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Die besten Alben 2024 – Plätze 3 und 2

Gregors Nr. 3:
Angélica Garcia – Gemelo
(Partisan Records)

Das letzte spanischsprachige Album, das ich rauf und runter gehört habe, war „Buena Vista Social Club“ von 1996. Das ist schon deshalb peinlich, weil Spanisch eine fantastische Singsprache ist. Angélica Garcia, in den USA geboren und Tochter mexikanischer und salvadorianischer Vorfahren, singt auf „Gemelo“ bis auf wenige Sätze also Spanisch, die Sprache, die etwa 65 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten sprechen. Eine davon ist ihre Großmutter, die ihre englischen Lieder nie verstand. Garcia wuchs in einem stark von der Latino-Kultur geprägten Umfeld in East Los Angeles auf. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als Selbstfindungsprozess – hier die zentrale Idee.

Garcia kann übrigens auch ausgezeichnet singen, mit großem Stimmumfang und emotionaler Tiefe, mal fastschreiend, mal geisterhaft. Ganz gelegentlich erinnert sie mich sogar an Elizabeth Fraser, die Frau, die mit ihrer Engelsstimme meine Teenagerjahre bereicherte. Außer der Sprache und dem Gesang fehlt aber noch eine letzte Besonderheit. Es gibt vier Hits auf dem Album – vier von zehn. Garcia war ihr Leben lang von Musik umgeben – ihre Mutter war ebenfalls Musikerin und hatte unter dem Namen Angelica einen Top-40-Hit, ihr Stiefvater arbeitete als A&R, bevor er Priester wurde – da ist das Hits schreiben vielleicht sogar naheliegend. „Gemelo“ ist also ein in vielen Teilen großartiges Album mit ganz wenigen Schwächen. Experimenteller Pop mit lateinamerikanischen Einflüssen, stellenweise elektronisch abgebremst. Sie selbst wollte, dass es ungefähr so klingt: „Como Radiohead, pero con trasero“. Nix comprendido? Ab zu DeepL!


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Rolands Nr. 3:
UTO – When all you want to do is be the part of fire
(InFiné)

Auch wenn Gregor die Metaphorik schon für Peggy Goo bemüht hat: ein einziger Kindergeburtstag. Was also für das Spielerische stehen soll, denn wenn ich jetzt „Elektropop“ zur Einordnung schreibe, greift das ein bisschen kurz, es ist schon stellenweise weit übers Poppige hinaus aufs Tanzen ausgelegt, dann wieder ganz simple ruhige Nummern oder es wird einfach so ein bisschen herumexperimentiert. Auf jeden Fall wussten UTO, ein mir bisher unbekanntes Duo aus Paris, zu überraschen mit diesem sehr unterhaltsamen Album, das ihr zweites ist.

Der untere Session-Auftritt ist offen gesagt nicht sooo überzeugend, das Album dafür aber umso mehr, sonst wärs ja auch nicht meine Drei, ne.


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Gregors Nr. 2:
Nick Cave & The Bad Seeds – Wild God
(Play It Again Sam)

Für mich war es das Konzert des Jahres: Nick Cave & The Bad Seeds live in Berlin. Nick Cave begleitet mich seit 1984, seit dem Release von „From Her to Eternity“. Ich habe seine Songs immer gemocht, mal mehr, mal weniger. Über 40 Jahre Relevanz und Verlässlichkeit – wer kann das schon von sich behaupten? Im Vorfeld des Konzerts hat sich bereits lose angekündigt, dass er sich von der Menge auch nicht mehr als Messias feiern lassen wird (was die erste Reihe im Saal nicht davon abhielt, ihn genau so zu feiern). Zurückgenommenheit tut es plötzlich auch, schließlich hatte er nicht nur den charismatischen Radiohead-Bassisten Colin Greenwood und Swans-Drummer Larry Mullins an seiner Seite (Martyn Casey fiel aus), sondern auch einen Großteil der angestammten Bad Seeds. Vor allem Warren Ellis, der entrückte Multiinstrumentalist mit dem bauchnabellangen Rauschebart und Thomas Wydler an den Drums nahmen sich ihren Raum. Zusammen mit dem grandiosen Backgroundchor stand da also eine Band auf der Bühne, die auch als solche wahrgenommen wurde.

Zuvor hatte Nick Cave sein 18. Studioalbum veröffentlicht, was mich überhaupt mal wieder dazu brachte, ein Konzert von ihm zu besuchen. Vor allem war die stetige Weiterentwicklung seines Sounds die eigentliche Überraschung, orchestraler als zuvor ist es, deshalb auch ausarrangierter, zurück sind (endlich) auch die ekstatischen Ausbrüche, die ich so liebe, es schwebt und leuchtet und dann dieser Chor­ – gerade so viel Gospel, dass es die Stimmung nicht zersetzt. „Wild God“ verbindet auf geniale Weise den meditativen, fließenden Sound der unmittelbaren Vorgängeralben mit der für die Bad Seeds so typischen Muskelkraft. Seine dunklen Jahre sind offensichtlich vorbei. Nick Cave blickt der Zukunft wieder positiv entgegen.  Wer seine Geschichte kennt, darf sich darüber freuen. “We’ve all had too much sorrow, now is the time for joy” (aus: “Joy”)


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Rolands Nr. 2:
Floating Points – Cascade (Pluto / Ninja Tune)

Floating Points schwirrt neben Caribou, Four Tet und anderen Konsorten schon jahrelang herum, immer mal wieder mit dem einen oder anderen Electronica-Track, der mich zum Mitwippen überreden konnte. Dann wieder mit einer Reihe ambitionierter Projekte, zuletzt das für mich persönlich doch zu sehr weichgespülte, dafür aber kritikerseits gefeierte mit Pharao Sanders. Gerade wenns in die Ambition ging, wurde ich nicht davon abgeholt.

