Get Up Stand Up

Müsste viele interessieren: eine 6-teilige Doku reflektiert die Gechichte der Auflehnung in der Popmusik im Kampf um eine bessere Welt. Heute zeigt Arte Teil 1 & 2.

(1): We Shall Overcome – Der erste Beitrag geht zurück an den Beginn des letzten Jahrhunderts und zeigt, welche Rolle die Musik im Laufe der Zeit im Kampf für Menschenrechte eingenommen hat. Die Stationen reichen von den blutigen Schlachten der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung (Joe Hill) über die Bürgerrechtsbewegung und den Marsch auf Washington (Martin Luther King) bis zum Kampf gegen Apartheid („Free Nelson Mandela“) und für Bürger- und Menschenrechte der Ureinwohner Amerikas und der Menschen in Tibet.

(2): Next Stop Vietnam – Protest gegen Kriege zählt zu den immer wiederkehrenden Themen in der Geschichte politisch motivierter Musik. Mithilfe der Popkultur gelang es Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, eine ganze Generation zur Ächtung und Beendigung des Vietnam-Kriegs zu mobilisieren. Dies ist als ein Meilenstein für erfolgreichen musikalischen Aktionismus in die Popgeschichte eingegangen. Dazu wird anhand der beiden Golfkriege ein Vergleich mit der Gegenwart gezogen.

Für die Doppelfolge wurden interviewt: Pete Seeger, Joan Baez, Bruce Springsteen, Tim Robbins, Martin Sheen, Peter Paul & Mary, Kris Kristofferson, Tom Robinson, Hannes Wader, Westernhagen, Wayne Kramer (MC5), Tom Paxton, Graham Nash, Arlo Guthrie, Odetta, Roger McGuinn, Hugues Aufray, Patti Smith, Donovan, Udo Lindenberg, Berruriers Noirs, Jello Biafra, Daniel Cohn-Bendit, Edwin Starr, Adam Yauch (Beastie Boys), Michael Franti (Spearhead), Bobby Muller (President Vietnam Veterans of America Foundation), Dave Marsh (Autor), Johnny Cash, Peter Gabriel, Bono, Billy Bragg, Jim Kerr, UB40, Harry Belafonte, Steve Earle, Oscar Brand

Themen: Woodstock, die Studentenunruhen in Paris und Berlin 1968, die Ausschreitungen am Rande des demokratischen Wahlkonvents in Chicago 1968, der Einsatz der Nationalgarde an der Kent State Universtiy 1970, die Organisation der Vietnam-Veteranen, die Bürgerrechtsbewegung, der Marsch auf Washington, die Anti-Apartheid-Bewegung, Burg Waldeck, die Kampagne für ein freies Tibet, der Kampf für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner, die Konzerte der „Künstler gegen Apartheid“. Songs: „War“, „Power to the People“, „Kick Out the Jams“, „Street Fightin‘ Man“, „Universal Soldier“, „Turn Turn Turn“, „Born in the USA“, „Run Through the Jungle“, „19“, „Feel-Like-I’m-Fixin‘-to-Die-Rag“, „Boom“, „This Land Is Your Land“, „We Shall Overcome“, „The Times They Are A-Changin'“, „Joe Hill“, „If I Had a Hammer“, „Biko“, „Le Dæserteur“, „Le Chant Des Partisans“, „I Ain’t Gonna Play Sun City“, „Mandela Day“, „Sing Our Own Song“, „Blowin‘ In the Wind“, „Why Can’t We Live Together“, „Don’t Give Up“.

