Gregor und Roland

Die besten Alben 2015 – Plätze 6 bis 4


bchhsdprssnchrry

Rolands No. 6:

Beach House – Depression City
(Pias Coop / Bella Union / Rough Trade)

Beach House. Jaha, schooon wieder. Fast ist es mir selbst langweilig. Aber was willste machen. (Und dieses Jahr haben sie auch noch zwei Alben rausgebracht, be warned!)

Depression Cherry reduziert und konzentriert nochmal den sowieso stark reglementierten Beach-House-Sound, the Haiku of the Haiku – Traumwandeln ist auf der Stelle treten. Dieser Suppenwürfel gefiel dann auch den meisten wohl weniger, der wenigwöchige Nachfolger wurde meiner Wahrnehmung nach schon wieder mehr gefeiert. Ich aber mag es offenbar noch elegischer, die Synth- und Drummachine-Sounds noch billiger und alles so eingedampft, bis du die Knochen siehst / schmeckst. Könnte auf Dauer meine Lieblings-Beach House werden.


flngrllplydrppr

Gregors No. 6:

Flanger – Lollopy Dripper
(Nonplace)

Das Wesen unserer Zeit: die Nervosität. Bei Flanger alias Atom™ & Burnt Friedman in eine Schleife gegossen. Zehn Jahre sind seit »Spirituals« vergangen und noch viel mehr seit ihrer Gründung 1997. Und nun »Lollopy Dripper«. Es verhält sich wie mit dem Igel. Nicht jeder, der kein Lebenszeichen von sich gibt, ist wirklich tot. Im Gegenteil. ADHS steht im Raum. Und Zuckungen am Auge und im Bein. Clicks und Cuts in Jazz-Texturen. Körperspannungen. Das komplette Zappelprogramm. Der akustische Kontrast dazu: Dub und Space und noch mehr Jazz. All das kulminiert zu einem Raum von wohlklingender Erhabenheit. Und es zeigt einmal mehr: Ein Leben ohne Musik ist möglich, aber nicht sinnvoll.


ndthgldnchrnthrhlflf

Sebastians No. 6:

And The Golden Choir – Another half life
(Cargo)

Zugegeben: Tobias Siebert ist ein Womanizer und seine Texte erweisen sich – so weit ich sie verstehe – als nicht sonderlich hintersinnig. So konnte ich das Album auch getrost meinem vierzehnjährigen weiblichen Patenkind zum Geburtstag schenken (, was nicht heißt, dass sie nicht sehr schlau ist)! Aber abgesehen davon: In dieser Armut, welche melodramatische, süßschmerzliche Fülle!

Folkloristisch anmutende Instrumentenvielfalt (übrigens: alles selbst eingespielt) beschwören Bilder von archaischen Feuern herauf. Die Liedkompositionen sind ausgefeilt, teils erhaben und teils so eingänglich (z.B. „New Daily Dose“), dass ich mich frage, warum das keine Radiohits wurden. Das alles brachte einen Suchtfaktor mit sich, der einen Lebensabschnitt so ganz mit diesen Klangfarben durchtränkte, nämlich GOLDEN.


snlxbns

Rolands No. 5:

Son Lux – Bones
(Caroline / Universal Music)

Prinzip Überraschung, auch diesmal. Und klappt, auch diesmal. (Lustigerweise habe ich auch einige Amazonrezensionen gelesen, die sich über die plötzlichen Brüche und Nichterwartbarkeiten gerade mokieren, nunja) – Das Überreiche, das bei den vorigen Platten für mich leicht mal zuviel sein konnte, ist jetzt auch einer klareren Struktur gewichen und stellenweise so aufgeräumt, dass die vorherige eher beiläufige Peter-Gabriel-Assoziation deutlicher sich aufdrängt. Das „Rundere“ soll auch daher kommen, dass Son Lux sich vom Einmannprojekt zur Dreimannband hinentwickelt hat, kann ich aber nicht wirklich beurteilen.

blthzrthnwlls

Gregors No. 5:

Balthazar – Thin Walls
(Play It Again Sam / Pias Coop)

Diese Belgier, zerrissene Nation, Brutstätte des Terrorismus. Hier die Flamen, dort die Wallonen. Vier Sprachgebiete. Der Kinderschänder Dutroux. Und der Rechtspopulismus! Wie überall in Europa auf dem Vormarsch. Die Kreativität stört das wenig, trotzdem man sich daran stört. Man denke nur an die großartigen belgischen Filme der jüngsten Vergangenheit. Die belgische Mode. An den belgischen Fußball (mit Kreativspielern Mitfavorit auf den EM-Titel). Oder an Balthazar! Drittes Album. Ein absoluter Mädchentraum (schön, wenn’s so wäre).

Lässigkeit und Eleganz. Das Indierock-Quintett aus Gent demonstriert 2015 ein gewachsenes Selbstbewusstsein. Vier Jahre nach ihrer Geheimhymne »Throwing a Ball«. Gerade wegen Europas europafeindlicher Stimmung nicht wegzudenken aus der europäischen Musiklandschaft. United by Music!


tctrncdsrtlbm

Sebastian No. 5:

Tocotronic – Tocotronic (Das rote Album)
(Vertigo / Universal)

Keine andere Band stand bereits schon viermal in meinem seit 2006 hier veröffentlichten Jahrespoll und es ist derzeit nicht absehbar, dass es mal einen Grund geben wird, dass sie nicht auch die nächsten zehn Jahre alle zwei bis drei Jahre hier zu finden ist. Liest man über Tocotronic, wird ja häufig über deren Stilwechsel reflektiert (vorvorletzte Platte: eher rockig, letzte Platte: Low-Fi, diese poppig usw.) und das Text-Konzept, das häufig den Titeln der Alben entsprach, als hintersinnig gelobt.