Jetzt aber ein Album schlicht mit 4-to-the-floor Brettern, wobei die Albumdramaturgie strikt vom brettigsten bis runter zu eher unspektakulären Tracks sich ausfadet: dennoch allein die ersten vier Stück sind schon tollste Schwuppdiwuppdinger. Deshalb verdient bestes Elektronikalbum dieses Jahr.

Die besten Alben 2024 – Plätze 6 bis 4

Gregors Nr. 6:
Shay Hazan – Wusul
(Batov Records)

Nach seinem viel beachteten Debütalbum „Reclusive Rituals“ hat Shay Hazan nun sein zweites Soloalbum veröffentlicht. Und jetzt wird‘s kompliziert, weil hier viel zusammenläuft, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört. Die Musik des Nahen Ostens zum Beispiel, kombiniert mit viel Jazz auch – hier vertreten durch Tenorsaxophon, Gnawa, Gitarre, Perkussion –, als Topics HipHop-Beats, elektronisches Klingklang und Afrobeats und am Ende schön knusprig vergepackt in ein Groove-Mäntelchen.

Shays Signature-Instrument ist die Guembri, eine marokkanische Basslaute mit drei Saiten, die hier noch einen Extrasatz verdient. Man ahnt es: Die Songs entwickeln und verändern sich ständig, geht ja gar nicht anders, wenn jeder Ton mal erklungen sein will. „Wusul“ ist übrigens eine Hommage an sein erstgeborenes Kind. Auch Shay Hazan ist das erste Mal Vater geworden, so wie Michael Kiwanuka (Platz 8) und Joe Talbot (Platz 5). Musste mal erwähnt werden, auch weil es so auffällt.


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Rolands Nr. 6:
SPRINTS – Letter to Self
(City Slang)

Seit ein paar Jahren ist in Sachen Krachgitarre Dublin Welthauptstadt. Dies‘ Jahr sind SPRINTS mit ihrem Debüt nicht mal die Meistgefeierten von dort – sondern andere Bekanntverdächtige. Bei mir aber schon! (kleiner Spoiler für die weiteren Plätze).

Ihr Name passt, einmal wegen der Großbuchstaben, weil halt LAUT und dann nochmal, weil sie in praktisch jedem Song mindestens einmal richtig losrennen.

Vor ein paar Wochen dann live gesehen und da haben sie auch ordentlich gewirbelwindt, gaben sich wie zu erwarten supersympathisch, weil sie es ja auch sind. Was mir außerdem gut gefällt, bedient gar nicht mal so sehr die Postpunk-Schublade, ich würds schlicht Rocknroll nennen.


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Gregors Nr. 5:
Peggy Gou – I Hear You
(XL Recordings)

Gekonnt überproduziert ­– siehe Platz 10 – ist auch das Album „I Hear You” von Peggy Gou. Hüpfburgenmusik mit Riesenrutsche, aufblasbarem Trampolin und Bällebad. Die perfekte Musik zum Toben, Rennen, Klettern, Rutschen, Springen und, ähm: Tanzen? Natürlich! Outdoor und bei strahlendem Balearenblau. Vielleicht noch ein paar Tatsachen zur Einordnung: Peggy Gou (eigentlich Min-ji Kim) stammt aus Südkorea, ist Musikproduzentin, DJ, Modedesignerin und lebt in Berlin.

Es gibt Leute, die behaupten, sie sei vielleicht eine der beliebtesten DJs weltweit. Vielleicht. Bekannt ist sie allemal (seit kurzem auch mir). Nach zahlreichen Singles, einer Übersingle – (It Goes Like) Nanana – und diversen EPs erschien im Juni nun endlich ihr Debütalbum. „Nanana“ ist zwar der zentrale Track und mit 660 Millionen Plays weit außerhalb meiner üblichen Wahrnehmung, aber alles drumherum ist trotz des Gefälles feinster Hungboo, um in der Sprache von Gou zu bleiben, toller, pumpender Vintage-90s-House, der von einer starkern künstlerischen Handschrift geprägt ist. Sie selbst sagt sinnigerweise K-House dazu.


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Rolands Nr. 5:
Fink – Beauty In Your Wake
(R‘CCOUP‘D)

Manchmal bin ich ganz schön oberflächlich. Das Plattencover jedenfalls hat mich fast davon abgehalten, überhaupt reinzuhören, weil: sieht Finian Paul Grenall, der als Fink firmiert (nicht mit der deutschen Band verwechseln), nicht aus wie jemand, der einem bei grünen Tee ostasiatische Philosophie und Mediation nahebringen will? Alles Dinge übrigens, die ich auch schätze und praktiziere, aber darum geht es doch gar nicht!

Beim Ersthören blieben die Vorbehalte, weil: so wirklich raffiniert ist das nicht, oder, halt Akustikgitarren und Gesang. Nur habe ich es dann doch öfter gehört als gedacht und jetzt liegt das Album plötzlich weit vorne in meinen Charts.

Wie so bei jedem Lied die Akkordfolgen monoton kreisend gespielt werden, um darüber Intensität aufzubauen, da steckt doch bestimmt irgendsoeine Meditationstechnik hinter?


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Gregors Nr. 4:
Idles – Tangk
(Partisan Records)

Brexit hin oder her: Dass ein Album wie „Tangk“ auf Platz eins der britischen Albumcharts landet, muss den Engländern erst mal jemand nachmachen (selbst die Fontaines D.C. schafften nur Platz 2). Es ist also doch nicht alles misérable auf der Insel, die Idles schon mal gar nicht und „Tangk“ noch viel weniger. Das Wilde, Rohe und Kraftvolle, das die Rebellanten aus Bristol bisher auszeichnete, setzt sich hier zwar nicht konsequent fort, dafür geht es jetzt ausgefeilter und zugänglicher zur Sache. Tangk ist aber noch lange kein reines Schönwetteralbum geworden, bei dem die Wetterfühligen „Sunshine Guilt“ verspüren.

