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Legendenbildung

Viele lange Winterabende könnte man damit verbringen, über den Artikel von THOMAS ASSHEUER zu diskutieren. Was hier bisher nur rudimentär und ohne große Sachkenntnis angeschnitten wurde, bekommt in den Worten des Autors die Größe eines Bildungskanals. Im aktuellen Dossier der Zeit (03/2004) verteilt der Autor Kopfnüsse en masse. Zu unserer laufenden Diskussion passt insbesondere Teil 3 seiner lesenswerten Legenden-Trilogie:

Legende Nummer drei: ARD und ZDF sind ein Hort von Bildung und Kultur.

ARD und ZDF kennen die Einschätzung des Bredow-Instituts und anderer Medienwissenschaftler. Doch was sollen sie dazu sagen? Sie werden sagen, ihre Anstalten seien Bildungs- und Kultureinrichtungen mit gesetzlichem »Grundversorgungsauftrag« und damit strikt von der »nackten Wahrheit« kommerzieller Anbieter unterschieden.

Kulturmagazine? Ja, wenn die Zuschauer längst schlafen

Die Sender hätten damit sogar Recht. Die Mehrheit der Zuschauer gibt an, man könne einen Gebührensender von privaten Veranstaltern klar unterscheiden. Bei den Informationssendungen führen die Öffentlich-Rechtlichen nach wie vor. Zusammengerechnet strahlen ARD und ZDF mehr Kultursendungen als früher aus; eine Sendung wie Kulturzeit, die täglich auf 3sat läuft, wäre vor zwanzig Jahren undenkbar gewesen. Und mit der Unterstützung von Festivals und regionalen Kulturereignissen haben ARD und ZDF manche Wüste zum Blühen gebracht.

So richtig flügge wird die Fantasie der Sender jedoch erst, wenn es darum geht, Kulturmagazine in Spartenprogramme abzuschieben oder im Tagesrandgebiet zu verstecken, am Saum der Nacht oder im Grauen des Morgens. Allen öffentlich-rechtlichen Selbstbekundungen zum Trotz: Ihr Kultur- und Bildungsauftrag wird in erster Linie von 3sat und Arte erfüllt. Was im Hauptprogramm verbleibt, muss um seine Existenz bangen. Handstreichartig hat die ARD ihre sonntägliche Kultursendung um eine halbe Stunde in Richtung Mitternacht verlegt — zugunsten der Tagesthemen, die Gelegenheit bekommen, Beiträge zu wiederholen, die der Zuschauer in der Kurzfassung schon aus den Hauptnachrichten kennt. Für ein Kulturmagazin ist das lebensgefährlich. Sinkt durch die Verschiebung in die Nacht die Quote, läuft es Gefahr, ganz abgeschafft zu werden.

Aber der öffentlich-rechtliche Skandal besteht nicht allein in der Misshandlung von Kulturprogrammen. Der eigentliche Skandal ist der Banalisierungsschub, von dem ARD und ZDF heimgesucht werden, ihre tief empfundene Neigung zu Selbstverdünnung und Schamlosigkeit. Vier zähe Abende hintereinander sitzt das deutsche Steuersparmodell Boris Becker bei Johannes B. Kerner, um ein Buch zu promoten, das zufälligerweise auch bei Bild groß herauskommt. Der MDR lässt Senioren raten, wie viele Meter Toilettenpapier auf einer Rolle aufgewickelt sind. Die Spitzenmeldung in der Politiksendung ARD-Nachtmagazin lautet: Uwe Seeler sei nun Ehrenbürger in Hamburg, herzlichen Glückwunsch. Das frisch abgesetzte »People-Magazin« Bunte TV (HR) sendet ein Interview mit der Schauspielerin Ursula Karven »nach dem Tod ihres Sohnes«. Frau Karven, haben Sie noch die Stimme Ihres Sohnes im Ohr? Haben Sie seinen Tod als Prüfung Gottes empfunden? Der Trailer zur Sendung verspricht, man könne eine Flasche Sekt gewinnen. Der Anruf ist gebührenpflichtig. Die spätere Sendung war es auch.