Das mag sein, dennoch klingen die Melodien für mich immer ähnlich und die Texte belehren mich seit jeher, dass das Private mit dem Politischen zu identifizieren ist oder so ähnlich. Statt eine andere Laudatio als die letzten Male auszuformulieren, bleibt mir daher nichts anders übrig, als festzustellen, dass „Das rote Album“ laut Playlist-Statistik, die im Übrigen nur bisweilen mit meinen Pollrängen übereinstimmt, von mir am fünfthäufigsten Mal in diesem Jahr gehört wurde und ich die Hälfte der Texte mitsingen kann.


shykdslfty

Rolands No. 4:

shy kids – Lofty!
(Eigenrelease)

Ein bisschen hochstaple ich hier ja schon rum, denn eigentlich bin ich mit Musikhören für den Machtdose Podcast schon ziemlich ausgelastet, so dass ich eigentlich nur zum hipsteren Dabeisein auch nach „regulären“ Veröffentlichungen schaue / höre, die meisten nur anskippe und einige wenige bleiben eben übrig und geben mit Glück eine Top10 (dieses Jahr war aber auch hier übervoll).

Egal, jedenfalls: die shy kids aus Toronto kommen übers Podcastrecherchieren rein, ihr Album ist CC-lizeniert und bei Bandcamp als pay-as-you-want zu haben – und es ist ein rundherum großartiges Album, das ich ohne jede Abstriche allen sehr ans Herz lege, möge es noch so große Vorbehalte geben wegen „gibts ja umsonst“ und „ist ja nicht relevant“ (und die Ohren mögen Euch abfallen, wenn Ihr tatsächlich ausschließlich so Musik bewertet).

Intelligenter Pop, den ich jetzt leicht mit einigen Bands vergleichen könnte, die auch hier in den vorjährigen Jahresrückblicken standen, was ich mir aber spare, denn die shy kids brauchen das überhaupt nicht. Ich freue mich jedenfalls daran, dass die Musik im Podcast locker mit allem mithält, was da sonst rumfleucht und besprochen wird.


fltngpntsln

Gregors No. 4:

Floating Points – Elaenia
(Eglo/Pluto Records/Rough Trade)

Was Daniel Snaith (Caribou) für die Mathematik und Kieran Hebden (Four Tet) für die Computerwissenschaft, ist Sam Shepherd für die Neurowissenschaft: Eine Ausnahmeerscheinung seines Fachs. Natürlich ein Zufall, aber trotzdem bemerkenswert: Alle drei arbeiten auf dem gleichen Niveau, dem gleichen, herausragenden Produktionslevel. Schon die ersten Singles und EPs aus den Jahren 2009 – 2014 deuten an: hier bricht sich einer der talentiertesten Produzenten der Welt Bahn.

Mit der Königskrönung im Jahr 2015: »Elaenia«. Das Debütalbum durchläuft einen fortlaufenden Veränderungsprozess im Wirkungsbereich von Techno, Deep House, New-Jazz und Experiment. Trotzdem homogen im Klang und frei von Grenzen und Barrieren. Dafür hat Shepherd Unterstützung von Jazz-Schlagzeuger Tom Skinner, Leo Taylor (Leihdrummer für u.a. Adele, Hot Chip, Zongamin), Susumu Mukai (alias Zongamin) und der Geigerin Quian Wu bekommen. Groß!


mnwthcnrymxmntrpy

Sebastians No. 4:

Man without country – Maximum Entropy
(Pias Coop / Lost Ballon / Rough Trade)

Zur Information: „Man without country“ sind ein walisisches Duo, das trotz zwei herrlicher Alben noch nicht auf dem Machtdose-Plattenteller zu finden war. Traurig, traurig! Nach dem wundersamen „Foe“, das mich insbesondere wegen seiner heimelig widescreen-wimpigen Gesamtstimmung überzeugte, wartet nun „Maximum Entropy“ zudem noch mit größeren Gefühlsnuancen und einer Detailverliebtheit auf, die zur Folge hat, dass einige Songs sogar M83-mäßig zum Mitschunkeln anregen. Für mich das Electro-Pop-Album des Jahres!

Die besten Alben 2015 – Plätze 10 bis 7

Advent, Advent, Albencharts zum Jahresend. Diesmal wieder eingebracht in voller Teamstärke, also mit insgesamt drei Platzanweisern. Dass es ein reiches Jahr war, werden die Nennungen hoffentlich zeigen. Und wie immer: nicht vergessen, Eure eigenen zu nennen. Kommentare zu den Vorgestellten nehmen wir selbstverständlich auch gern entgegen.


vsslsdlt

Rolands No. 10:

Vessels – Dilate
(Bias / Indigo)

Drittes Album von Vessels. Ich kannte sie vorher nicht, was vielleicht der Platzierung geholfen hat. Denn obwohl dieses Album als Abkehr von ihrem bisherigen, gemeinhin als „Postrock“ identifizierten Sound wahrgenommen wird, sehe ich da jetzt nach Anhören der vorigen Alben keine drastischen Änderungen. Es ist mehr Elektronik im Spiel, bewegt sich aber alles in dieselbe Richtung. Und da gibt es nur eine: immer geradeaus, im gefühlt immergleichen Tempo, das ich assoziativ mal mit der Sportart „Gehen“ in Verbindung bringen möchte.

In dieser fast schon sturen Zielgerichtetheit lädt die Musik zur Kontemplation ein, bietet zugleich aber noch genügend Reize, um nicht völlig spannungslos zu werden. Sowohl fürs Joggen als auch fürs konzentrierte Arbeiten zur Begleitung bestens geeignet und empfohlen.


jkknklvntrllyl

Gregors No. 10:

Jaakko Eino Kalevi – Naturally
(Domino / Weird World)

Langes Haar und glatte Haut im Gesicht – Jaakko Eino Kalevi ist nicht gerade der Prototyp eines Musikers aus dem Jahr 2015. Ist der Bühnen- und Hauptstadtvollbart etwa ein Auslaufmodell? Sein hübsches, blasses Äußeres, eigentlich die perfekte Voraussetzung für eine Modelkarriere bei Fair Organic, hat ihn trotzdem nicht daran gehindert, als Straßenbahnfahrer für einen bekannten finnischen Verkehrsbetrieb zu arbeiten.

