rolands 10: The Fall – Fall Heads Roll (Sanctuary / Rough Trade)

Alter vor Schönheit! Einige Kandidaten, die durchaus auch hier rein gehörten, sind rausgeflogen wegen der Ollen hier. Die rotzen ihren Stiefel runter, aber das ist und bleibt nun mal qualitativ höchstwertiger Rumpelfußball. Rock’n Roll, Baby, und sonst nichts.

Ideale Hörsituation: Halbsuff anner Theke, im abgeranzten Club mit Betonfußboden und Bierlachen drauf.

Gregors 9 Trend – Navigator (Plastic Bomb/sounds of subterrania)

Streng genommen war’s ein hartes Jahr für deutschsprachige Rockmusik. Und ein Gutes für die Welt von morgen. Mich hat die Art, wie hier mit dem Thema »Deutschrock« umgegangen wurde, genervt. Also habe ich weggehört. Nur einmal, da wurde es laut, an dem Tag nämlich, als das neue Trend-Album in meinem Briefkasten lag. Nicht ganz fair, ich weiß, selektive Wahrnehmung eben. Aber: gute Entscheidung. Fezer schreibt die gegenwärtig besten deutschen Liedzeilen. Der Typ ist ein Phrasenschwein, und am Ende des letzten Songs ist alles gesagt.

Kanye West - Late Registration (Def Jam / Universal)Rolands 9: Kanye West – Late Registration (Def Jam / Universal)

Zwischenzeitlich dachte ich mal, kommt nicht mehr in die Jahresendliste. Aber dann legt man das Ding nach einiger Nichthörzeit ein, das läuft so und man selbst plötzlich mit bestester Laune durch die Zimmer. Hört es dann doch wieder fünfmal hintereinander und ist aufs Neue beeindruckt davon, wie gut das produziert ist.

Ideale Hörsituation: Anlage laut, während man eine Party vorbereitet und später noch zweimal zum Aufwärmen, während die ersten Gäste kommen.

Gregors 8: Isolee – We are monster (Playhouse)

Damals, in Höchst, haben wir Tür an Tür gewohnt und uns gemeinsam darüber gefreut, dass »System«, eine 12« seiner Frühphase, fünf De:Bug-Sternchen bekommen hat. Danach haben wir uns aus den Augen verloren – nicht aber aus den Ohren. »We are monster« ist ein Brett. Und ganz nebenbei ein Tiefschläger für alle, die den Mensch im Monster sehen. Mit der beste Albumtitel aller Zeiten.

Sigur Rós - Takk Rolands 8: Sigur Rós – Takk (EMI).

Ja, danke. Während die Vorgänger mir eher öd vorkamen, haut diese Platte hin. Kitsch und Mystik vielleicht, aber taghelle. Nicht nur ist jetzt das Gewölk aufgeklart, sondern neben allerlei Klingklang zugleich Dynamik reingekommen, die aus zuvor ambienten Studien rundheraus Lieder macht.

Ideale Hörsituation: Spätabendsommer, auf weiter Rasenfläche liegend. Augen geschlossen, Sonne wärmt das Gesicht.

Gregors 7: Boards Of Canada – The Campfire Headphase (Warp)

Wenn’s ginge, würd‘ ich mir die Musik ja spritzen. »The Campfire Headphase« ist soft – supersoft. Musik für’s Holodeck. Der Soundtrack zu einer Westernsimulation, allerdings kein wilder Western, in diesem Western haben sich alle lieb, man streichelt Pferde, bestellt den Acker und raucht gemeinsam Panama Gold. Die Leute sind entspannt. Sex spielt auch eine gewisse Rolle.

Hauschka - The Prepared Piano (Karaoke Kalk / Indigo)Rolands 7: Hauschka – The Prepared Piano (Karaoke Kalk / Indigo)

Dass der Mann nach einer Kosmetikserie heißt, scheint mir zu passen. Hier hat er seinem Klavier physisch jede Menge Mittelchen (Klebebänder, Nägel, Kronkorken und noch einiges mehr) beigefügt. Was das Instrument einerseits klanglich aufrauht, andererseits aber, durchaus im Gegensatz zu weiten Teilen der Tradition des Pianopräparierens (John Cage usw.), den Sound nicht nur erweitert, sondern auch noch schöner macht. Dazu Minimal Music-Anleihen, bin ich immer für zu haben.