Das Gesellschaftskritische ihrer Texte fiel zwar dem Wort „Liebe“ zum Opfer (das Wort kommt auf dem knapp 40-minütigen Album insgesamt 29 Mal vor), aber sind wir mal ehrlich: Ist heute nicht alles Gefühl, also Feeling, und die Idles lediglich Opfer eines gesellschaftlichen Wandels? Sorgen muss man sich nämlich nicht um die fünf Koryphäen des Postpunk. Während 95% der heute veröffentlichten Musik die Liebe als reine Gefühlsduselei verkauft (mit all dem dazugehörigen Ego-Weltschmerz), scheint es Sänger Joe Talbot mehr um den Wunsch nach einer besseren Welt zu gehen. Dieses Ziel wurde schon immer mit viel Liebe erreicht. Und außerdem geht es – zwar weniger direkt als auf den früheren Alben – weiterhin um soziale und politische Themen. Ein Crowd-Pleaser in vielerlei Hinsicht!


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Rolands Nr. 4:
Beth Gibbons – Lives Outgrown
(Domino)

Selten war’s bei mir so, dass schon nach wenigen Takten praktisch jedes Lied sich so eingebrannt hat, als wäre es schon immer da und hätte ich es schon immer gekannt. Was sicher auch an Beth Gibbons selbst liegt, die von sich aus gleich ihren eigenen Referenzraum und Bezugsrahmen mitbringt. Dennoch, ungefragt und uninteressant, weise immer immer gerne drauf hin, wenn mal die Rede auf Portishead kommt: war nie wirlich großer Fan.

Hier aber sofortiges Einrasten: Mit dem ganzen Perkussionbeiwerk und orchestralen Arrangements verfugen sich Stimme und Musik ganz außerordentlich und sind sofort als Einheit da. Mich wundert auch nicht, dass das Album zehn Jahre oder ähnlich in the making gebraucht haben soll. Also: Instantester Classic – wenn es je einen gab.

Die besten Alben 2024 – Plätze 10 bis 7

Wir sind wieder dabei, wir sind wieder im Game. Wir wissen, das Vergnügen liegt ganz auf unserer Seite, wir hoffen, es lesen trotzdem ein paar mit, wenn wir uns selbst erklären, warum unsere Lieblingsalben 2024 unsere Lieblingsalben 2024 sind.

Und hier sindse:

Gregors Nr. 10:
Magdalena Bay – Imaginal Disk
(Polydor / Universal)

Mica Tenenbaum und Matthew Lew sind Magdalena Bay. Ihre Musik: Ins Silberbad getauchte Top-40-Arrangements. Aus welchen Charts, lässt sich nicht genau sagen. Aber der Reihe nach. Fünf Jahre sind seit ihrem gefeierten Debüt „Mercurial World“ vergangen. Zuvor hatten die beiden bereits zusammengearbeitet, sowohl in ihrer Highschool-Progrock-Band Tabula Rosa als auch bei einer Reihe von EPs unter dem Namen Magdalena Bay. Die vergangenen fünf Jahre verbrachte man schließlich auf Tournee-Bühnen, ihrem Tik-Tok-Kanal und selbstverständlich im Studio.

In den Überlieferungen zu Magdalena Bays jüngstem Album ist die „Imaginal Disk“ ein CD-ähnliches Objekt, das als extraterrestrische Botschaft in das Gehirn eines Affen eingelegt wurde. Die Schöpfungsgeschichte beginnt hier mit einer Figur namens True. Eines Tages begibt sich True auf eine Reise, um herauszufinden, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Diese Geschichte wurde in Musikvideos, die zusammen mit vielen Singles des Albums veröffentlicht wurden, ausgiebig entwickelt. Soweit, so Konzept. Das Album selbst sei ein musikalisches Handbuch zur Erforschung des Bewusstseins und die Videos lediglich schmuckes Beiwerk, so die Erklärung der beiden. Zum Glück hat man bei so viel Phantasma das Musikmachen nicht vergessen. „Imaginal Disk“ ist Avantgarde-Pop aus dem Oberstübchen – kunstvoll, eingängig, verwirrend, komplex und gekonnt überproduziert. Songs, die in völlig unterschiedlichen Welten beginnen und enden, oft sogar in unterschiedlichen Genres. Passt irgendwie, dass die beiden in Miami leben.

https://youtu.be/x1ikXt0aulU?si=uigvlI2ii07OKQ1p&t=17

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Rolands Nr. 10:
Myriam Gendron – Mayday
(Chivi Chivi)

Retro wie das Cover die Musik. Klingt nicht nur nach frühem Dylan, sondern tatsächlich melodisch ganz „grundsätzlich“ und oft nach Volkslied. Ist es dann nicht selten auch, Myriam Gendron hat dafür entsprechende Weisen aus ihrer frankokanadischen Heimat aufgegriffen, aber natürlich auch verwandelt und mit Zeitigem angereichert, dann kommt etwa Vogelzwitscher bis Freejazz Saxophon dazu. Wer’s liest und abgeschreckt ist: don’t, klingt nämlich tatsächlich durchgängig wunderschön.

Das macht nicht zuletzt die sonore, tiefe Stimme. Hie und da auf französisch singen hilft sicher auch, bei meinen Ohren jedenfalls. Gendron, so las ich, hat eine Zeitlang in Paris als Straßenmusikerin sich durchgeschlagen, ging zurück nach Montreal, arbeitete dann lange als Buchhändlerin, auch als sie schon Musik veröffentlichte und steigt jetzt erst, mit ihrem dritten Album, Vollzeit ein ins Musikgeschäft. Möge sie uns lange erhalten bleiben.