Was ihm da tagtäglich in der Frontscheibe begegnet ist, war womöglich so unaufgeregt wie die Musik, die sich auf »Naturally« findet: Die Vorstufe zu dem, was gemeinhin als Entspannung betrachtet wird. Ganz unaufgeregt melodiös. Mit wachem Verstand. Am Puls der Stadt. Als Vorgeschmack auf sein Debütalbum veröffentlichte Weird World 2014 die EP »Dreamzone«. Als Appetizer vorweg sozusagen. Inspiration für seine Songtexte holt sich der Sänger übrigens auch aus Zeichentrickserien und Online-Foren.


mxrchtrslp

Sebastians No. 10:

Max Richter – Sleep
(Deutsche Grammophon / Universal)

Rein äußerlich erinnert Max Richters „Sleep“-Projekt an Andy Warhols gleich betitelten Film aus dem Jahre 1964. In diesem lässt sich etwas über fünf Stunden ein schlafender Mann bestaunen, während Max Richters Director‘s Cut der musikalischen Variante uns wiederum geschlagene achteinhalb Stunden in den Bann schlägt. Vergleichbar ist aber letztlich nur die – gemessen an üblichen Rezeptionsgewohnheiten – Radikalität, mit der dem flotten Kunstgenuss die Länge des Schlafs in den Weg stellt wird.

Denn bei der musikalischen Version handelt es sich nicht um einen Schlaf, sondern um den Weg dahin und um den auszuhalten, muss man schon extrem wach sein. Daher ist Max Richters „Sleep“ wohl eher mit Saties Idee, Musik als Möbel aufzufassen („Musique d’ameublement“), zu vergleichen. In diesen um 1920 verfassten fünf Werken für Salonorchester handelt es sich um kurze Stücke, die beständig wiederholt werden sollen. Wie Möbel lenken sie nicht weiter vom Alltag ab, aber bereichern durchaus den Wohnraum.

Will man „Sleep“ angemessen rezipieren, ist es notwendig, etwa acht Stunden, bevor man ins Bett gehen möchte, die leider nur digital erhältliche Aufnahme hochzufahren, was wohl in der Regel auch nur in den eigenen vier Wänden möglich ist. Ablenken darf man sich nicht lassen, da man ja sonst nicht einschlafen würde. Andererseits ist „Sleep“ nicht nur als sehr langes Wiegenlied aufzufassen, sondern auch als Versuch, die Schönheit des Schlafs in den Tag zu retten. Und genau deshalb habe ich mich in Max Richters aus über 30 verschiedenen Variationen zusammengesetztes Klangbett kurz nach der Veröffentlichung mehrmals gerne hineinsinken lassen!


jlhrdhld

Rolands No. 9:

Jaala – Hard Hold
(Wondercore Island)

Relativ frisch reingekommen und für mich auch insgesamt sehr frisch ist diese australische Band.

Vielleicht, weil die Stimme der Leadsängerin mich unter anderem auch an Joanna Newsom erinnert, die Musik aber eben nicht zum Kunstlied sich hinentwickelt (ich darf schon mal spoilern: Newsoms Album ist nicht in meinen Top 10 dabei), sondern die Widerborstigkeit bewahrt und sehr gut zur von zahlreichen Tempowechseln geprägten Rumpelmusik passt. Wenn schon Katzenjammer, dann aber richtig und mit Lust am Schreien und Pauken.


lftfldltnrtvlghtsrc

Gregors No. 9:

Leftfield – Alternative Light Source
(Infectious)

Mit »Leftism« veröffentlichen Leftfield 1995 ein wegweisendes Elektro-Album, das mit Gastbeiträgen von u.a. John Lydon (Public Image Ltd.), Toni Halliday und Djum Djum Berimbou Geschichte schreibt. Viele Jahre sind seither vergangen und es hätten noch viel mehr werden können, wenn da nicht dieses schmerzhafte Druckgefühl in der Brust gewesen wäre. Ja, ja, wenn die Psyche aufs Herz schlägt. Vermutlich stand Neil Barnes sowieso in jeder Minute der letzten 20 Jahre mit halbem Fuß auf einer Ganztonleiter.

»Alternative Light Source« ist zumindest mehr als das Wissen um die eigene Vergangenheit. Verfall ist hauptsächlich ein biologischer und die präventive Konservierung der eigenen Kreativität – so die These – eine mentale und somit abrufbar. Mit (wie in Barnes’ Fall) oder ohne Depression. Starring Tunde Adebimpe (TV On The Radio) und Jason Williamson of Sleaford Mod


tmmplcrrnts

Sebastian No. 9:

Tame Impala – Currents
(Caroline / Universal)

Während ich „Innerspeaker“ (2010) samt des betörenden Covers liebte, das Album aber erst kurz nach dem damaligen Jahrespoll entdeckte, war mir wiederum der Hype um das m.E. langweiligere zweite Album nicht ganz verständlich. Umso mehr erfreute mich, als mir mit „Currents“ ein Tame-Impala-Album begegnete, das in gewisser Weise die Versöhnung von analogem Psychedelic-Rock und Digitalpop darstellt und auf Anhieb zu meinem Sommeralbum des Jahres avancierte.

Auch auf Machtdose las ich einen Tag nach meiner Erstrezeption unter „Plattenteller“ über ebendieses: „Gerade so genial. Gehört neben Zahnpasta, Badeanzug und Sonnenhut in jeden gut sortierten Reisekoffer. Album of the year?“ Einmal mehr war ich erstaunt, wie bisweilen das, was dort zu lesen ist, inhaltlich mit dem, was in meinen Kopf spukt, zu identifizieren ist …


grggrg

Rolands No. 8:

Georgia – Georgia
(Domino / Goodtogo)

Georgia Barnes ist Georgia – und zwar komplett. Alles selbst eingespielt und produziert in zwei Jahren. In eine Familie hineingeboren, die selbst fest installiert ist in der Londoner Clubszene, mit 8 Schlagzeug geschenkt bekommen, mit Anfang 20 bereits auf mehreren Veröffentlichungen mitgedrummt, ins Studio gezogen und so ungefähr jeden Beat aufgehoben und verarbeitet, der grad rumlief.