Und weiter heißt es auf der Arte-Homepage:
»Die Idee, die Musik für den Ausdruck des gesellschaftlichen Unmuts und des politischen Protests nutzbar zu machen, wird in „Get up stand up“ bis zur Folk-Tradition zurückverfolgt. Erst war es die Bürgerrechtsbewegung in Amerika, dann die Politisierung einer ganzen Generation durch den Vietnam-Krieg, durch die die Protestmusik zum ersten Mal in die Höhen der Mainstream-Popkultur vordrang. „Get up stand up“ dokumentiert die Geschichte dieses Phänomens und hebt das besondere Engagement einzelner Künstler hervor, die die großen Trends in den vergangenen 50 Jahren prägten. Aber kann Musik wirklich etwas verändern? Meinten die Stars es ehrlich oder ist das Engagement nur ein Versuch, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken? Warum ziehen bestimmte Anliegen bestimmte Künstler an? In sechs Kapiteln erläutert „Get up stand up“ den Zusammenhang von Pop und Politik. In einer reichen Auswahl von Interviews mit Augenzeugen und beteiligten Künstlern sowie Ausschnitten aus Konzerten illustriert „Get up stand up“ die jeweilige Motivation der verschiedenen Bewegungen, die Geschichten hinter den Engagements und die unterschiedlichen Facetten der einzelnen Künstler.«

Dokumentationsreihe, Deutschland 2003, ZDF, Erstausstrahlung, von: Rudi Dolezal, Hannes Rossacher (DoRo)

Die genauen Termine:
Sa, 29.11.2003 von 22:30 bis 00:25 (1 & 2)
Di, 02.12.2003 von 23:15 bis 00:15 (3)
Di, 09.12.2003 von 23:00 bis 23:55 (4)
Di, 16.12.2003 t.b.a. (5 & 6)

Olaf Karnik gibt in der Rundschau folgendes zu Protokoll:
»Es ist schon so, dass man einem Musiker, wenn er eine politische Aussage macht, mehr Glauben schenkt als sogar einem Politiker“, behauptet Smudo von den Fantastischen Vier in einer Folge von „Get Up Stand Up“ – einer glanzvollen Revue voller Superstars und Kritiker-Autoritäten. In Anlehnung an Bob Marleys Aufforderung zur politischen Selbstermächtigung startet diesen Samstagabend auf Arte eine sechsteilige Dokumentation über die fast hundertjährig Geschichte von Pop und Politik. Hannes Rossacher und Rudi Dolezal haben sich als Produzententeam DoRo einst bei Viva mit Pop-Features vom Fließband einen Namen gemacht, nun widmen sie sich in ähnlicher Formatierung einem ebenso anspruchsvollen wie heiklen Thema. Ihre Sendereihe spannt einen weiten Bogen: von den Agitprop-Songs eines Joe Hill, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die blutigen Schlachten der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung begleiteten, über Woody Guthrie, Pete Seeger („We Shall Overcome“) und den politisierten US-Folk bis zu Benefizprojekten gegen Rassismus, Hunger oder Atomkraft. Über die Identitäts- und Symbolpolitiken von Black Power und HipHop bis Tony Blairs Projekt „Cool Britannia“ – dem Versuch, Politik mittels Pop zu kommunizieren.

Image oder Impetus
Wie aber kann Pop die Welt zu einem besseren Ort machen? Bono von U2 tritt in der letzten Folge als erfolgreicher Aktivist auf („Pflegst du ein Image oder machst du dich wirklich an die Arbeit?“), der durch staatsmännische Konsultationen bei Putin und dem Papst Unterstützung für seine politische Arbeit in Afrika einfordert. Dass dies nie funktioniere, sondern Veränderung immer von unten käme, bekräftigen hingegen Chumbawamba. Doch so beflissen sich die Serie gibt, so sehr bleiben Praktiken ästhetisch und künstlerisch motivierter Dissidenz unberücksichtigt. In den Mainstream ragende Ereignishaftigkeit steht im Vordergrund, die langfristigen Effekte diverser Underground-Strategien werden vernachlässigt. Die Politik der sichtbaren Ergebnisse, der Effizienz und der Massenbewegungen steht im Vordergrund. Mikropolitik, Zeichenpolitik, Soundpolitik – all die Überlappungen des Politischen mit dem Ästhetischen, wie sie seit über zehn Jahren auf den Schauplätzen von Indie-Rock, Techno und elektronischer Musik vorkommen, finden bei „Get Up Stand Up“ keine Beachtung.