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Gregors Nr. 9:
Les Amazones D’Afrique – Musow Danse
(Real World Records)

“Musow Danse” ist das dritte Studioalbum des west- und zentralafrikanischen Superkollektivs Les Amazones d’Afrique. 2014 von den Malierinnen Mamani Keïta, Mariam Doumbia und Oumou Sangaré gegründet, um der Ungleichbehandlung der Geschlechter entgegenzuwirken und ihr eine feministische Stimme zu verleihen, entwickelt sich das Kollektiv seither ständig weiter. Musik aus 1000 Jahren, Tönen und Schattierungen.

Und ja, dieses scheinbar ständige Durchwechseln der Besetzung ist für sich genommen schon spannend genug. Von 2014 ist nur Mamani Keïta übriggeblieben. Neu an Bord sind Fafa Ruffino aus Benin, Kandy Guira aus Burkina Faso, Dobet Gnahoré von der Elfenbeinküste und Alvie Bitemo aus der Demokratischen Republik Kongo. Da kommen einige Sprachen und Dialekte zusammen. In dem Song „Queen Kuruma“ beispielsweise singt Fafa Ruffino in vier verschiedenen afrikanischen Sprachen (Fon, Bariba, Dendi und Yoruba), Alvie Bitemo kommt auf drei (Doondo, Lingala und Kinyarwanda) – auf „Musow Danse“ wird in einer Vielzahl von Sprachen gesungen, die in Westafrika verbreitet sind – am Ende  des Albums angekommen sollten dann praktisch alle ihre Mission verstanden haben. Und alle, die nicht von dort kommen, lesen sich bitte die englische Übersetzung auf Bandcamp durch.

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Rolands Nr. 9:
Tristan Arp – a pool, a portal
(Wisdom Teeth)

Ich gehe jetzt mal davon aus, Tristan Arp, von dem ich praktisch nichts weiß, hat sich seinen Nachnamen fürs Kunstmachen zugelegt und dann nicht umsonst vermutlich nach dem Universalkünstler Hans / Jean Arp benannt, der auch einer meiner ganz großen Helden ist. Und Tristan macht eben offenbar auch vieles auf vielen Kanälen: Malen, Aufnehmen, Sound- und VideoIínstallationen usw. usf.

Das Album wuirde mir eher zufällig zugespült und ist eindeutig eine Wasserplatte, wie auch schon der treffende Titel verrät. Es schwappt, tröpfelt und plätschert aus allen Ritzen, Musik aus der Therme, zum Warmwasserzurücklehnen, berieseln und durchfluten lassen.

Es sind viele Becken, durch die man steigen darf, vom Sprudelbad bis zur Salzlake, die einen totesmeerartig trägt – will sagen: ausreichend Abwechslung bei allem Soundeindeutigem ist immer gegeben.

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Gregors Nr. 8:
Michael Kiwanuka – Small Changes
(Polydor / Universal)

Mollig warm soll sie sein, die Winterjacke, vor Wind und Regen schützen und jedem Unwetter trotzen. So wie wahrscheinlich Kiwanukas neues Album „Small Changes“. Ist das belanglos? Ist das Einlullerei mit gelegentlichem Aufseufzen, wenn doch mal ein Tropfen durch die Epidermis dringt? Ich bin noch unentschlossen. „Kinwanuka“ wurde schnell zum Klassiker. Auch für mich. Fünf Jahre sind seit dem legendären Album-Release vergangen und zu meiner großen Überraschung habe ich für „Small Changes“ sogar die Countdown-Funktion von Spotify bemüht.

Das lag wohl auch am Druck in der Luft. Das Soul-Monster, das alle erwartet haben, ist es letztlich nicht geworden. Kiwanuka lässt die Sounds diesmal ruhen, spricht mehr aus dem Herzen. In gewisser Weise steht ihm das als frischgebackener Familienvater auch zu. Das Zubettbringen gelingt leichter, wenn es als beruhigend erlebt wird. Das geht zwar auf Kosten der Hits und Banger – erst mal. Kiwanuka ist jetzt 37 und die Lebenserwartung seiner Generation steigt. The future is unpredictable.

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Rolands Nr. 8:
Haley Heynderickx – Seed of a Seed
(Mama Bird)

Wie Ihr seht und hören werdet, gibt es dieses Jahr bei mir eher wenig ganz neue, umwälzende, andersartige Sounds bei den Alben, dafür mehr Ruhiges, Harmonisches, Vertrautes. Am deutlichsten vielleicht bei diesem Album, das sich thematisch rund um allerlei Gartenmetaphorik sanft gitarrierend hinrankt. Küchenpsychologisch, aber tatsächlich naheliegend: es steht zu vermuten, dass ich gerade eskapistische, unkomplizierte, warme Musik suche. Und warum auch nicht, angesichts des tösenden Drumherums, muss ich wohl nicht weiter erklären. Nächstes Jahr wird mir dann wahrscheinlich sogar Gesang zu anstrengend sein.

Hier aber noch nicht, Zartbesaitete wie ich werden’s also mögen.

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Gregors Nr. 7:
Amyl and the Sniffers – Cartoon Darkness
(Rough Trade)

Album Nummer 3, das erste von ihnen, das ich mir angehört habe. Vorher kannte ich nur ihren Live-Mitschnitt auf KEXP von 2021 und ein paar Singles, die nur einen Schluss erlaubten: Mullumbimby, jene etwa 4.300 Einwohner zählende Stadt am Fuße des australischen Mount Chincogan, ist für lärmende Gitarren und rotzigen Gesang scheinbar die Nabelschnur zur Welt. Ja, „Cartoon Darkness“ ist die beste Punkrock-Platte des Jahres und sie stammt von Leuten aus Mullumbimby, das sei hier schon mal verraten. Mehr noch als die Band selbst interessiert mich das Umfeld, in dem ihre Musik gedeihen konnte. Auf den Bildern des Städtchens spürt man sie förmlich, die gelebte Utopie. Mullumbimby ist nämlich ­– wenn überhaupt – bekannt für seine Hippie-Subkultur und seine florierende Musikszene.