Und so gibt das Album tatsächlich einen recht guten Querschnitt dessen, was in letzter Zeit so Grime, UK Garage und andere Beatgenres auf der Schippe hatten. Kann man auch ein bisschen streberhaft finden, weiß aber zu unterhalten und ist sehr abwechslungsreich, von düster bis Haudrauf bis elektroballadesk.


gnghrdrmtsd

Gregors No. 8:

Gengahr – A Dream Outside
(Liberator Music)

Passend zum Jahrhundertsommer: ein Melodiengewitter von achtbarer Stärke. Hätte ich so nicht unbedingt in Nord-London vermutet. Im Ergebnis aber regenfreie Entladungsenergie. In einer schnörkellosen Begriffswelt nennt man das Indierock, wendungsreich im Old-School-Algorithmus. Wie schön das klingt, wenn Eure Majestät, der Produzent, auf gängige Politurpasten verzichtet, zeigt sich bei »A Dream Outside« in seiner vollen Länge. Das Ungeschliffene, das Tame Impala nie haben werden und Pavement berühmt gemacht hat.

Zeigt sich auch im Instrumental »Dark Star« (entspricht in der Analogie dem »Crooked Rain, Crooked Rain«-Klassiker »5-4=Unity«). Das eine Kult, das andere 2015. Zusammengefasst: Bekanntermaßen ist der engste Nachbar der Melodie die Euphorie (und die macht manchmal einfach nur Sinn, so für den Augenblick).


drhntrfdngfrntr

Sebastians No. 8:

Deerhunter – Fading Frontier
(4AD / Beggars / Indigo)

Gäbe es einen Wunderapparat, der die Musik meiner Lieblingsbands über Jahre hinweg analysiert und daraus eine eigenständige Platte synthetisch herstellt, vielleicht käme dabei der „Deerhunter“-Sound heraus. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – haben mich deren Veröffentlichungen (von der Single „Helicopter“ abgesehen) nie gänzlich überzeugt, da mein Geist zwar stets willig, indes mein Fleisch in dem Sinne schwach war, als sich keine Euphorie einstellte.

Damit ist jetzt aber ein für alle Mal Schluss, denn auf „Fading Frontier“ ist eine Deerhunter-Leistungshow zu erleben, die bei allem eigensinnigen Getüftel und Geflirre insgesamt zu einem atmosphärischen Dreampop gelangt, der genau das erreicht, was ich zuvor vermisst habe.

hwlngscrdgrnd

Rolands No. 7:

Howling – Sacred Ground
(Monkeytown / Rough Trade)

Der Melancholie nicht abgeneigter, trotzdem schwebendleichter Pop meets Club. Wie ich finde, sowieso eine der besten Kombinationen, vorausgesetzt, es gelingt. Nicht von ungefähr fühle ich mich an Moderat erinnert. Es singt Ry Cumings, der sonst bei der Band The Acid vorsteht, es spielt Felix Wiedemann, sonst Teil des Houseduos Âme. Es pluckert warm, es wird schönstens falsettiert. Fürs abendliche Beisichsein, ohne die Ausgehtauglichkeit zu verlieren.


lrbrndm

Gregors No. 7:

Lauer – Borndom
(Permanent Vacation)

»Borndom« ist nach »Phillips« der zweite große Satz Melodien des Frankfurter Elektro-Allrounders (»The melody man from the outback of Frankfurt«). Da regt sich wieder und wieder die Hand zum Applaus (maßvoll übertrieben). Lauer ist kein Veränderer, sondern Teil eines bewährten Systems. Seine durchtriebene Formel: 80s Synth-Pop mit leicht verhangenem New Wave. Italo. House. Borndom ist selbstverständlich weder boring noch langweilig. Borndom ist die Jagd nach dem Erlebnis (oder für den Drinnen-Typ: dem Erlebten). Der Blick, vom Hochstand aus, auf den Funkenwald. Ein veritabler Nummer-eins-Hit findet sich auch: »ESC« (feat. Jasnau). Wie der Name schon sagt: der Rausschmeißer des Albums (und ein Clubnachtbeschließer). Das Cover ist übrigens Programm: Achterbahnspaß pur.


tmccbsmrkstprvt

Sebastians No. 7:

The Maccabees – Marks to prove it
(Fiction / Caroline / Universal)

Nie hätte ich gedacht, dass eine „The“-Band, die zudem noch gefühlt im 2005er-Fahrwasser mitschwomm, noch einmal in einen meiner Polls aufgenommen wird. Schlimm eigentlich, wie sehr auch das eigene Konsumverhalten mit der Mode mitschwingt! Aufgrund einer lobenden Besprechung im „Spex“ habe ich mich aber doch entschieden, dem Album eine Chance zu geben, und schon mit dem ersten Durchgang wurde klar: 2005 hin oder her (die erste Maccabees-Platte stammt übrigens aus dem Jahre 2007), hier entlädt sich pure Lebensfreude. Wildfremde Menschen fallen sich in die Arme und das getragen von dieser wunderbaren Stimme, die dafür sorgt, dass das Ganze nicht peinlich-pathetisch, sondern schlichtweg erhaben erscheint. Daher bitte ich alle 2005-nicht-mehr-uptodate-Finder: Prüft dieses Überlebenszeichen!


Die besten Alben 2013 – Plätze 1 und Top 10 Tracks


Rolands No. 1:

Daft Punk – Random Access Memories
(Smi Col / Sony Music)

Es gibt ja Nummer Einsen aus persönlichen Gründen, dies ist zusatzlich eine aus Anerkennung. Zweifellos das promoteste Album in diesem Jahr, zweifellos wurde hier in die Produktion mehr Geld reingesteckt als sonstwo. Ein Blockbuster. Anzuerkennen ist aber: es funktioniert schlicht. Und es funktioniert bei praktisch allen. Als ich es zuerst hörte war ich gar nicht sooo beeindruckt, dann aber wuchs und wuchs es doch. Das mit »zurück zu Analog« usw. interessiert mich persönlich dabei weniger, eher ist es wirklich die Bandbreite, die Erfindung des Dokutracks, sogar die Roboterballaden. Kann ich mir ohne Ermüden sehr, sehr oft anhören. Und hab ich dann auch.

https://vimeo.com/66822140

Sebastians No. 1:

Phoenix – Bankrupt!
(Warner)

2006 zweiter Platz, 2009 erster, nun wieder erster: Phoenix machen es kraft ihres narkotisierenden Ästhetizismus möglich, dass man in Zeiten, in denen sogar der Erwerb von Fairtradeprodukten höchstbedenklich ist, sich belangloseste Inhalte wie „S.O.S. in bel air“ oder „Trying to be cool“ zu Gemüte führen und sich dabei auch noch gut fühlen darf. Mit Bankrupt! (man beachte den höchst subtilen Titel) haben sie endgültig den Höhepunkt ihres Schaffens erreicht. Nie waren der Martini kühler, die Sonnebrille dunkler, das Meer blauer und die Accessoires plastizider. Der Pfirsich auf dem Cover bestätigt das!


