Klaus Walter über das Mixtape als Mitteilung der Seele

Bevor ich’s vergesse: Die Mixkassetten-Ausstellung gastiert derzeit in Frankfurt. Nach Hamburg, Bremen, etc. zieht es das Institut für Volkskunde der Universität Hamburg nun mit seiner Sammlung ins Hessische. Kassettengeschichten Rhein-Main. Neben diversen Tapes gibt es die Mixerzeuger selbst zu sehen. Der Begleitreader wurde ja bereits von Roland besprochen und abgesegnet. Eigentlich wäre alles gesagt – fast alles…

In seiner Eröffnungsrede zeigte sich Klaus Walter als Mann vom Fach. Seine Gedanken zur Mögenbotschaft aus Chromdioxid gibt’s hier in voller Länge

Das Mixtape als Mitteilung der Seele: Betrachtungen über die Visitenkarte im C 90-Format

Spirale der Erinnerung von KLAUS WALTER
Wie alles in diesem Jahr kann man auch das Mixtape mit Theodor W. Adorno erklären. Wenn der umtriebige Philosoph eine neue Liebesaffäre auf den Weg bringen wollte, dann ging er in den Laden der Frankfurter Buchhändlerin Melusine Huß und verlangte Wilhelm Hauff, Das kalte Herz, in der Reclam-Ausgabe, hübsch eingepackt. Adorno war also kein Mixtape-Typ. Jeder neuen Geliebten schenkte er das gleiche Buch. Der Mixtape-Typ schenkt jeder neuen Geliebten eine Kassette, aber niemals die gleiche. Das gehört sich nicht. Die eigenhändig zusammengestellte Mischkassette fällt nämlich unter die Kategorie der intrinsisch motivierten Geschenke.

Solche „von innen kommenden Handlungen aus eigenem Antrieb“ unterscheidet der französische Soziologe Marcel Mauss in seiner Schrift Die Gabe scharf von der strategischen Handlung, die vor allem darauf abzielt, sich vorteilhafte Handlungsoptionen zu erschliessen. So gesehen war Adorno ein strategischer Schenker. Auch kann man sich schwer vorstellen, wie er vor seinem Plattenregal steht, die schönsten Schönbergs, die melancholischsten Mahlers und bestechendsten Beethovens heraussucht, Stück für Stück in wohlkalkulierter Abfolge auf eine C 90 bannt und während des Überspielens die aus Illustriertenfotos selbstgebastelte Hülle handbeschriftet. Was hätte seine Frau Gretel wohl dazu gesagt? Nein, nein, Adorno war viel zu sehr Autor um Mixtaper zu sein.

Das Medium der Liebesgeschichten – Einen Gegenentwurf zur auktorialen Autorität stellt der collagierende Produzent französischer Provenienz dar. Claude Levi-Strauss zum Beispiel verdanken wir den begrifflichen Schlüssel zum Mixtape: Bricolage! Das Wort darf nicht fehlen, wenn über Kassettenproduktionen nachgedacht wird. Auch nicht im Begleitband zur Ausstellung „KassettenGeschichten. Von Menschen und ihren Mixtapes“, herausgegeben von Gerrit Herlyn und Thomas Overdick. Darin wird die Zusammenstellung einer Mischkassette als Bricolage bezeichnet, was mit dem deutschen Wort „Bastelei“ nur unzulänglich übersetzt ist. Die Bricolage spricht „mittels der Dinge: Indem sie durch die Auswahl, die sie zwischen begrenzten Möglichkeiten trifft, über den Charakter und das Leben ihres Urhebers Aussagen macht. Der Bastler legt immer etwas von sich hinein.“

Wie gut oder schlecht nun ein Mixtape als Medium einer sich anbahnenden, zu vertiefenden oder gar zu reaktivierenden Liebesgeschichte funktioniert, das hängt massgeblich davon ab, wie viel und vor allem was von sich der Bastler in seine Bricolage hineinlegt. Da lauern Fallen. Häufig lässt der Produzent dem detailversessenen Sammler und Fakten-Nerd in sich zu viel Raum. Der will dann den Beweis antreten, dass man mit einem Tape, das ausschließlich aus Songs besteht, die in ungeraden Monaten des Jahres 1967 auf Motown-Single-B-Seiten erschienen sind, das Objekt seiner Leidenschaft entflammen kann. Oder er überfordert seine musikalisch empfängliche, musikjournalistisch aber nur mäßig interessierte Geliebte mit einem eigens angefertigten Beiheft aus fotokopierten Artikeln über die auf der Kassette vertretenen Künstler und ist beleidigt, wenn er feststellt, dass die Beschenkte nach drei Tagen zwar schon mehrfach das Tape gehört hat, aber immer noch nicht die Aufsätze über Scritti Politti und Mille Plateaux gelesen hat. Dass man nicht mit der Tür ins Haus fallen sollte und gleich auf dem ersten Tape die waidwundesten, steinerweichendsten Liebeslieder von Al Green abfeuern, das versteht sich von selbst. Schon gar nicht „Let’s stay together“ am Anfang. Oder am Ende.