What? Das passt ja überhaupt nicht zum stereotypen Leute-vom-Land-Klischee. Hier will man sofort hin. Dass dieses Umfeld natürlich großen Einfluss auf Amy Taylor hatte ­­– den Kopf der Band – ist klar. Sie erklärt dann auch gerne, dass Hippies, Bauern und „Bogans“ – Typen, die viel fluchen und Bier trinken – ihren Kampfgesang enorm geprägt haben. Wahrscheinlich in Form und Inhalt. Klingt alles sehr spannend. Working-Class-Slang, Selbstermächtigung und Feminismus ­– alles Teil Ihres Selbstverständnisses. Kritisch besungen werden auch der digitale Konsum, Hass im Internet und der ganze 20-Something-Mist. Spaß macht’s btw trotzdem.

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Rolands Nr. 7:
Zoot Woman – Maxidrama
(ZWR)

Was für eine schöne Rückkehr. Einfach, ganz einfach, dafür aber äußerst effektvoll. Was ich erst mit diesem Album begriffen habe, Zoot Woman sind die Elektro-Phoenix, die gleiche Unbeschwertheit, die gleiche Harmoniesucht, der ganz ähnliche Gesang, es werden halt wirklich nur die Synthie-Regler mehr reingedreht, die brummen, dröhnen und sausen als wären sie nie weg gewesen. Waren sie ja auch nicht, mir ist eben nur melodischer Elektropop in Reinform länger nicht mehr untergekommen und wirkt dann einfach freudig stimmungsaufhellend.

Das Ausrufezeichen ist hier also nicht umsonst gesetzt, für gesetzte Herrschaften wie mich selbst hat es auch die Tanzhärte, die noch meine müden Knochen aufbringen können.

Die besten Tracks 2023

Nach den Alben nun also unsere liebsten Lieder des Jahres. Es sind bei drei Juroren à 15 Nennungen (10 sind da einfach zu wenig!) demnach nicht weniger als 45 Tracks geworden – und damit genau drei Stunden.

Aus unser dreier Gesamtsicht, nach gegenseitigem Vorspielen, Vergleichen und Spintisieren sind wir uns tatsächlich einig: nicht eines dabei, das nicht taugte. Und nochmal ein paar Extraentdeckungen für uns alle.

Gibts als wohl abgestimmte Playlist sowohl bei Spotify als auch Youtube zum Mithören.

Hoffentlich habt Ihr ähnlichen Spaß damit wie wir beim Zusammentragen.

Edit: über Malte haben wir das Ganze auch noch als Apple-Playlist bekommen und also hier angefügt.


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Die besten Alben 2023 – Plätze 1

Carstens Nr. 1:
GHOSTWOMAN – Hindsight is 50/50
(Full Time Hobby)

Es ist ungefähr 22 Uhr, als ich von zuhause losgehe. Ich gehe nur langsam, damit ich in meinen Stiefeletten (alt. Creeps, Docs) nicht auf dem nassen Pflaster ausrutsche. Es ist neblig (alt. rauchig, kalt), auch weil die Fenster der Straßenbahn (alt. Bus, Stretchlimo) beschlagen sind. Ich starte den Walkman (alt. iPod, Smartphone) und starre vor mich hin. Hallende Beats, dröhnende Gitarre. Mein Herzschlag wird schneller. Aussteigen, noch ein paar Schritte (alt. eine halbe Stunde) Fußweg. Allein (alt. rauchend allein, mit einem schweigenden Freund). Es ist kalt in der Warteschlange. Keiner spricht. Nieselregen läuft in den Kragen meiner Donkeyjacke (alt. Bikerjacke, Harrington). Ich fange den Blick einer bleichen Schönheit ein. Sie (alt. er, them) lächelt nicht. Aber wir gehen Seite an Seite in den Club. Nebel bis unter die Decke. Strobo. Qualm. Nur Schatten.

Als ich die Kopfhörer abnehme (alt. rauspule), hämmert das Schlagzeug von Ille van Dessel los. Sie ist die Geisterfrau, vermutlich, die Evan Uschenko, dem Multiinstrumentalisten und produktiven Retro-Langweiler vor wenigen Monaten begegnet ist, und sein musikalisches Hipstersystem durcheinander gewirbelt hat – und den Klang von Ghostwoman drastisch verändert. Uschenko möchte von seinen alten Platten jetzt nichts mehr wissen, sagt er. Er habe seinen Sound endgültig gefunden, sagt er.

Der Spirit und die Coolness seiner Partnerin haben eingeschlagen wie eine religiöse Erleuchtung.

Das Album schreiben die beiden in wenigen Wochen und nehmen es in wenigen Tagen auf. Es ist kompakt, klar, stilistisch konsistent. Hypnotisch AF. Und völlig fertig geformt. Da fehlt nichts mehr. Dunkler Garagenrock, der dürr ist, laut und cool. UK-Postpunk trifft auf, sagen wir, Dead Moon und Velvet Underground. Mehr Sexyness geht nicht.

Man atmet feuchte Kellerluft und Nebelmaschine. Und wäre sehr gerne jetzt noch einmal 28, den richtigen Fummel am Leib und die Ahnung einer ätherischen Liebe (alt. Versuchung, Inspiration) im Kopf, die irgendwo in Berlin (alt. London, L.A.) aus dem Nebel steigt um einem das Leben umzukrempeln. Und einen morgens mitnimmt, in das Recordingstudio im zerfallenen Chateau: „Take a little walk with me.“


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Rolands Nr. 1:
Joanna Sternberg – I’ve Got Me
(Fat Possum)

Das Cover, selbstgemalt, wie aus einem pädagogischen Comic der Mitte 1970er – oder doch nicht, wenn man genauer hinsieht und einige heutige Utensilien darauf entdeckt. So ungefähr ist das auch mit der Musik auf diesem Debütalbum: hätte mir jemand gesagt, das seien alles interpretierte Traditionals, ich hätt’s erstmal geglaubt – würden dann nicht doch aktueller anmutendende Liebesdiskurse und Selbstkonzepte besungen.