Gregors No. 1:

Daft Punk – Random Access Memories
(Smi Col / Sony Music)

Diese Platzierung ist kein Zufall. Das ist einfache Mathematik. Addition und Multiplikation. Clicks (so sagt man heute) mal Länge der Songs. Das ergibt alleine für »Get Lucky« fast fünfeinhalb Stunden Spaß (ohne die vielen Edits, Remixe und Coverversionen, die das Album nach seiner Veröffentlichung abgeworfen hat, Darkside etc.). Das muss ihnen erst mal jemand nachmachen. Mensch, waren mir Daft Punk egal, aber da hier ist reinste Satisfaction, Freunde! Die Diktatur eines Liedes (eines Albums?), wie sie es seit den Beatles nicht mehr gegeben hat. Das erste Mal auf den Hügeln L.A.s gehört. Die Just-Married-Blechdosen meiner Las-Vegas-Hochzeit waren noch nicht richtig verhallt und ich hatte keine Ahnung, was da gerade auf Spotify läuft (erwähne ich der Unbefangenheit wegen), am allerwenigsten dachte ich an zwei Franzosen, laut Celebrity Networth mit je 60 Millionen Dollar die zweitreichsten DJs der Welt. Das hätte eigentlich schon gereicht, wollte aber nicht mehr aufhören. Im Resultat: Ein großes Ganzes!


Rolands Top Tracks 2013, Plätze 10 bis 1:

10 Arcade Fire – Reflektor
09 Moderat – Bad Kingdom
08 Buke & Gase – Houdini Crush
07 Ten Walls – Gotham
06 Bill Callahan – Ride My Arrow
05 Bonobo – Cirrus
04 Jon Hopkins – Open Eye Signal
03 James Holden – The Caterpillar’s Invention
02 Daft Punk – Giorgio by Moroder
01 Chvrches – The Mother We Share (Moon Boots Remix)

Zum Nachhören über folgende Youtube-Playlist:


Sebastians Top Tracks 2013, Plätze 10 bis 1:

10 Robert Glasper Experiment – I stand alone
09 Kakkmaddafakka – Bill Clinton
08 Leslie Clio – Gotta stop loving you
07 Pet Shop Boys – Love ist a bourgeois construct
06 Moderat – Bad kingdom
05 Tocotronic – Die Revolte ist in mir
04 Junip – Line of fire
03 James Blake – Retrograde
02 Daft Punk – Instant crush
01 Vampire Weekend – Step

Youtube-Playlist zum Nachhören (z. T. nur als Fragmente oder Livemitschnitte):


Gregors Top Tracks 2013, Plätze 10 bis 1:

10 Jagwar Ma – Four
09 Nick Cave & The Bad Seeds – Mermaids
08 Darkstar – You Don’t Need A Weatherman
07 Phosphorecents – Song for Zula
06 Daft Punk – Doin‚ It Right (feat. Panda Bear)
05 Mutual Benefit – Advanced Falcony
04 Austra – Painful Like
03 Tom Odell – Another Love (Zwette Edit)
02 William Onyeabor – Good Name
01 Daft Punk – Get Lucky

Zum Nachhören über folgende Youtube-Playlist (1x nur als Remix und teilweise GEMA-geblockt, sorry):

Die besten Alben 2013 – Plätze 2


Rolands No. 2:

Jon Hopkins – Immunity
(Domino / Goodtogo)

Im Sommer 2013 sah ich einen Stern explodieren.

Okay, das ist ein wenig übertrieben, aber im Sommer 2013 war ich in Südfrankreich, wo der sternenreichste Nachthimmel Westeuropas zu bestaunen ist. Und so lag ich dann auch eines nachts auf einer Terrasse und staunte den Himmel an. Satelliten zogen vorüber, die ISS, und dann geschah ein Iridium-Flare – was ungefähr so ist als ob plötzlich ein Scheinwerfer für wenige Sekunden am Himmel angeht.

Auf dem Kopfhörer lief gerade dieses Album – passenderes hätte sich auch kaum denken lassen und so ist es natürlich für immer mit diesem „Whhhooooaaah“-Erlebnis verbunden. Die Space Exploration-Metaphorik lässt sich aber auch insgesamt gut der Musik zurechnen, die sowohl kross fritierten Stampf als auch kandierte Pianofrüchtchen bietet.


Sebastians No. 2:

Vampire Weekend – Modern Vampires of the City
(XL / Beggars / Indigo)

Mal ganz vertraulich: Kann uns heute noch eine Platte in Zustände versetzen wie – wir wollen mal nicht zu weit zurückgehen – 2005? Der Geschmack ist sublimer geworden, man vermisst Maximo Park usw. auch kaum noch bzw. hört sie sich nicht mehr an, aber es war doch sehr, sehr groß, was damals in unseren Gemütern abging. Dass nun ausgerechnet die dritte Platte vom Vampire Weekend, von deren zweiter ich – wohl zu Unrecht – nur das Cover beachtet habe, diese Gefühle bei mir erzeugt, hätte ich nicht für möglich gehalten, da es ja mühselig ist, die Entwicklung von Bands, deren erste Platte man geschätzt hat, zu verfolgen, und man nur auserkorenen Lieblingsbands diese Möglichkeit – wenn überhaupt – gewährleistet. Hinsichtlich „Modern vampires of the city“ hat sich die intuitive Entscheidung, mal wieder reinzuhören, gelohnt: Ein beglückender Hit nach dem anderen saugt dir insofern das Blut aus, als man sich am Ende nicht mehr sicher sein kann, dass wir das Jahr 2013 schreiben!