Diese Lücke füllt die soeben erschienene CD-Compilation Politronics (politics & electronics). „Things Can Only Get Better“, dieser 1997 für Tony Blairs Wahlkampf eingespielte und in der Arte-Serie vorgestellte Song, befindet sich auch darauf – in einer zynischen, bis zur Unkenntlichkeit dekonstruierten Version, nebst Mouse On Mars, Radio Boy alias Matthew Herbert, Schorsch Kamerun oder Stella. Eine Repräsentation der in den letzten Jahren häufig konstatierten Repolitisierung von Popmusik hat die CD im Sinn. Im Medium elektronischer Musik sind in erster Linie Sound, Design und Referenzen, künstlerische Konzepte und eine glaubwürdige subkulturelle Verortung kennzeichnend fürs Politische, weniger die klassischen über Songtext und Performance kommunizierten Botschaften. Da aber beispielsweise der politische Gehalt von hoch codiertem Sound kaum über eingeweihte Kreise hinaus vermittelbar ist, ergänzen explizit bis radikale Statements im 40-seitigen Booklet (unter anderem „Ten Reasons to Attack Germany“) die vorwiegend hermetischen Klang-Szenarien.
Agitation und Gesinnungsrhetorik wird auf Politronics eine klare Absage erteilt. Im CD-Booklet schreibt der Autor und Herausgeber der Testcard , Martin Büsser: „Die richtige Haltung garantiert noch keine überzeugende Musik. Erst die Wahl der Ausdrucksmittel entscheidet über die Attraktivität einer Haltung.Wer etwas anderes behauptet und sich daran stört, dass linke Politik hier mit einem kapitalistisch belasteten Begriff wie Attraktivität in Verbindung gebracht wird, soll sich erstmal vor Augen halten, wie viele unattraktive Bands der Sache mit platter Gesinnungsmusik bereits geschadet haben.“ Dem möchte man gerne zustimmen, gerade auch angesichts der in „Get Up Stand Up“ gezeigten Ausschnitte von Charity Events der achtziger Jahre wie Band Aid und Live Aid.

Die Instrumentalisierung von Pop zur Eintreibung von Spenden für die „Dritte Welt“ gebar zahlreiche ästhetische Ungeheuer à¡ la „We Are The World“. Hauptinitiator Bob Geldof, der seine musikalische Karriere schließlich im Dienste globaler Wohlfahrt ruinierte, gibt dann auch zu: „Ich bin persönlich für die Herstellung der grauenhaftesten Platten aller Zeiten verantwortlich – eine richtige Scheißernte.“

Andererseits wird einem in „Get Up Stand Up“ nochmal vor Augen geführt, welche Risiken Popmusiker mit ihrer Gesinnung und ihrem Engagement für die Sache tatsächlich eingingen: Nach dem Konzert der MC 5 („Kick Out The Jams“) 1968 im Chicagoer Lincoln Park knüppelte die Polizei wahllos in die Menge, und als die Gruppe im Zuge der Gründung der White Panther Party ihre Bewaffnung ankündigte, führte dies zur bis heute andauernden Verbannung durch die Musikindustrie. Selbst brave Folkmusiker wie Pete Seeger wurden von Schlägern bedroht und von den Medien zensiert. Hannes Wader wurden die Platten von seinen Fans zurück geschickt, nachdem er sich öffentlich zur DKP bekannt hatte. Sogar John Lennon sah sich nach seinen „Give Peace A Chance“-Bed-Ins beim anschließenden Umzug in die USA Repressalien und staatlicher Überwachung ausgesetzt.

Leider verschweigt die sich am historischen Material berauschende Dokumentation, wie sehr Polit-Pop heute beispielsweise unter dem Bush-Regime zurückgedrängt wird: anstößige Songs werden von den Radio-Playlists verbannt, unbequeme Musik wird von der Musikindustrie ignoriert. Umso mehr bevölkern seitdem zeitgemäße Antikriegs- und Protestsongs als MP3s das Internet. Wo solche Phänomene – ganz zu schweigen vom politisierten Pop in Afrika, Südamerika oder Asien – außen vor bleiben, klingt Westernhagens These („Rock- und Popmusik ist zur reinen Unterhaltung verkommen“) umso plausibler für den Zuschauer. Zwar erwähnt die Dokumentation noch Blurs Engagement gegen den aktuellen Irak-Krieg und zeigt Ausschnitte der globalen Antikriegs-Demonstrationen aus einem Clip von System Of A Down, aber auch hier gilt: sie nimmt, wovon es Bilder gibt, anstelle sich welche zu machen. Und die Politronics wirken eher wie ein herbeikompiliertes Phänomen. Die im Booklet angesprochenen Einzel-Anliegen werden durch den konsumfreundlichen Titel ad absurdum geführt. Politisch ist Musik gerade dann, wenn sie noch kein Label hat, wenn sie etwas vorlebt, vor den Latz knallt und, ja, auch: einfordert.«