Wenn es ein Rätsel zu lösen gibt, dann ist es dies: Wie kommen praktisch unkündbare Redaktionsleiter, die vielleicht über den frühen Wagner oder den späten Dürrenmatt promoviert haben — wie kommen sie auf den Gedanken, ein unschuldiges Publikum mit solchen Sendungen zu quälen? Wie kommen sie dazu, von ihren Angestellten zu verlangen, sich an der öffentlich-rechtlichen Selbstzerstörung zu beteiligen? Und warum erlauben Intendanten ihren Hörfunk-Funktionären, Mitarbeiter mit der Drohung einzuschüchtern, demnächst werde »bei der Kultur« gespart?

Und dies ist des Rätsels Lösung: Helmut Kohls Postminister Christian Schwarz-Schilling, der für 3,1 Milliarden Mark die Republik verkabeln ließ, hat einmal gestanden, die Christdemokraten hätten sich von der Kommerzialisierung des Fernsehens mehr CDU-Nähe versprochen — und stattdessen viel Abfall bekommen. Schwarz-Schilling hat Recht, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Die Christdemokraten haben sogar noch viel mehr bekommen, nämlich die innere Selbstprivatisierung von ARD und ZDF, das unablässige Starren auf die Quote. Denn was ist der Glaube an die Quote anderes als der Glaube an den Markt? Es ist der Glaube, das Publikum sei eine dumpfe einförmige Masse. Eine Anhäufung aus mittleren Bürgern mit mittleren Bedürfnissen, die in Zuschauerumfragen abgeklopft und mit passgenauen Programmkomponenten in einer öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalt befriedigt werden können.

Eigentlich könnte man von ARD und ZDF erwarten, sie würden ihr Gebührenprivileg dafür nutzen, die Welt mit ihrer Neugier zu überfallen oder alles Sinnen und Trachten auf Themen und Formen zu lenken. Tatsächlich aber scheint es sich genau anders zu verhalten. Die Sender nutzen ihren Freiraum, um sich mit aller Kraft auf die Quote zu konzentrieren und die »Einschaltimpulse« nach oben zu treiben. Schon die Wortwahl ist verräterisch. Joachim Knuth, Wellenchef von NDR-Info, wünscht einen »musikaffinen Aromabereich«. So entfesselt die innere Angstkonkurrenz mit den Privaten eine absurde Jagd auf den statistischen Durchschnittsmenschen. Im selben Sender kämpft ein Wellenchef gegen den benachbarten Wellenchef und versucht, ihm den letzten Hörer abspenstig zu machen.

Allein die Quote zählt, also die »Ökonomie der Aufmerksamkeit«: Ohne diese Glaubensformel könnte man gar nicht verstehen, mit welcher Inbrunst die Sender derzeit ihre Programme aufrüschen und flottmachen, wie sie ihre Hörfunkkultursendungen zu wortfeindlichen »Tagesbegleitmagazinen« mit »Durchhörqualität« im Wellenformat umrüsten. Eilig werden neue »Präsentatoren« angeworben, die das Kulturprogramm wellen- und quotentauglich »verkaufen« sollen. Hauptsache, der Redakteur, der seinen Themen in alter Liebe ergeben ist, hält den Mund. Hinhaltenden Widerstand gegen die Programmausdünnung leistet nur eine Hand voll Kulturkonservativer beim Deutschlandfunk und beim Bayerischen Rundfunk, während andere Sender den Wellenreiter spielen und vorwegeilen, weil sie fürchten, den Anschluss an den Zeitgeist zu verpassen.