Ideale Hörsituation: Beim Werkunterricht? Im Konservatorium? Beim Werkunterricht im Konservatorium?

Gregors 6: Art Brut – Bang Bang Rock and Roll (Fierce Pan/Cargo Records)

2005 war das Jahr der Hipster. Jungensbands. Nichtssager. Nicht nur im Fußball halten die Knirpse jetzt das Ruder in der Hand. Oasis? Waren gestern. Supergrass? Vergiss es! Young is the new loud. Ich glaube, man nennt das Rock, was die da machen, Inselaffenrock, allen voran Art Brut. Haben einige grandiose Textzeilen hingelegt.

Final Fantasy - Has a Good Home (Tomlab / Indigo)Rolands 6: Final Fantasy – Has a Good Home (Tomlab / Indigo)

Der uneheliche Halbbruder meines Vorjahres-Nummer-1-Albums von Joanna Newsom, jedenfalls in my inner map: statt Harfe diesmal Geige, dafür in der Inszenierung nicht unähnlich. Wunderbare Selfmade-Arrangements von einem, der nicht nur ganz passabel, sondern eigentlich richtig schön singen kann. Musik zum gegenseitigen Anschmachten. (Überraschenderweise das einzige Stück Kanada in meiner Liste, obwohl dieses Jahr soviel Kanada war wie noch nie.)

Ideale Hörsituation: Sonntagmorgen, Balkon, Frühstück mit dem Liebessubjekt Deiner Wahl.

Gregors 5: Fat Freddy’s Drop – Based on a true story (Sonar Kollektiv)

Die Songs auf »Based on a true story« sind durchschnittlich siebeneinhalb Minuten lang, lange genug also, um auf verschiedene Genres zu hüpfen und Breaks zu erschaffen, die sich Zeit nehmen. Es ist Dub und Soul, Jazz und Reggae. Und es ist neu, außergewöhnlich, frisch. Fat Freddy’s Drop wecken den Hunger nach Licht. Denn eins ist klar: Licht macht glücklich.

Clap Your Hands Say YeahRolands 5: Clap Your Hands Say Yeah – Clap Your Hands Say Yeah

Man kann jetzt diskutieren, ob die hier schon reindürfen. Bald wird nämlich wahrscheinlich ausgiebiger über die Band berichtet werden, ohne dass je die Geschichte ihres märchengleichen Aufstieges ausbliebe. Da aber das (labellose) Album eben doch ganz problemlos über das deutsche Amazon dieses Jahr zu beziehen war, nehme ich es jetzt rein, auch wenn es nochmals bei nem „richtigen“ Label im Januar erscheint (vgl. folgenden beiden Amazon-Links: Eins und Zwei, wobei der zweite das Märchen auch nochmal nacherzählt).

Jetzt aber zur Musik: Ob die gefällt oder nicht, steht und fällt mit dem Gesang, so: hochgepitchter David Byrne, dazu schrammeln Elektrogitarren, ordentlich durchryhthmisiert. Die Platte kommt einem nahezu klassisch „indiemäßig“ vor (was ja dann auch wieder zu obiger Geschichte passt), womit man vor grauen Zeiten eine bestimmte Form gitarrenzentrierter und melodienversessener Musik meinte. Weshalb einem da so einige Namen einfallen mögen, frühe Go-Betweens etwa. Aber und gerade: wann hätten wir schonmal in den letzten Jahren Entsprechendes und entsprechend Gutes gehört?

Ideale Hörsituation: In your room.

Sufjan Stevens - Illinois (Rough Trade)Gregors 4: Sufjan Stevens – Illinois (Rough Trade)

Sufjan Stevens ist bei Lauf- und Fangspielen der Fänger. In der Spielwelt der Musik verhält es sich ganz ähnlich. Sein Heimatalbum »Michigan« war mir allerdings noch zu mutlos, erst mit »Illinoise« kam Schwung ins Spiel. Stevens hat mich gestellt. Oder anders gesagt: bekehrt. Wohin uns sein Glaube führt, bleibt abzuwarten. Die beiden nächsten Alben »Rhode Island« und »Oregon« sind vorbestellt.