14 Antworten auf Get Up Stand Up

  1. easty sagt:

    yo, habs mir angesehen, teil 1 war gut, obgleich in der tat in sachen irak-aktuell viel gefehlt hat (wo war saul williams??). aber herr karnik hat den mund auch zu voll genommen in der fr. halt mal weiter verfolgen!

  2. Wolfgang Jahner sagt:

    Hallo,
    Wissen Sie, ob es die Serie auf Video, CD oder DVD gibt?
    Besten Dank und Grüsse
    Wolfgang

  3. bugsbunny sagt:

    very good

  4. odile sagt:

    Ich suche auch die Serie auf video, CD oder DVD in Frankreich.
    excellent.
    Besten Danken.
    odile

  5. gregor sagt:

    Leider ist das so eine Sache mit der DVD. Es wird wahrscheinlich keine geben, da Leute wie Bono, Johnny Cash, Peter Gabriel, etc. nicht so ohne weiteres mit den Musikrechten rausrücken, auch wenn es sich lediglich um winzige Ausschnitte der Songs handelt und die erzielte Werbung für ihr Produkt nicht ganz ohne sein dürfte. Auch das ist Politik. Dann gibt’s da noch das Problem mit den Bildrechten. Da kann man schon mal ein halbes Leben mit der Klärung solcher Fragen verbringen. Vielleicht tut sich ja doch noch was…

  6. roland sagt:

    ich fand die bisherigen sendungen ja auch ganz okay, sind ja wieder von den musicplanet-leuten (die schon pop2000 gemacht haben), aber bisschen was hab ich schon zu meckern, nämlich: mir fehlt da ein bisserl die linie innherhalb der einzelnen folgen, da wird mir oft zu beliebig hin- und her gehüpft.

  7. gregor sagt:

    Dazu noch passend der Artikel von Jan Feddersen in der TAZ vom 16.12.03: http://www.taz.de/pt/2003/12/16/a0194.nf/text

  8. Ich suche einen Video/DVD Mitschnitt
    Wer kann mir helfen?

    Es muß doch jemanden geben der alle Sendungen aufgezeichnet hat!

    Bitte melden

  9. Gerd sagt:

    würde mich auch freuen, wenn ich zumindest die ersten beiden Sendungen auf DVD ode Viedeo bekomen könnte.!!

  10. Marie sagt:

    hi hab das Selbe Anliegen wie ^^^ ärger mich das ich die ersten Folgen verpasst habe und wüsste gern ob jemand die ersten 3 Teile aufgenommen hat und bereit ist sie zu kopieren und weiter zuschicken/leiten … freue mich auf Rückmeldungen

  11. Oliver sagt:

    ich bin auch auf der Suche nach Teil 1-4 !!!
    Teil 5 und 6 habe ich bereits auf DVD…

  12. Oliver sagt:

    #

    ich bin auch auf der Suche nach Teil 1-4 !!!
    Teil 5 und 6 habe ich bereits auf DVD…

    für Kontakt: oliverlenk@gmx.net

    Würde mich freuen !

  13. Karl GUGLER sagt:

    Habs mitgeschnitten. mfg KG

  14. Ghitescu Rainer sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren
    Gibt es von Get Up Stand Up eine DVD
    Mit freundlichen Grüßen
    Rainer Ghitescu

Immer auf der Suche nach dem Flow, begeistern Gregor Maria Schubert und Roland Graffé sich für Trends, Widersprüche und Abseitiges in Kunst, Musik und Medien.

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