Einige Intendanten führen sich auf wie Sonnenkönige

In einer Bereitwilligkeit, die niemand von ihnen verlangt hat, verändern die Sender auch die kulturelle Fantasie der Gesellschaft. Damit liegen sie im Trend. Soziologen sprechen davon, westliche Gesellschaften seien derzeit im Begriff, den Inhalt ihrer Einbildungskraft zu korrumpieren, ihr »kulturell Imaginäres«, also Bilder und Zeichen, Träume und Traditionen. Das Alte und Schwierige wird als elitäre »Hochkultur« verunglimpft und aus dem Programm herausgespült. Anschließend wird es durch das medial erzeugte Weltbild einer Verwertungsgesellschaft ersetzt. Die neuen Leitbilder heißen Geld und Konsum, Sex und Skandal. Übersetzt ins öffentlich-rechtliche Titeldeutsch: SuperIllu-TV, Wellness-TV, Schnäppchen-Show.

Wie können sich ARD und ZDF reformieren?

Seit Jahren fürchten öffentlich-rechtliche Sender nichts heftiger als den Vorwurf flächendeckender Verschwendung. Deshalb haben sie gespart und zwölf Prozent der Stellen abgebaut. Aber die Kritik hält an. Sie haben ihre Verwaltungskosten um einige Prozentpunkte gesenkt, und trotzdem werden sie nicht geliebt. Warum machen sie sich die Reform so schwer, obwohl sie doch ganz einfach wäre? ARD und ZDF müssten sich nur wieder an ihren ursprünglichen Auftrag erinnern.

Die grob gestrickten Sparpläne, welche die Ministerpräsidenten Steinbrück und Stoiber vorgelegt haben, taugen dafür herzlich wenig. Ihr Vorschlag, Arte und 3sat zusammenzulegen, ist eine Schnapsidee, und zu Recht empfinden ARD-Intendanten es als doppelzüngig, wenn ihnen der bayerische Sparlöwe Reformen abverlangt, die er per Landesmedienrecht längst hätte selbst erledigen können. Oder wenn Politiker Programme abschaffen wollen, deren Einführung sie vor wenigen Jahren noch selbst gefordert hatten. Die Gegenfragen der ARD sind berechtigt: Warum werden die Landesmedienanstalten mit zwei Prozent aus der Rundfunkgebühr bezahlt? Warum übernehmen die Landesregierungen nicht die öffentlich-rechtlichen Rundfunkorchester, die sie zur Staatsrepräsentation so gern einsetzen? Andererseits: Warum hat die ARD ihre 26 Klangkörper für diesen Repräsentationszirkus überhaupt hergegeben?

Sobald es um ihre ureigenen Belange geht, laufen öffentlich-rechtliche Intendanten zu großer Form auf. Gestern noch windstille Meister im Konsensdeutsch, treten sie Politikern plötzlich furchtlos entgegen und verbitten sich die Einmischung in ihre innere Angelegenheiten. Nun, das ist immerhin ein Anfang. Wenn sie ihre Anstalten vor einer trüben Zukunft bewahren wollen, sollten sie künftig jeden politischen Einfluss auf das Programm zurückweisen. Das heißt nichts anderes als dies: Die Intendanten von ARD und ZDF sollten sich ein Herz fassen und die Parteien auffordern, alle staatlichen Vertreter, alle »Freundeskreise« aus den Gremien zurückzuziehen oder durch amts- und mandatslose Parteivertreter zu ersetzen.

Selbstverständlich bleibt es den Parteien unbenommen, von sich aus die Gremien zu verlassen. Dann wäre ihnen der Ruhm sicher, und sie würden als Helden des Rückzugs in die Rundfunkgeschichte eingehen. Ihr Beitrag zur Rettung der journalistischen Fantasie wäre unermesslich. Einer, der weiß, was auf dem Spiel steht, hat dazu das Nötige gesagt. Die »Repräsentanten der Staatsorgane und der politischen Parteien«, so Wolfgang Clement in der ZEIT (Nr. 17/02, Platz für Journalisten), sollten sich wieder »ihren eigentlichen Aufgaben zuwenden und die Sitze in den Gremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks räumen«.