Gregors No. 2:

DJ Koze – Amygdala
(Pampa Records / Rough Trade)

In einer Partneranzeige würde stehen: »Er sucht sie – ich bin nett, humorvoll, sensibel und unkonventionell«. Das sagt auch einiges über die Musik. DJ Koze, den ich aus einer gewissen Ehrfurcht englisch ausspreche, ist der Weltversteher des Jahres, was freilich nicht für Platz 1 reicht (sonst wäre die Welt ja eine bessere), aber unter dem vielen Klangschönen, was hier die letzten Tage besprochen wurde, mit Sicherheit das Klangschönste ist. Das wunderbare Duett mit Dirk von Lotzow (übrigens Deutschlands bester Sänger und vermutlich der einzige, der jemals Gesangsunterricht genommen hat), das mit Hildegard Knef und die Features mit Matthew Dear, Ada und Apparat. We are family, I got all my sisters with me. »Amygdalam« ist ein kleines Gesamtkunstwerk, ein Autoren-House-Album, auf das man täglich wartet.

Die besten Alben 2013 – Plätze 3


Rolands No. 3:

Moderat – II
(Monkeytown / Rough Trade)

Moderat sind eine Wucht, will heißen: Beats & Bässe haben Wumms (wie immer, wenn Apparat beteiligt ist: staune ich sowieso über die kathedralengroße Weite des Sounds) – komplementär ergänzt durch reichlich Pop Appeal (nämlich: Pop-Platte des Jahres!) und gleichzeitig sind auch noch nicht wenig Garage-Elemente mitreingemengt, eine Mischung, die sich vorher ja auch keiner ausmalen konnte (außer Moderat natürlich).


Sebastians No. 3:

Youth Lagoon – Wondrous bughouse
(Fat Possum / PIAS / Rough Trade)

»Wondrous bughouse« klingt, als ob Beachhouse im Opiumrausch inspirierter geworden ist (vgl. Cover), nur dass man bei Youth Lagoon nicht denken kann, dass die Sängerin ein Mann ist (kurios, wie viele in meinem Umkreis das schon vermutet haben), sondern umgekehrt. Oder: Als ob Animal Collective im THC-Rausch runtergekommen ist. Jedenfalls zieht mich die Musik durch ein Labyrinth synästhetischer, tranceähnlicher Zustände, mal melancholisch-versponnen, mal euphorisch-eiernd, dabei aber immer mit hübschen Melodien aufwartend!


Gregors No. 3:

Jon Hopkins – Immunity
(Domino / Goodtogo)

Da war dieses Musikvideo zu »Open Eye Signal«, das ich besser fand als andere, von dem ich auch behauptete, es sei das beste Skateboard-Video, das ich bisher gesehen habe: ein brennender Reifen, ein Radfahrer, ein Mann mit einer Ziege, das Meer. Keine Flips und auch kein Ollie. Stattdessen Hypnose. Die Tür stand danach weit offen für Jon Hopkins, den ich über diesen Track kennen lernte. Über Techno. Immunity ist allerdings viel mehr als das. Es pumpt zwar häufig und da ist viel Energie im Spiel, es pluckert aber auch genau so entspannt und elegisch, gerade so, dass ein Spannungsbogen draus wird. Und Hopkins arbeitet mit Alltagsgeräuschen: ein Feuerwerk, einen vorbeifahrender LKW, plätscherndes Wasser. Zum Rätseln und Raten.

Die besten Alben – Plätze 6 bis 4


Rolands No. 6:

Chvrches – The Bones of What You Believe
(Vertigo / Universal)

Dass die Band dieses Jahr überall angekommen ist, zeigt sich schon daran, dass mein sechsjähriger Sohn komplett „We Sink“ lautstark & -malerisch nachsingen kann, wenn es aus dem Ipad dröhnt, denn es gehört zum Soundtrack von FIFA Soccer 2014. Der Eingängigkeit und Melodiösität nach auch generell eher FSK 6, der Sound stammt zu nicht geringen Teilen aus eigenen Knirpszeiten, so dass das innere Kind wie folgt darauf reagieren kann: *Hüpf* *Freu* *Hüpf*

http://youtu.be/MvW8cSRUU38

Sebastians No. 6:

Pet Shop Boys – Electric
(X2 / Kobalt / Rough Trade)

Als konsequenter Nichtbeachter von Bands, die schon in meiner Kindheit kommerziellen Erfolg zu verzeichnen hatten, galten für mich insbesondere Pet Shop Boys mein Leben lang als uninteressant und langweilig. Animiert durch eine Rezension im Spex, habe ich mir dennoch ihr neues Album zu Gemüte geführt und es als durch und durch postmodern empfunden, was es verzeihen lässt, dass man sich an bombastischen „Eurotrash“ erfreut!


Gregors No.6:

Baths – Obsidian
(Anticon / Indigo )

»I might walk upright, but then again I might still try to die«. »Obsidian« ist kein lautes Album. Eher ein Hauch von Schnee und Asche, ein leiser Atem zwischen Tellern im Porzellanschrank. Will Wiesenfeld hat eine sehr genaue Vorstellung von menschlicher Gebrechlichkeit, von Dunkelheit und man ahnt es schon: von Verlust. Warum nur klingt seine Musik so schön dabei und so erhaben? Bath-Songs sind zugänglich, melodisch und harmonisch, obwohl es an dieser Stelle klappert und an jener knarzt. Arrangements mit eingebauten Schönheitsfehlern. Unterstützt wird diese Stimmung von treibenden Beats und immer neuen Piano-Motiven. Meine Wild Beasts des Jahres 2013.


ncwsgl

Rolands No. 5:
Laura Marling – Once I was an Eagle
(Virgin / Universal)

Keine Überraschung, dass ich Laura Marlings letztes Studioalbum hier reinwähle. Dieses, ihr viertes, ist vermutlich auch ihr stärkstes bisher. Während bei den vorigen nämlich immer zwei oder drei Stücke für mich ganz besonders hervorragten, ist das hier alles auf gleicher Exzellenz und so passt es auch, dass die ersten Stücke (vermutlich nur scheinbar) in einem Take aufgenommen sind und direkt ineinander übergehen. Insgesamt wurde außerdem das Begleit-Instrumentarium nochmal ordentlich ausgeweitet (Perkussion, Cello, Orgel, etc.).


