Speedealer – Here come’s death (Palm Pictures)

Zugegeben: Weihnachten und Ostern sind bei mir Einerlei. Beide Feierlichkeiten verbringe ich in der Regel mit der Suche nach irgend etwas Brauchbarem. Daher unterscheiden sich diese Tage auch nicht von meinen übrigen 363 im Jahr. Um die wenigen Geschenke zu orten, die sich im Dickicht meiner verwelkten Behausung versteckt halten könnten, ziehe ich immer meinen Dober zu rate. Zieht man meine etwas unflätige Lebensumgebung näher in Betracht, wird schnell klar, dass Schmutz und Müll der bourgeoisen Betrachtungsweise von Hygiene einen dicken Haken schlagen.

Da mich in der Regel allerdings eh niemand beschenkt, erledige ich das meistens selbst. Bei der Wahl des Geschenks halte ich mich gerne an Traditionen. Irgendwann einmal habe ich damit angefangen, mir CD’s unter den Weihnachtsbaum zu legen (ja, ich besitze einen Weihnachtsbaum!). Das beansprucht mich nicht allzu sehr, macht zuverlässig Freude und ist noch lange nicht ausgereizt.

Aber zurück zum Problem: Dieses Jahr hat es bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag gedauert, bis ich die heiss ersehnten Weihnachtsmelodien in meinem Wust fand. Bis zu jenem Tag glaubte ich noch nicht an Wunder. Abzockerei war der Quell meiner Frömmigkeit, das Jesus-Kind nicht mehr als ein Freak und die Feiertage nutzte ich bisher, um meine Bestleistungen im TV-Dauerglotzen zu toppen. Zeit war bis dato bestimmt durch ihre Langsamkeit. Es konnte ja niemand ahnen, dass es lediglich 24 Sekunden benötigte, um mein Leben völlig auf den Kopf zu stellen: CD-Laufwerk öffnen, CD einlegen, Play-Taste drücken und ab damit. Dein Körper stellt schon eigenartige Sachen mit dir an, wenn du ihn einfach gehen lässt. Was soll man von einer Bewegung halten, die im wesentlichen daraus besteht, dass sich dein Kopf schnell auf – und abbewegt und dein golden-fettiges Haar in Wallung bringt?

Fünf Sekunden hat mein Körper gebraucht, um zu verstehen, was sich da gerade in meinen Boxen abspielt, weitere fünf Sekunden benötigte ich für die Erschliessung des Taktes, lediglich zwei Sekunden brauchte es, bis mir Tränen aus den Augen schossen (auch wenn man hierfür meinen übermässigen Drogenkonsum verantwortlich machen kann). Die restlichen zwölf Sekunden verbrachte ich mit gnadenlosem Moshen, ehe ich, ausser mir vor Glück, schnell die Stop-Taste betätigte. Es dauerte noch eine Weile, bis mein Haupthaar wieder zur Ruhe kam. Meine Synapsen, zwischenzeitlich ausser Kontrolle geraten, konnten nur mittels Weichmacher langsam ihrer gewohnten Arbeit nachgehen.

Es blieb bei den 24 Sekunden. Heute weiss ich, dass die 24 Sekunden kein Zufall sind, vielmehr sind sie ein Zeichen, ein Geschenk Gottes. Die Bedeutungslosigkeit des Weihnachtsfests, unter der ich viele Jahre litt, zeugte von einer falschen Deutung der Zeichen der Zeit. Der Transfer dieser unmißverständlichen Botschaft fiel mir nicht sonderlich schwer. Mit offenen Händen nehme ich das Geschenk der Speedealer entgegen und verkünde, dass das Liedgut des Albums »Here comes death« alle Zeit und in Ewigkeit Einzug halten soll in die Engelschöre dieser Welt. Eine Platte für den Papst!

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