Joanna Sternberg ist eine Manhattaner Komplettpflanze, dort geboren, dort geblieben, aus einer Familie stammend, die über mehrere Generationen professionelle Musiker*innen aufweist. Und eben: Songstrukturen, Melodien, Reimschema, alles ist klassischstes Singersongwritertum, ohne dass es in öde Retroproduziertheit reinläuft, für mich jedenfalls, und ohne Übertreibung an ganz große Namen wie Carole King, Joni Mitchell, Randy Newman denken lässt. Die markante Stimme selbst dann an eine andere Joanna, Newsom, nämlich.

Musikalische Souveränität trifft hier im übrigen auf kaum verborgene Vulnerabilität – und das ist ja immer ein Triumph (Ich erwähne das ausdrücklich nur, weil Sternberg selbst darauf immer wieder zu Sprechen kommt, nicht zuletzt in ihren Lyrics, die gar nicht anders als autobiographisch sein können, im übrigen auch bei Verweis auf musikalischen Vorbilder wie Elliott Smith)

Empowernd – wie das seit geraumer Zeit heißt, richtigerweise.


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Gregors Nr. 1:
Sufjan Stevens – Javelin
(Asthmatic Kitty)

Die Weltrettung kann weitergehen, Sufjan Stevens hat ein neues Album veröffentlicht, der Soundtrack dazu steht. Vielleicht zieht er auch demnächst mal wieder als Wanderbarde um die Welt, um seine zwischen Optimismus und Pessimismus oszillierende Kultur des Unbehagens in den Hallen dieser Welt zu verbreiten. Vorher muss er allerdings noch ganz schnell gesund werden.

Man munkelt ja, er sei nach seiner Autoimmunerkrankung wieder auf dem Weg der Besserung. Zum Glück! Javelin ist vielleicht nicht sein bestes Album – das bleibt Illinois aus dem Jahr 2005 – aber sein neuer Output gehört mit Sicherheit zum Stärksten seiner 24 Jahre währenden Schaffenszeit. 21 Alben zählt Stevens Gesamtwerk inzwischen.

Mit der Veröffentlichung von Illinois hatte er damals verkündet, jedem der 50 US-amerikanischen Einzelstaaten ein eigenes Album zu widmen. Die Idee war zwar schnell begraben, geblieben ist aber die stille Hoffnung (seiner Fans), dass er bis zu seinem Lebensende wenigstens 50 Musikalben raushaut. Als Sufjan Stevens vor sehr langer Zeit noch auf dem College war und beim Rasenmähen auf dem Campus eine verletzte Krähe in der Nähe der Mensa fand, brachte er sie ins Biologielabor, um ihr das Leben zu retten. „Du tust dem Universum einen großen Gefallen“, erzählte ihm daraufhin jene Frau, die aus dem Tierheim zu Hilfe gerufen wurde. Das Ereignis bot ihm wohl einen gelungenen Rahmen für seine Prosagedichte und Songtexte und für lange Gespräche auf dem Dach der örtlichen Aspirin-Fabrik reichte es auch noch, wo er sich mit Sangria von Boone’s Farm betrank und über die Ordnung des Universums spekulierte. So viel Bedeutung, so wenig Zeit. Rette uns, Sufjan!

Die besten Alben 2023 – Plätze 3 und 2

Carstens Nr. 3:
Nation Of Language – Strange Disciple
(PIAS)

Das Alter bringt schon so seine Überraschungen mit sich. Ausgerechnet Gregor, einer der Owner dieses Blogs, Nick Cave-Verehrer und in Formen alternativer Gitarrenanwendung bewandert, einigt sich dieses Jahr mit mir auf Nations Of Language. Die Brooklyn-Band, die vor 3 Jahren als sehr sehr eng an den Originalen orientiert mit schmucken Postpunk, Synthwave, Darkwave, und anderen „man kanns schon nicht mehr hören“-Pastiches auffiel.

Wie schon von Gregor beschrieben: So langsam schält sich hier eine echte Identität raus, es blitzt auch mal etwas Chartspop von OMD durch (Obwohl die mich auf ihrem letzten Album einmal mehr mit Leftfield-Pop überrascht haben. Hat aber nicht für diese Liste hier gereicht). Ich höre auch etwas Blancmange, aber sei es drum. Devaney, Noell und MacKay sind zu New Yorker Hipster-Darlings gereift. Im Video zu „Too Much, Enough“, einer pluckernden Popperle, von Kraftwerk-Arpeggios angetrieben, drängeln sich Jimmi Simpson, Adam Green und Kevin Morby um die begehrten Cameo-Plätze.

Auf „Strange Disciple“ tritt Devaney mehr als auf den Vorgängern aus dem Hallraum nach vorn, macht sich hör- und verwundbarer. Und damit auch den Weg frei vom Zitateindie zum tatsächlichen Pop, also Soft Cell, oder Depeche Mode der Vince Clark-Ära. Naja, etwas too much Wunschdenken vielleicht. Denn exzentrische Stimmen sind ja aus der Zeit gefallen. So denk ich mir den Rest Mut noch dazu und pfeife mit.


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Rolands Nr. 3:
Baril – For You, Forever
(Intercept)

So, hier geht jetzt keiner mit, nehme ich an. Nicht weil’s unzugänglich wäre, sondern das Gegenteil. Ja, Baril mag nur schmalen Kredit auf der Soundbank haben und auf vielen generischen Playlisten Platz finden – Genremusik halt (aber welches eigentlich – Chillhouse?), so gar nicht überraschend, baut dir ne KI easy nach und vor, so bissi hochgepitchte / gefilterte Vocals mit Sinnloszeilen, UK-Garage-Rappel-Beats ausm Setzkasten und Standardflächen.