Zen, oder die Kunst, ein Mixtape herzustellen – Darüber haben viele Autoren meditiert und meistens waren es Männer. Männer wie Nick Hornby, Christian Gasser oder Benjamin von Stuckrad-Barre haben sich mehr oder weniger eitel den Kopf zerbrochen, inzwischen existiert eine fast schon kanonische Mixtape-Etikette. Wie früher in der Tanzstunde regelt ein Ensemble aus Benimmregeln und Verboten den Verkehr der Geschlechter. Die Konvention der intrinsischen Gabe „Mixtape“ sieht eine heterosexuelle Beziehung traditioneller Prägung vor: der Mann als gebender Bricoleur, die Frau als umworbene Empfängerin.

„Dass eher Männer Tapes für Frauen aufnehmen ist ein Vorurteil“, wendet der Tapeforscher Gerrit Herlyn ein, um dann doch die „vorsichtige Tendenz“ zu bestätigen, „dass der Versuch, jemandem durch die Texte und die Musik anderer die Liebe zu gestehen, eher ein männliches Phänomen ist.“ Von diesem Phänomen spricht auch die Protagonistin in Karen Duves Roman Dies ist kein Liebeslied: „Wenn du dir von einem Mann eine Kassette aufnehmen lässt, erfährst du mehr über ihn, als wenn du mit ihm schläfst.“ Und wenn du noch nicht hast, erfährst du vielleicht, ob du mit ihm schlafen willst.

Das romantische Motiv von der Mischkassette als Visitenkarte der Seele (und der Plattensammlung) ist offenbar resistent gegen technische Innovation. In einer Kontaktanzeige unter der Rubrik „W sucht M“ verspricht „W“: „In den Plattenladen gehe ich nicht mit dir, aber deine Mixtapes höre ich mir gerne an.“ Würde sie je schreiben: „…deine selbst gebrannten CD’s höre ich mir gerne an“? Nein.

Warum nicht? Worin besteht der Zauber des Mixtapes? Zunächst mal ist es ein ziemlich widersprüchliches Ding. Im Rohzustand ein Speichermedium aus dem Zeitalter der technischen, analogen Reproduzierbarkeit dient es doch zur Herstellung von Unikaten mit der Aura maximaler Distinktion. Oder haben jemals zwei verschiedene Menschen auf dieser Welt ein identisches Mixtape kompiliert? Mit dem gleichen selbst gebastelten Cover?

Wie das Knistern der gebrauchten Schallplatte, so wärmt das Leiern der Kassette unser Herz, komisch genug. Sie schenkt uns wohlige Schauer der Angstlust: „Man spielt sie mit dem gleichen unguten Gefühl ab, mit der man in der Original Gutenberg-Bibel blättern würde, um ein paar Verse nachzuschlagen.“ So Armin Müller über die raren Tapes der Cleaners From Venus in seiner Bandbiografie Ein Junge aus den Home Counties (Jarmusic Verlag). Im Unterschied zur CD, die ihren Geist nach undurchschaubaren Regeln aufgibt, folgt der Verfall der Kassette einer nachvollziehbaren Verschleißlogik und produziert ein anmutigrührendes Bild der finalen Katastrophe: Bandsalat.

Dass ausgerechnet Clem Snide für den Tod des Mixtapes eine schöne Zeile gefunden haben, ist sicher kein Zufall. Wie die Cleaners From Venus ist Clem Snide eine typische Mixtape-Band, von der man sich selten ein ganzes Album anhört, obwohl doch ein Clem Snide-Song jedem Mixtape zur Zierde gereicht: „The joke is that the Stereo ate the mixtapethat you made alive.“ (Clem Snide, 1989)