Natürlich wäre dies nur ein erster Schritt zur geistigen Wiederbeatmung der Sender. Die Anzahl der Gremienmitglieder darf gefahrlos verringert werden; beim ZDF müssen es nicht über siebzig sein, die Hälfte täte es auch. Außerdem bedarf es der Beratung durch Fachleute; die Gremien sind oft nur rechtschaffene Laienspielscharen und außerstande, das öffentlich-rechtliche Betriebssystem zu durchschauen. Es gibt auch keinen Grund, hinter verschlossenen Türen zu tagen. Warum darf die Öffentlichkeit nicht erfahren, wie viel Lorin Maazel, der ehemalige Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, den deutschen Gebührenzahler kostete?

Auch vor den Intendanten dürfte eine Reform nicht Halt machen. Da sich einige von ihnen aufführen wie gebührenfinanzierte Sonnenkönige, sollten sie im Vollgefühl ihrer Souveränität endlich einen Teil ihr feudalen Allmacht abtreten. Mäßigen sie ihren ungebührlichen Einfluss auf das Programm, wird es ihnen das Publikum für immer danken. Ganz nebenbei gewönnen Intendanten viel Zeit, um die höfischen Gehälter ihrer Leitungs- und Spitzenkräfte auf das in Printmedien übliche Maß zu senken. ZDF-Intendant Schächter meldet hier bereits erste Erfolge: »Die Pensionäre verdienen längst nicht mehr besser als die Aktiven.« Der Rechnungshof NRW monierte schon vor Jahren beim WDR einen »Trend zu höher bewerteten Stellen«. Jetzt wird das Kritische Tagebuch in einem Wellenprogramm versenkt und das Autorenhonorar für die nicht weniger berühmte WDR-Sendung Zeitzeichen um 300 Euro gekürzt.

Im Übrigen dürfen sich ARD und ZDF getrost noch einmal die BBC zum Vorbild nehmen. Jedes Jahr erklärt die BBC der Öffentlichkeit in einem Statement of Promises geduldig, wie viel Geld sie für das Programm ausgeben will, welche Projekte sie plant und welche Qualitätskriterien sie einzuhalten gedenkt. Ein Jahr später wird an diesen Versprechen Maß genommen. Auch dies wirkt beruhigend auf das organische Selbstwachstum der Anstalten.

Und was spricht dagegen, wenn die Rechnungshöfe die Vergabepraxis an private TV-Firmen genauer in Augenschein nähmen? Wenn sie den Klagen nachgingen, die Landesfilmförderung diene bloß zur Umwegfinanzierung von Senderinteressen? Ebenso wenig könnte es schaden, wenn ARD und ZDF sämtliche Medienpartnerschaften und Kooperationen offen legten. Abgesehen von den Sportrechten, wo es wohl nicht anders geht: Ein Verbot des Sponsorings würde niemanden mehr in Versuchung führen und der journalistischen Wahrheitsfindung auf die Sprünge helfen.

Man sieht, die Selbstreform der Gebührensender ist ein abendfüllendes Programm, und die interessierte Öffentlichkeit wird dabei gern behilflich sein. Allerdings, den Mühlstein des Quotenfetischismus müssen die Sender sich selbst vom Halse schaffen. Vielleicht mit Unterstützung ihrer gut bestallten Redakteure, die ja bislang durch Widerstand gegen die allgemeine Programmverdünnung nicht weiter auffällig geworden sind.

Alles andere ergibt sich dann von selbst. Rundfunk- und Fernsehsender, die ihr Selbstbewusstsein nicht aus Macht und Größe, sondern aus der Qualität ihres Programms beziehen, werden sich der finanziellen Grundversorgung sicher sein dürfen. Mehr noch: In einer Gesellschaft, deren Rundfunk nicht länger eine Parteienveranstaltung darstellt, wird sich jeder Bürger danach drängen, seine Gebühren freiwillig zu entrichten. Es wird vermutlich sogar viel Geld übrig bleiben. Schon in naher Zukunft könnten ARD und ZDF ihre aufsässigen Gebühreneintreibungskolonnen abziehen und mit sinnvollen Arbeiten betrauen. Wie immer, vor laufender Kamera (von THOMAS ASSHEUER).