Sebastians No. 5:

Daft Punk – Random Access Memories
(Columbia / Sony)

Das Konsensalbum meines diesjährigen Jahrespolls stammt von Daft Punk: Eine einmalige Reise, die sich futuristisch in den Disco-Sound der 70er flüchtet und – obwohl Konzeptalbum – ein Kaleidoskop unterschiedlichster eingängiger Songideen darstellt.

http://vimeo.com/69077584

Gregors No. 5:

Machinedrum – Vapor City
(Ninja Tune / Rough Trade)

Es ist eine kleine Sensation, dass mit Baths und Oneohtrix Point Never gleich drei amerikanische Musiker, die der Elektronik- und Produzentenszene angehören, auffällige Alben vorzuweisen haben. »Vapor City« ist der Spielplatz eines Kraftmeiers, der Maschine im Namen trägt, eigentlich aber ein verlorener Romantiker ist. Wenngleich die Erkenntnis so alt sein mag wie das Höhlengleichnis: Vapor City zeigt auch, dass das Spiel mit dem Computer eins ohne erkennbares Ende ist. Da, wo Rock mit fünf Seiten dem Immergleichen vielleicht noch ungewöhnliche Melodien abringen kann, schweift die elektronische Musik mit ihrem Spektrum digitaler Möglichkeiten weit in die Ferne. Was da winkt, ist die Unendlichkeit an Schichten und Klängen, insofern beginnt die Zukunft hier und jetzt, jeden Tag aufs Neue.


Rolands No. 4:

James Holden – The Inheritors
(Border Community / Rough Trade)

Welche Gottheiten hier auch immer angerufen werden – sie spenden Fruchtbarkeit. Schießt ins Kraut, geht durchs Unterholz, ein psychotronischer Initiationstrip und schamanistisches Spektakel. (Tschuldigung, in Trance gehen mir ein wenig die Worte aus).


Sebastians No. 4:

Tocotronic – Wie wir leben wollen
(Vertigo / Universal)

Dass „Wie wir leben wollen“ nun schon wieder meine vorbehaltlose Tocotronic-Sympathie erweckt, hätte ich mir kaum vorstellen können. Der oft erwähnte neue (analoge) Sound hat da für mich aber nur wenig Bedeutung. Er ist weiterhin gitarrenlastig-indieesk, wie die Texte im höchsten Maß erfreuen und die Revolte weiterhin in mir ist. Nur dass sich das Ganze diesmal über zwei Scheiben erstreckt…


Gregors No. 4:

Oneohtrix Point Never – R Plus Seven
(Warp / Rough Trade)

Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never ist auf dem besten Wege, in die Hall of Fame dieses Blogs aufgenommen zu werden. Nicht für sein aktuelles Album, sondern dafür, was schon war und was noch kommen wird. Dazwischen liegt »R Plus Seven«, ein grundsolides Superalbum, das morgens dein Brot beschmiert und abends das Licht ausmacht. Ein Gefährte für jeden Tag. Die Musik ist wie immer unangestrengt anstrengend, gerade so, als stecke eine digitale Waldameise dahinter: Alles scheint durcheinander, stattdessen ist alles genau organisiert. Eine raffinierte Mischung aus Samples, Brüchen, Rhythmik und Groove.

Die besten Alben 2013 – Plätze 10 bis 7

It’s almost the end of 2013, and it’s time to look back at some of the top albums from the past twelve months.

Den Spaß lassen wir uns auch dieses Jahr nicht nehmen, getragen von gegenseitiger Inspiration, hohen Erwartungen und der Gewissheit, nicht genug davon zu bekommen. (ein bisschen wie Weihnachten). Ein letzter Blick also auf die denkwürdigsten Alben des Jahres 2013, übrigens der 10. seiner Art (wir haben klein angefangen). Merry Listmas!


Suns of Satan - Sidespring

Rolands No. 10:

Suns of Satan – Sidespring
(Father Figure Records)

Suns of Satan aus Dänemark singen auf dänisch, der schönsten Sprache der Welt. Abgesehen davon weiß diese Band und dieses Album zu betören: kommt zwar in dunkler Schleppe, trägt aber auch allerlei zierendes Klingklangwerk. Insgesamt schön ausgewogen & abwechslungsreich. (Das einzige Album im Jahresrückblick, das ich durchs Für-den-Podcastsuchen fand, bisschen schräg eigentlich, denn Für-den-Podcastsuchen nimmt mittlerweile den größten Teil meines Nochhörens ein)


Sebastians No. 10:

Kakkmaddafakka – Six Months Is a Long Time
(Vertigo / Universal)

Bei Kakkmaddafakka handelt es um extrovertierte Norweger, die mit „Six months is a long time“ das geschmackvollste Cover und meine Sommer-Platte des Jahres abgeliefert haben. Sie klingt nach College Boys, die gerade von zuhause ausgezogen sind und deswegen eine Dauerparty veranstalten können.


Gregors No.10:

Pantha Du Prince & The Bell Laboratory –
Elements of Light
(Rough Trade / Beggars Group / Indigo)

Elements of Light ist nur mit einem Notstopp des Fahrstuhls erreichbar, hoch oben im Dachstuhl, wo der Geist sein geheimes Glockenspiel über das Leben wirft. Ein Wow in Rhythmik und Klang. In »The Bell Laboratory« erforscht der Traum- und Technoproduzent Pantha du Prince zusammen mit dem norwegischen Komponisten Lars Petter Hagen Glocken und Geläut im Quadrat: ein 64 Glocken großes Carillon – ein Turmglockenspiel – Röhrenglocken, eine Marimba, ein Xylophon und verschiedene Becken und Klangvasen. »Meine Faszination für die Glocke steckt nicht im Sakralen, sondern in der Physikalität ihres Klangs. Sie bringt die Luft zum Schwingen. Dieser direkte Impuls macht Zeit akustisch und körperlich erfahrbar.«


Rolands No. 9:

The House in the Woods -Bucolica
(Exotic Pylon / Cargo)

Ganz frisch entdeckt und gleich in die Bestenliste. (Das gibt es ja, hörst was & weißt gleich: das wird was mit uns beiden.) Leicht kaputte, eiernde Elektronik, in Schlieren und Schleifen, irrlichtender Ambientspuk sozusagen, der dich immer weiter in den Nebel mit Trauerweidensilhouetten und vorbeihuschenden Geistermädchen lockt. Wird mich noch eine zeitlang verfolgen.


