Plattendezember
Nachts, halb zwei, zuhause. Der Monitor gibt blasses Licht. Läuft jetzt Andrew Peklers Nocturnes, False Dawns & Breakdowns (~scape), hat man das Passende: konzentriert und nachlässig zugleich. Nachtaufnahmen, die sich wie Dias ineinander- oder von der Seite her reinschieben. Jazzahnungen, großstädtisch. Dumpfes Schlagzeug, fast schon schlafen die Sounds. Das Ganze ist nach Cuts & Clicks-Manier zusammengefügt, in inszenierter Zufälligkeit. Die Ausschnitte sind dabei nicht zentralperspektivisch gewählt, sondern bewusst nach links und rechts verzogen, alles bleibt Andeutung und wird dadurch erst organisch. Bei Slowly Minute geht es auf Tomorrow World (Bubble Core) gar nicht mal unähnlich zu, nur lichter. Das plänkelt, plätschert und tropft und Geisterstimmen wispern leise. An dem Bachgeriesel könnte man viel Zeit verbringen (weshalb die Platte wahrscheinlich auch so lang geraten ist). Insofern haut der Projektname hin, Zeit zerdehnt sich und wird aufgehoben. Vielleicht fehlt auf 70 Minuten ein wenig die Dramaturgie, andererseits eignet sich das gut zum Reinverlieren. Schlag auf, wo Du willst, gleich kannst Du weiter tagträumen. Mit anderen Worten: es handelt sich dabei um ein wohl dosiertes, süßes Gift. Die Mysterymen dagegen haben sich mit Everything but an Answer (Disko B) folgendes Ziel gesetzt: Hits und Hits! Dafür gab man ihnen ungefähr zwei Analog-Synthesizer, und Singstimmen durften sie auch nur verwenden, wenn die durch einen Vocoder oder ähnliches gezogen wurden. Ja und, was machts! Ihnen gelingt nämlich das Kunststück, aus solch engen Vorgaben extrem eingängige Songs zu stricken, die vielleicht von ähnlicher Klangfarbe sind, im Ergebnis aber eine erstaunliche Variationsbreite aufweisen. Meine Favoriten zum Beispiel heißen „Is it real?“, das fast klassisch new-waveartig und leicht angedüstert daherkommt, während das lässigere „It feels nice“ geradezu mittwippzwingend ist. Könnten die legitimen Daft Punk-Erben sein.

1997 setzte Etienne de Crecy mit „Superdiscount“ eine Marke in Sachen Gestaltung und House. Die Cover vierer Vinylsingles fügten sich in einer Reihe zum schaurigschrillsten Billiganbieterlook. Billig aber war die Musik nicht, sondern es gab standardsetzende Clubklassiker (die u. a. „French House“ zur endgültigen Popularität verhalfen). Das Sequel „Superdiscount 2“ ([PIAS]) kalkuliert sein Klassikersein gleich ein und reicht mehrere Tanzepochen zurück: Aciiiid! Striktens durchlaufende Arpeggios, die 303 sprotzelt munter. Sounds, von denen man gar nicht wusste, das man sie vermisst. Funktioniert tadellos. Zum Konzept passt, dass die Stücke den Total-Räumungsverkauf der Musikindustrie im Namen tragen, d. h. nach den gängigsten Datentauschbörsen benannt sind. Während die wohl noch geraume Zeit darbt oder stirbt, feiern sie nicht nur auf Ibiza schon wieder, sondern unabhängig davon blühen die schönsten Labelrosen. Eine besonders prächtige ist Gomma, deren Macher als Munk gerade ihr Debutalbum „Aperitivo“ geben. Think global, act local auch die Musik, weltläufig und eigenständig. Da ist ungefähr alles drin, was grad als zeitgemäß durchgehen darf. Und nie fehlt Ironie, wie etwa beim Stück „Portofino“, das im besten Italozeichentrick loshupft. Eine ordentliche Rappelkiste hat auch Diplo mit „Florida“ (Big Dada / Ninja Tunes) zurechtgezimmert. Instant-Hiphop, weitestgehend instrumental, auffällig dumpf produziert (reimt sich auf Sumpf und im Pressetext zur Platte steht auch irgendwas mit Everglades, Florida und so), ohne je düster zu wirken, vielmehr scheppert, ruckt und zuckt das sehr harmonisch zusammen. Eine Samplebank außerdem.