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Shellac – 1000 Hurts (Touch & Go/Import)

shellacSchellack, Gummilack, harzige Abscheidungen ost- und hinterindischer Schildläuse auf den Zweigen verschiedener Bäume wird für die Herstellung von Lacken verwendet. Die Tonkonserve namens Schallplatte stellte eines der schönsten Verwertungsprodukte des Schellacks dar, ehe es von einem Kunststoff namens Vinylid abgelöst wurde. Einige Spinner, sagt man, greifen noch heute gerne zum altbewährten Rund. Immerhin behauptet sich die Schallplatte mit einem tollen Marktanteil von 0,1%. In Zahlen bedeutet das in etwa 600.00 verkaufte LP’s im Jahr

Die aktuelle Platte von Shellac ist etwas für die Liebhaber unter uns: tonnenschweres Vinyl, verpackt in einer Box, in der etwa fünf Platten bequem hätten parken können, sehr ansprechendes Design und obendrein ist alledem eine CD beigelegt, die exakt jene Titel aufweist, die auch auf der Vinyl-Version versammelt sind. Diese verwirrende Massnahme ist das sakrale Zugeständnis an einen Tonträger, der praktisch nicht mehr existiert. Die CD wurde dem Gudi-Pack beigelegt, um einerseits die Langspielplatte zu schonen und andererseits den digitalverliebten Mittelstand auf den Arm zu nehmen (die nackte CD-Version kostet im Handel nur eine Mark weniger – Shellacsche Marktwirtschaft eben). Maßnahmen dieser Art sind nichts besonderes bei Shellac. Wenn es bei ihnen um Styling und Konzeptualismus geht, werden alle Register gezogen.

Zum Pressen des sehr aufwendig gefertigten Albums ‚Action Parc‘ aus dem Jahr 1994 verwendete Shellac eine 1952er ‚Chandler & Pryce 9X12« New-Style-Platen-Press‘ und eine ‚Kelsey 5X8« Model P‘, die Großen unter den Vinyl-Pressen. Das garantiert uns Musik-Nerds Sound der besten Qualität. Neben formalästhetischen Anwendungen stehen nützliche Alltagstipps auf dem Inlet der Platte. Man erhält Einblick in die amerikanischen Henkersvorschriften. Erklärt wird, welche Maßnahmen ergriffen werden sollen, wenn der Tod auf dem elektrischen Stuhl nicht ordnungsgemäss eintritt und der Verurteilte nach den Elektroschocks wieder zum Leben erwacht: „If the patient has been burned, oil should not be used“ heisst es da beispielsweise fachmännisch oder: „the dashing of cold water into the face will sometimes produce a gasp and start breathing“.

Das 96er Album ‚Terraform‘ verzichtet auf Aufklärungen dieser Art und verlässt sich ganz auf die Kraft der Bilder. Das Klappcover zeigt auf der Rückseite ein Bild, dass uns eine entfernte Vorstellung davon gibt, wie sich fünf Jahre wildwüchsige Vegetation eines ehemaligen Bundesgartenschaugeländes auf unsere werten Sauerstoffproduzenten auswirken können.

Als wär’s noch nicht genug, findet sich im Inneren auf den schützenswerten Platten dann auch noch Musik. Das Herren-Trio Todd Trainer, Steve Albini und Bob Weston schreibt Musik zu Dreisatz und American Psycho, es ist ein zu scharfkantigem Sound mutiertes Clockwerk-Orange-Blutbad. Das Lied ‚Watch Song‘ beispielsweise ist Schlagbohrmaschine und ein gereizter Christopher Walken zugleich und gibt mir so brutal eins in die Fresse, dass ich erst beim Anzählen wieder auf die Beine komme.

Im Grunde leben Shellac nicht – Shellac sind Surrogat ohne Seele, Sleater Kinney mit Eiern, erfolglose Science Fiction. Shellac sind Hardcore ohne Geschwindigkeit, Gotteslästerung, dogmatische Major-Verachtung und mit Amphetaminen geschwängerter Noise.

Shellac arbeiten aus einer Position heraus, in der es ihnen völlig gleich ist, ob sich jemand für sie interessiert oder nicht, so als würde Bill Gates zu seiner Freude (und wirklich nur zu seiner Freude) den Alleinunterhalter spielen. Die Zupfinstrumente der Band sind aus Granit und von Vollprofis gestimmt. Hinter dem Schlagzeug und seinem Schläger Todd Trainer, der auf diesem Album auch den Gesang übernommen hat, steht wohl eà­n ähnlich großes Team wie bei Michi, wenn er mit seinem Boliden in die Boxen schießt. Der komplette Shellac-Sound sitzt zweihundertprozentig, jeder Ton ein Treffer. Manchmal ergreift mich der Eindruck, als ginge es ihnen darum, Musik in gleichen Teilen als etwas Subversives und etwas Perfektes zu verstehen. Damit stehen sie im Indie-Circus alleine auf weiter Flur. Keine Referenzen zu anderen Bands, kaum ein Vergleich, der Gültigkeit hätte. Dem Forschungslabor Shellac ist da etwas gelungen, das ein wenig Applaus verdient.

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