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Die besten Alben 2023 – Plätze 1

Carstens Nr. 1:
GHOSTWOMAN – Hindsight is 50/50
(Full Time Hobby)

Es ist ungefähr 22 Uhr, als ich von zuhause losgehe. Ich gehe nur langsam, damit ich in meinen Stiefeletten (alt. Creeps, Docs) nicht auf dem nassen Pflaster ausrutsche. Es ist neblig (alt. rauchig, kalt), auch weil die Fenster der Straßenbahn (alt. Bus, Stretchlimo) beschlagen sind. Ich starte den Walkman (alt. iPod, Smartphone) und starre vor mich hin. Hallende Beats, dröhnende Gitarre. Mein Herzschlag wird schneller. Aussteigen, noch ein paar Schritte (alt. eine halbe Stunde) Fußweg. Allein (alt. rauchend allein, mit einem schweigenden Freund). Es ist kalt in der Warteschlange. Keiner spricht. Nieselregen läuft in den Kragen meiner Donkeyjacke (alt. Bikerjacke, Harrington). Ich fange den Blick einer bleichen Schönheit ein. Sie (alt. er, them) lächelt nicht. Aber wir gehen Seite an Seite in den Club. Nebel bis unter die Decke. Strobo. Qualm. Nur Schatten.

Als ich die Kopfhörer abnehme (alt. rauspule), hämmert das Schlagzeug von Ille van Dessel los. Sie ist die Geisterfrau, vermutlich, die Evan Uschenko, dem Multiinstrumentalisten und produktiven Retro-Langweiler vor wenigen Monaten begegnet ist, und sein musikalisches Hipstersystem durcheinander gewirbelt hat – und den Klang von Ghostwoman drastisch verändert. Uschenko möchte von seinen alten Platten jetzt nichts mehr wissen, sagt er. Er habe seinen Sound endgültig gefunden, sagt er.

Der Spirit und die Coolness seiner Partnerin haben eingeschlagen wie eine religiöse Erleuchtung.

Das Album schreiben die beiden in wenigen Wochen und nehmen es in wenigen Tagen auf. Es ist kompakt, klar, stilistisch konsistent. Hypnotisch AF. Und völlig fertig geformt. Da fehlt nichts mehr. Dunkler Garagenrock, der dürr ist, laut und cool. UK-Postpunk trifft auf, sagen wir, Dead Moon und Velvet Underground. Mehr Sexyness geht nicht.

Man atmet feuchte Kellerluft und Nebelmaschine. Und wäre sehr gerne jetzt noch einmal 28, den richtigen Fummel am Leib und die Ahnung einer ätherischen Liebe (alt. Versuchung, Inspiration) im Kopf, die irgendwo in Berlin (alt. London, L.A.) aus dem Nebel steigt um einem das Leben umzukrempeln. Und einen morgens mitnimmt, in das Recordingstudio im zerfallenen Chateau: „Take a little walk with me.“


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Rolands Nr. 1:
Joanna Sternberg – I’ve Got Me
(Fat Possum)

Das Cover, selbstgemalt, wie aus einem pädagogischen Comic der Mitte 1970er – oder doch nicht, wenn man genauer hinsieht und einige heutige Utensilien darauf entdeckt. So ungefähr ist das auch mit der Musik auf diesem Debütalbum: hätte mir jemand gesagt, das seien alles interpretierte Traditionals, ich hätt’s erstmal geglaubt – würden dann nicht doch aktueller anmutendende Liebesdiskurse und Selbstkonzepte besungen.

Joanna Sternberg ist eine Manhattaner Komplettpflanze, dort geboren, dort geblieben, aus einer Familie stammend, die über mehrere Generationen professionelle Musiker*innen aufweist. Und eben: Songstrukturen, Melodien, Reimschema, alles ist klassischstes Singersongwritertum, ohne dass es in öde Retroproduziertheit reinläuft, für mich jedenfalls, und ohne Übertreibung an ganz große Namen wie Carole King, Joni Mitchell, Randy Newman denken lässt. Die markante Stimme selbst dann an eine andere Joanna, Newsom, nämlich.

Musikalische Souveränität trifft hier im übrigen auf kaum verborgene Vulnerabilität – und das ist ja immer ein Triumph (Ich erwähne das ausdrücklich nur, weil Sternberg selbst darauf immer wieder zu Sprechen kommt, nicht zuletzt in ihren Lyrics, die gar nicht anders als autobiographisch sein können, im übrigen auch bei Verweis auf musikalischen Vorbilder wie Elliott Smith)

Empowernd – wie das seit geraumer Zeit heißt, richtigerweise.


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Gregors Nr. 1:
Sufjan Stevens – Javelin
(Asthmatic Kitty)

Die Weltrettung kann weitergehen, Sufjan Stevens hat ein neues Album veröffentlicht, der Soundtrack dazu steht. Vielleicht zieht er auch demnächst mal wieder als Wanderbarde um die Welt, um seine zwischen Optimismus und Pessimismus oszillierende Kultur des Unbehagens in den Hallen dieser Welt zu verbreiten. Vorher muss er allerdings noch ganz schnell gesund werden.

Man munkelt ja, er sei nach seiner Autoimmunerkrankung wieder auf dem Weg der Besserung. Zum Glück! Javelin ist vielleicht nicht sein bestes Album – das bleibt Illinois aus dem Jahr 2005 – aber sein neuer Output gehört mit Sicherheit zum Stärksten seiner 24 Jahre währenden Schaffenszeit. 21 Alben zählt Stevens Gesamtwerk inzwischen.

Mit der Veröffentlichung von Illinois hatte er damals verkündet, jedem der 50 US-amerikanischen Einzelstaaten ein eigenes Album zu widmen. Die Idee war zwar schnell begraben, geblieben ist aber die stille Hoffnung (seiner Fans), dass er bis zu seinem Lebensende wenigstens 50 Musikalben raushaut. Als Sufjan Stevens vor sehr langer Zeit noch auf dem College war und beim Rasenmähen auf dem Campus eine verletzte Krähe in der Nähe der Mensa fand, brachte er sie ins Biologielabor, um ihr das Leben zu retten. „Du tust dem Universum einen großen Gefallen“, erzählte ihm daraufhin jene Frau, die aus dem Tierheim zu Hilfe gerufen wurde. Das Ereignis bot ihm wohl einen gelungenen Rahmen für seine Prosagedichte und Songtexte und für lange Gespräche auf dem Dach der örtlichen Aspirin-Fabrik reichte es auch noch, wo er sich mit Sangria von Boone’s Farm betrank und über die Ordnung des Universums spekulierte. So viel Bedeutung, so wenig Zeit. Rette uns, Sufjan!

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