Also genau das, was ich brauchte, offenbar, dieses Jahr: entspannt mich bestens, kann einfach immer laufen und lief und lief und lief, weil lässt mich happy Mitnicken und ausgeglichen werden. Das Album als Feelgoodserie, bei der du gerade kein anstrengenden Konflikte willst, sondern möglichst simple Stories und Figuren, genug zum Abschalten, Runterkommen, Wegdämmern. Hält die Seele clean!


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Gregors Nr. 3:
Sofia Kourtesis – Madres
(Ninja Tune)

Dass in der Medienlandschaft bisweilen noch Platz ist für junge Popkultur, zeigt der Fall der peruanischen Musikerin Sofia Kourtesis. Über ihre Albumveröffentlichung haben quasi alle berichtet, von Pitchfork bis Zeit, und es dürfte kaum jemand entgangen sein, dass der Charité-Chirurg Peter Vajkoczy einen Song auf dem Album gewidmet bekommen hat („Vajkoczy“). Er ist nicht nur bekennender Berghain-Fan, sondern auch Lebensretter von Kourtesis einstmals schwer erkrankter Mutter.

Die musikalische Spannbreite der in Berlin lebenden Musikerin bewegt sich irgendwo zwischen intimen Clubsounds, sonnigen Stränden und einer dröhnenden Demonstration in den Straßen von Lima. Ihre Gabe, vorgestrigen Tonschnipseln neues Leben einzuhauchen, gehört zu den großen Besonderheiten dieses Albums. Nirgendwo sonst wird das so deutlich wie in „Estación Esperanza“, in dem sie Field Recordings von einer Demo für LGBTQI+-Rechte mit Manu Chaos „Qué horas son, mi corazón?“ mischt. Die mantraartige Wiederholung der überhörten Hookline aus dem Jahr 2001 gehört auf jeden Fall zu den Höhepunkten des Albums. Und überhaupt: Auf den zehn Songs findet sich viel Politik, sie selbst ist Aktivistin. Auch wenn Club, Tanz und Politik seit Jahrzehnten miteinander verflochten sind, ist die Eindeutigkeit, mit der sie hier Position bezieht, immer noch die große Ausnahme. Mit fallender Tendenz.


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Carstens Nr. 2:
Gaz Coombes – Turn The Car Around
(Hot Fruit Recordings)

Manchmal, ganz selten mittlerweile, starte ich Songs und habe sofort feuchte Augen. So geschehen bei „Don’t Say It’s Over“. Cimbalom und Falsettchor, schwere Drums und Klavierfundament, darüber eine schmerzverzerrte Fuzzgitarre. Es reißt mich weg.

Kaum zu glauben, das ist Gaz Coombes. Ich sehe ihn noch mit French Cut und ironischer Cordhose mit dem Bonanzafahrrad durch die 90er Jahre fahren. Das war mit seiner Band Supergrass, Britpop war groß und der Dekade schien die Sonne aus dem Arsch. Dann kam das Leben.

Auf dem Cover seines vierten Solo-Albums sitzt er immer noch lässig, aber merklich geerdet auf dem fleckigen Teppich seines Heimstudios, die Jazzmaster in der Hand. Doch das ist nur Slackertum. Coombes ist zu einem der sichersten und tollsten Songschreiber Englands herangereift. Er bedient nicht nur sein Instrumentarium souverän. Er spielt mit der eigenen Geschichte, zitiert die Gesten und Hooks des Britpop – aber sie kratzen nervös, ein melancholischer Grundton zieht sich durch, die Aufgekratztheit ist einem durch und durch nüchternen Blick auf die Welt nach 2010 gewichen. „Long live the strange“ rotzt er ihr entgegen, „It’s the fate of the young ones/Shaking all the nightmares.“ Die Krise – vielleicht ersetzt sie Posen und Positionen ja wieder mit Songs, die Schauer über den Rücken jagen. Was war nochmal KI?


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Rolands Nr. 2:
Róisín Murphy & DJ Koze – Hit Parade
(Ninja Tune)

Also der Albenname haut für mich schon sehr hin. Zwei haben sich tatsächlich gefunden. Produktionsseitig hat sich das wohl über die Pandemiejahre im Remote-Pingpong hingezogen, scheint mir doch ne nette Abwechslung gewesen zu sein, klingt dafür gar nicht zerpuzzelt, sondern erstaunlich homogen, also wohl über die Zeit amalgamiert: Stimme, Samples, greift alles wunderbar ineinander, Humor sowieso.

Was Erfahrung doch so ausmacht. Vier Fäuste für ein Hitalbum. Kann man eigentlich nur sagen: viel Spaß damit!


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Gregors Nr. 2:
bar italia – Tracey Denim
(Matador)

Wer erinnert sich nicht gerne an die Zeit zurück, als die Plattenkritik noch das Maß aller Dinge war? In verdrehten Print-Artikel geheimen Botschaften herauslesen, die zu dem nächsten großen Ding führen? LOL, aber cool! Rückblickend betrachtet ist diese Form des Rezipierens vielleicht vergleichbar mit den Rätselheften vom Kiosk, nur viel lehrreicher (unnützes Wissen und so). Wir alle wissen, was danach passiert ist, so zirka 2018.