Maxïmo Park - A Certain Trigger (Warp / Rough Trade) Rolands 4: Maxïmo Park – A Certain Trigger (Warp / Rough Trade)

Wahrscheinlich die Band, auf die wir uns alle einigen können. (Wie man mir zutrug: Live die sympathischste, die wo grade gibt) Das Tolle an Maxïmo Park ist, dass die schlicht songschreiberisch glänzen, und nicht nur – wie die meisten Hipbands aus UK grad – vom jugendlichen Drive leben, was ja für den Spaß oft genug schon hinreicht. Gut auch, dass trotzdem punktgenaues Produzieren eher zweitrangig bleibt, da darf auch mal was verwischen, eh egal, weil das Nächstgeile gleich um die Ecke kommt.

Ideale Hörsituation: Maxïmo Park in concert (vermutlich).

Gregors 3: Gorillaz – Demon Days (Parlophone/EMI)

Aus irgendeinem Grund war ich nie Blur. Und das Gorillaz-Konzept, sich hinter Comics zu verstecken, fand ich belanglos. Trotzdem ist ihre Musik jetzt auch bei mir angekommen. Ob’s De La Soul waren? Oder vielleicht FM4, die »Dirty Harry« rauf und runter gespielt haben? Und an dem einen oder anderen Artikel zur Band muss ich mich auch verschluckt haben, schließlich ist meine anfängliche Skepsis der blanken Begeisterung gewichen. Schüttelbeats und Beach-Boys-Harmonien, dazu Chor und Rap. O Jeses. Aus einem Guss und doch ganz anders.

Boy Robot - Rotten Cocktails (City Centre Offices)
Rolands 3: Boy Robot – Rotten Cocktails (City Centre Offices)

Das erste Mal, dass Elektronik auf der Liste erscheint. Was, für meine Fälle, schon eher ungewöhnlich ist, zugleich aber dafür steht, dass 1. dies‘ Jahr ein Gitarrenjahr war und 2. der Trend sich fortsetzt, dass der Ausstoß guter Elektronica-Produktionen weiter nachlässt. (Oder aber dafür, dass ich sie nicht mehr mitbekomme.)

Diese Platte hier hat jedenfalls alles, was man von maschinenproduzierter Musik auch nur erwarten kann. Soundschwelgerisch, kontemplativ und mitwippbar zugleich. Universal einzusetzen, ein treuer Begleiter überallhin und nutzt sich bis zum jüngsten Tag nicht ab. Also.

Ideale Hörsituation: Frühmorgens über Mp3-Player, auf dem Weg zur Arbeit, angemüdet mit der Stirn an die kühle Fensterscheibe der U-Bahn gelehnt.

Gregors 2: LCD Soundsystem – LCD Soundsystem (DFA Records/EMI)

James Murphy, der Anti-Hipster schlechthin, trägt nicht ohne Grund Schweiß unter den Achseln. Meine Vorliebe für seine Musik lasse ich mir von niemandem nehmen. Druck und Bass, Hit um Hit – ich war nah dran, auszuticken. »Losing my edge« hat seinerzeit die Tür weit aufgestoßen, nun sind alle drin und tanzen auf Gitarren. Funkpunk (oder doch Punkfunk?), Diskorock respektive Dancerock: Hauptsache Fusion. Zitathölle. Das Thema ist jetzt durch und Murphy gebührt der Ehrentitel. Dicht an der Eins.

Sufjan Stevens - Illinois (Rough Trade)Rolands 2: Sufjan Stevens – Illinois (Rough Trade)

Tja, was noch darüber sagen? Welches Superlativ sich noch ausdenken? Hat er sich doch schon alle alle abgeholt, der Sufjan, der mit schmaler Brust noch in jedes Superheldenkostüm passt. Zum Beispiel bei dem Album: denkt man zuvor, ja, ne, war schon vorher wahnsinnig gut, klar, n bisschen arg auf Melancholie gesetzt, aber… – dreht der halt beim nächsten Mal ordentlich die Chöre auf, und schon ist alles derart beseelt und beglückend, dass man gleich zum Wiedertaufen gehen möchte, fast. In den Texten wird aber trotzdem noch ordentlich geweint: im Bett, im Van, am Telefon und überall. Obzwar es fast schon parodistisch wirkt: so gehört es sich denn auch. Auf die nächsten 48 Alben!