Sebastians No. 9:

Pantha Du Prince & The Bell Laboratory –
Elements of light
(Rough Trade / Beggars / Indigo)

„Black Noise“, Rolands Nummer 1 aus dem Jahre 2010, lernte ich erst mit dem Jahrespoll kennen und schätzen. Danach habe ich sie unzählige Male gehört, oft auf Dauerschleife. „Elements of lights“ ist nun die konsequente Fortführung: Noch mehr (akustische) Glocken, noch mehr Ambient! Der Gegensatz von Waldorflehrer und digitalem Bohemien ist jetzt endgültig aufgelöst. Nichts erweist sich so metaphysisch wie Glocken! Im Übrigen stellte Pantha Du Prince & The Bell Laboratory für mich auch den tränenerzeugenden Live-Act des Jahres dar.


brndbrfrckmm

Gregors No. 9:

Brandt Brauer Frick – Miami
(!K7 Records / Alive)

Musik wie eine Verfolgungsjagd: Leinenanzug, Schnellboot und Flamingos. Oder: Galeere, im Takt der Trommel auf den Schaumkronen der Wellenberge. Nicht zwangsläufig auf dem Wasser, hier macht die Drehzahl die Musik. Die Klangwelten von Brandt Brauer Frick bedienen sich eines klassischen Instrumentariums. Der Einsatz von Streichern, Pianoläufe, Harfenklang, Tuba, Violine usw. – all das zielt auf eine Simulation von Techno. Gewiss war es anfangs sehr schwer, die Unruhe, die Nervosität, die vielen Ideen. Am Ende dann aber: a bout de souffle – völlig außer Atem.


Rolands No. 8:

My Bloody Valentine – m b v
(Mbv Records / H’art)

Die Könige des Eierns. Schon immer, jetzt wieder. Mir fällt jetzt spontan keine Band ein, auf die sich so eindeutig ein Genreursprung reduzieren ließe. Wir alle haben diverse Shoegaze-Bands gehört und es waren zweifellos auch einige gute dabei. Dann hörst du die ersten beiden Stücke dieser Platte, die gefühlt achtundneunzigtrillionen Mal angekündigt war und geschätzt 112 Jahre nach „Loveless“ nun endlich erscheint und es zeigt sich: niemand eiert so schön wie My Bloody Valentine und du fragst dich, wie kriegen die das nur hin und wirst zurückgeflasht in unsere Zivildienstwohnung (mit Gregor, Sebbl, mir, anderen) wo im nursery room der Gitarrenaltar hing und wie da nahezu andauernd diese Gitarrenpassion auch lief. Die restliche Platte bietet auch noch viel schönes, aber der Auftakt…


Sebastians No. 8:

Mount Kimbie – Cold spring fault less youth
(Warp / Rough Trade)

Das überraschendeste Album in diesem Jahr, betrachtet man den Wandel zum Vorgängeralbum, stellt für mich „Cold spring fault less youth“ dar. Statt synkopierter Stimmsamples hört man nun auch echte Instrumente und Gesang und folglich auch songähnliches! Die Mischung erscheint so warm und cool zugleich, dass man diese Platte zu jeder Jahres- und Tageszeit hören kann!


Gregors No. 8:

Arcade Fire – Reflektor
(Sonovox / Vertigo / Universal)

Der Glaube an Arcade Fire ist das Ergebnis einer jahrelangen Kettenreaktion von Energie. Jedes ihrer Alben erzeugte bisher ein helles Nachglühen, das einen noch größeren Knall auslöste. Auf ihrer nunmehr vierten Platte schwingt die Band um Win Butler mehr Hüfte denn je. Arcade Fire mussten sich verändern, das war lange klar, alleine Disco ahnte keiner. Stilprägend erweist sich vor allem die Mitarbeit von James Murphy, dem Schöpfer von Arcade Fires Lieblingsband LCD Soundsystem. Irgendwo zwischen Euphorie und einem klaren High, Murphy-Patterns und neonfarbener Bibeltreue, deutet Reflektor vor allem auf eins: Hier klingt die wichtigste Band einer ganzen Dekade.


Rolands No. 7:

The Polyphonic Spree – Yes, It’s True
(Cherry Red / Rough Trade)

Hier weiß ich selbst nicht, wie ich das alles jetzt finden soll. The Polyphonic Spree gibts ja schon eine Weile und immer kamen die mir mit ihrem bescheuertem Lebensbejaher- und Hippietum – eventuelle Ironie hin oder her – nunja: bescheuert vor. Aber irgendwie: ich konnte mich diesmal nicht entziehen. So Gardinen überziehen und dann gemeinsam beseelt von „Du bist einzigartig“ / „Recke deine Hände zur Sonne“ glückssingen hat doch auch was. Jedenfalls: zwar ist dies verdächtig gute Laune Musik, aber was ist heutzutage schon unverdächtig, oder?


Sebastians No. 7:

These New Puritans – Field of reeds
(Infectious / PIAS / Rough Trade)

Das schönste Album in diesem Jahr stammt für mich von These new Puritans. Was man hier hört, klingt nach Kammerorchester, Jazz, Peter und der Wolf, Minimal, Elektro, Ambient, Post-Rock, Pop usw. Die Lieder erstrecken sich bisweilen lang über unterschiedliche Stimmungsnuancen durch manträhnlichen Gesang unterstützt; dunkle Wolken ziehen vorüber, Nebel entsteht, ein Augenblick Sonne, dann ein Regenbogen…


fltngcffn

Gregors No. 7:

Thee Oh Sees – Floating Coffin
(Castle Face)

Stampf und Brei, was da Thee Oh Sees mit feinstem Lärm ersinnen. Nie unbehaglich und nie unüberlegt. Since 1997. John Dwyer als Soloprojekt, mit den Jahren dann plus Mitstreiter, die ja auch von etwas leben müssen. Und was, wenn nicht gut geprügelter Rock’n’Roll, eignet sich besser als Broterwerb? Übrigens seit Jahren auf gleichbleibend hohem Niveau.