Zudem speichert das Unikat Mixtape Subtexte der Erinnerung, bei Produzenten wie bei Empfängern. Immer wieder ist in den „Kassettengeschichten“ von den Situationen die Rede, in denen ein bestimmtes „Lied“ aufgenommen oder gehört wurde. Tatsächlich benutzen die meisten Befragten das Wort „Lied“, nicht etwa Song oder Track. Wortlose, rein instrumentale Musik spielt in der Sozioökonomie des Mixtapes offenbar keine große Rolle, erst das „Lied“ mit seinen Textqualitäten stiftet den narrativen Charakter. Eine weitere Erinnerungsschublade öffnet sich, wenn das Radio ins Spiel kommt. Die im Rückblick mit dem Charme des Scheiterns verklärten Versuche, ein Stück Musik aus dem Radio ohne die Stimme des Moderators zu konservieren, haben damals alle zur Verzweiflung gebracht. Schnell und präzise, idealerweise genau in jener Nanosekunde zwischen dem Ende der Moderation und dem Anfang der Musik musste eine im Vergleich zum Mausklick recht komplexe Operation durchgeführt werden.

Das Spreizen von Mittel- und Zeigefinger zum gleichzeitigen Drücken der rätselhafterweise meist weit auseinander liegenden „Play“ und „Rec“-Tasten kommt im restlichen Leben nicht vor, es sei denn, man macht das Victory-Zeichen oder versucht, gleichzeitig in beiden Nasenlöchern zu bohren. Mithin hat schon die Herstellung eines Mixtapes etwas Unikathaftes. Der Mausklick dagegen ist immer der selbe, ganz egal, was er verursacht.

Lizenz zum Hitparaden-Mitschnitt – Zum Ritual jeder Hitparade gehörten empörte Hörerbriefe mit der Forderung, die Lieder bis zum letzten Ton auszuspielen ohne drüberzuquatschen. Manche Moderatoren nutzten das, um mit den Hörern zu fraternisieren: „Das nächste Stück in voller Länge für unsere Tonbandamateure!“ Die augenzwinkernde Lizenz zum Mitschnitt im rechtsfreien Raum nahm bereits die juristischen Konflikte der Gegenwart um Musik- Tauschbörsen und Copyrights vorweg und die Kassette hatte ihren subversiven Ruf weg. Im Vergleich mit dem Konkurrenzmedium Schallplatte wies sie entscheidende Vorzüge auf: kleiner, schneller, mobil, flexibel, recyclebar. Mit der Kassette kam die Musik in Bewegung, individuell im Walkman, für die Massen im Ghettoblaster. Der Portable mit den Boomboxen fungierte als Geburtshelfer der HipHop-Kultur, er trug die Mixtapes der DJ’s buchstäblich auf die Straße, ermöglichte spontane Blockparties wie rasches Verschwinden beim Eintreffen der Polizei. Ein HipHop-Werkzeug, handlich wie die Spraydose, praktisch wie die Baseball-Cap.

Wie Jahrzehnte später die digitalen Technologien so konnte auch das Werkzeug Kassette nicht ganz im Sinne des Erfinders als Instrument der illegalen Aneignung benutzt werden. Heute haben wir fast vergessen, dass die Popkulturindustrie der alltäglichen Piraterie schon damals mit martialischen Kampagnen begegnete. Einen Totenkopf klebten sie auf Plattenhüllen, darunter die Parole „Hometaping is killing Music!“. Ob die obligatorischen Trauerrandbotschaften auf Zigarettenschachteln von den selben Kreativen erfunden wurden, ist nicht bekannt. Die Musik aber, das wissen wir, hat überlebt, auch weil es einer Band mit situationistischen Vorkenntnissen und dem schönen Namen Kiwisex gelungen ist, die Todesdrohung mit einem überzeugenden Slogan zu kontern: „Homefucking is killing prostitution.“

KassettenGeschichten – Von Menschen und ihren Mixtapes, Ausstellung, Frankfurt, Museum für Kommunikation, Schaumainkai 53, Die Ausstellung läuft bis zum 8.2.2004

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Eine Antwort auf Klaus Walter über das Mixtape als Mitteilung der Seele

  1. curtis newton sagt:

    dank der machtdose, die das mixtape feiert,
    wie es dem mixtape gebührt.
    ich freue mich,dass ihr beharrlich das thema mixtape beackert und z.b dies rede von k. walter auch menschen in hamburg kennenlernen last.
    danke. mix’n’roll und ein p.s. an gregor….
    nach dieser rede müßte dir es unmöglich sein, den mixkassettenbrief mit einer schnöden mix-cd zu beantworten, ich sach mal yeah, wa?

Immer auf der Suche nach dem Flow, begeistern Gregor Maria Schubert und Roland Graffé sich für Trends, Widersprüche und Abseitiges in Kunst, Musik und Medien.

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