Ideale Hörsituation: andere Glaubensbrüder und -schwestern in Wallegewändern an den Händen haltend, fernweltlicher Blick.

Gregors 1: Kaiser Chiefs – Employment (B-Unique/Universal)

Die Kaiser Chiefs stammen aus Leeds. Keine Ahnung, wo das liegt. In meiner Vorstellung sind alle Menschen, die von dort kommen, unglücklich. Dasselbe könnte man über Mannheim sagen, werden sich jetzt die Engländer denken. Ist Leeds eigentlich bekannt für seine tollen Bands? Ich glaube, »Employment« wird ein Klassiker. Bestes Album des Jahres 2005.

The Magic Numbers - The Magic Numbers (Capitol / EMI)Rolands 1: The Magic Numbers – The Magic Numbers (Capitol / EMI)

Wahrscheinlich würde das nicht funktionieren, jemand durch direktes Vorspielen von der Platte überzeugen zu wollen. Vermutlich säße ich demjenigen mit begeisterungsheischendem Blick gegenüber, während der nur skeptisch dreinschaut und irgendwann „Und – das wars?“ fragt.

Was macht also diese Musik so gut? Jedenfalls nichts, was einem unmittelbar und sofort entgegentritt. Tatsächlich, und das mein Tip: einfach ca. fünfmal laufenlassen. Dann aber. Dann aber! Besser gehts kaum: zart, sehnsuchtsreich, verheißungsvoll. Nahezu perfekte Songs, Meisterwerke – drunter mach ich’s nicht. Und alles mit höchster Bewusstheit aufs Klassikersein hingeschrieben, was einem manchmal sogar leicht abgeschmackt vorkommen kann, aber was hilft es, sinds ja wirklich.

Ideale Hörsituation: Apathischer Paartanz mit der Ex-Geliebten in der Hotelbar. Alles ist gesagt.

Gregors Songs des Jahres:

  1. MU – We love guys named Luke (Manchester’s Revenge)
  2. Hard-Fi – Hard to beat (Necessary Records/Atlantic)
  3. Gorillaz – Demon Days (Parlophone/EMI)
  4. Maximo Park – Limasoll (Warp)
  5. Hiltmeyer Inc. – Rockabilly (Gomma)
  6. The Rakes – Work, work, work [Pub, Club, Sleep] (V2 Records)
  7. Mouse Machine – To a girl (Hazelwood)
  8. Arcade Fire – Neighbourhood #2 [Laika] (Rough Trade)
  9. The Broken Beats – Little by littel (Hazelwood)
  10. Electronicat – Non (Disko B)

Roland: Songs des Jahres 2005

  1. LCD Soundsystem – Yeah (Crass Version)
  2. Sufjan Stevens – Chicago
  3. Mylo – Drop the Pressure
  4. Nada Surf – Concrete Bed
  5. Kammerflimmer Kollektief – Lichterloh
  6. Röyksopp – Alpha Male
  7. Hot Hot Heat – Dirty mouth
  8. The Most Serene Republic – Proposition 61
  9. Imogen Heap – Hide and Seek
  10. Richard Davis – World Dissapears

Gregors Top-3-LIVE-ACTS:

1. Arcade Fire; 26.08.; Köln, Monsters of Spex
2. Broken Beats; 04.09.; Frankfurt, Batschkapp
3. Maximo Park; 28.11.; Frankfurt, Festsaal Casino des Campus Westend

Und jetzt: macht mit! Wir bitten Euch um Eure Lieblinge. Müssen nicht unbedingt zehn sein. Auch wenn Ihr sonst was zu den genannten Alben zu sagen habt, nur her damit. Mal sehen, vielleicht kriegen wir ja in der Summe aller Meldungen am Ende noch die kollektiven Topstars raus.

Unter denjenigen, die bis 31.12.05 diesen Poll kommentieren, wird auch 1 Preis verlost: 1 Mix-CD von uns, nach einem Wunschthema des Gewinners!