Auch wenn man den Musikjournalismus nicht gleich für tot erklären muss, das, was bis heute an den Printauslagen im Einzelhandel überlebt hat, ist nun mal nicht meins. Stattdessen Switchen, Swipen und Adden wir, was das Zeug hält, wenn es ums Auffinden interessanter Neuerscheinungen geht. Und der liebe Gott ist ein Algorithmus. Heißt aber auch: Nicht jede Vormerkung, die in meiner „Bibliothek“ landet, hör‘ ich mir dann auch geflissentlich an. Und damit zu bar italia, klein geschrieben, dem Hype der Stunde aus London, der sich kurioserweise in kaum einer Bestenliste findet (warum eigentlich?). Es hat einen Augenblick gedauert, bis es bei mir Klick gemacht hat (gemeint ist das oldschoolige Klicken aus dem Maschinenraum). Sodann aber richtig und hoch und runter und immer mehr. Zu den 100 Dingen, die man in seinem Leben getan haben muss, zählt zweifelsohne der Besuch von Rough Trade West in Ladbroke Grove, und zwar just in dem Augenblick, in dem der Store-Betreiber eine Platte auflegt, der alle im Laden erliegen. Die Platte könnte von bar italia sein.

Die besten Alben 2023 – Plätze 6 bis 4

Carstens Nr. 6:
Young Fathers – Heavy Heavy
(Ninja Tune)

Der letzte Song auf dem nun wirklich einzigartigen Debütalbum von Massive Attack hieß „The Hymn of The Big Wheel“, ein langsam pluckernder Grower, der sich aus der Bristoler Triphopigkeit langsam ins Hypnotische schraubt. Neneh Cherry kommt hinter der Bassbox hervor und stimmt in den Kehrvers ein: „The big wheel keeps on turning / On a simple line, day by day / The Earth spins on its axis / One man struggles while another relaxes” Ein später Entschlüsselungsmoment.

Auf dem vierten Album der schottischen Young Fathers aus der russgeschwärzten Hügelstadt Edinburgh gibt es auch so einen Titel. Gut, ist der vorletzte, aber ich lass mir jetzt die Analogie nicht versauen. Bei „Holy Moly“ entlädt sich all die Düsternis und Schwere der Welt in einem choralen Mantra: „Oh won’t you come over / Better grab your chance / With both hands if you want to / Before we’re damned / Let’s go beyond the edge / To another plain / So much more to gain”. Ganz beruhigend, dass am Ende alles gut werden kann. Auf allen Songs zuvor schichtet das Trio in Talking Headsesker Happening-Logik Layer um Layer, bricht mit Stilvorgaben und Songstrukturen, ist wild und dunkel und wütend. Aber auch mutig und irgendwie erlösend. Gute Väter sind so.


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Rolands Nr. 6:
bdrmm – I Don’t Know
(Rock Action)

Wie Carsten schon bei seiner 10 feststellte: Shoegaze kann mittlerweile vieles sein (Eigentlich erstaunlich für ein Genre, das wie kaum ein anderes auf eine einzige Platte zurückgeht). Hier haben wir die vorrangig optimistische, stellenweise fast schon poppige Jungvariante, mit Elektrospielzeug angefüllt, wo es passt, aber die Gitarren eiern dennoch schön, klar und laut.

Wohin das noch geht, mal schauen, schlimmstenfalls in Richtung Schuhstarr-Schlager, bestenfalls in dessen Madchester (stell ich mir geilo vor).


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Gregors Nr. 6:
Nation Of Language – Strange Disciple
(PIAS)

„Strange Disciple” ist das dritte Album der Brooklyn-Band Nation Of Language innerhalb der letzten vier Jahre. „Introduction, Presence“, ihr Debüt aus 2020, wurde noch mit dem Hochzeitsgeld finanziert, das Sänger Ian Devaney und die Frau an den Synthesizern, Aidan Noell, von ihren Hochzeitsgästen geschenkt bekommen haben. Devaney: „We still haven’t had a honeymoon but we have the first record”.

Hoppla! Das zweite Album wäre ohne Minijobs wohl auch nie entstanden. New York muss man sich eben auch leisten können, um es zu lieben. Beide Alben waren aber letztlich so erfolgreich, dass die Umstände, unter denen nun „Strange Disciple“ entstanden ist – sagen wir mal – mehr Raum ließ? Die Band bezieht sich neben Kraftwerk, Can und New Order gerne auf „Electricity“ von OMD. Alles richtig. Müsste man die Aufzählung noch um ein Instrument ergänzen, wäre der Mini Moog zu nennen. New Wave und Synth-Pop eben. Und nie besser als gut produziert („Perfect is the enemy of the good”). Man hört, das Ehepaar hätte seit kurzem nicht mehr so viel Zeit, mit ihrer Katze Loaf in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung in Prospect Lefferts Gardens abzuhängen. Erfolg hat nun mal seinen Preis und wer seine Flitterwochen opfert, um womöglich die ganze Welt zu bereisen, hat alles richtig gemacht. Demnächst auch in deiner Stadt!  


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Carstens Nr. 5:
JIM – Loves Makes Magic
(Virious Charm Recordings)

Keine Ahnung, wieso ich bei JIM reingehört habe. Ich hatte einen ähnlichen Zufallsfund, als ich im Plattenladen der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, damals über ein Cover mit einer kitschigen Blumenmakrofotografie gestolpert bin. Doch während „Century Flowers“ von Shelleyan Orphan im Anschluss wenigstens von ein paar Eingeweihten gekannt wird, bin ich bei JIM immer noch recht allein auf weiter Flur. Nur in der Bestlist von Marcus „Bungalow Records“ Liesenfeld ist er auch aufgetaucht. Passt auch.

Ich hab das Cover auf Bandcamp gesehen. Rene Magritte meets Breughel. Und es hat mich so angeknipst wie einst Nick Drakes „Bryter Layter“ auf einem Flohmarkt in Paris. Und da ist auch schon das erste Fitzelchen, das man bei Jim Baron so aufspürt. Crosby, Stills und Nash auch. Und so ein wenig kalifornischen Blue Eyed Soul. Und dann aus dem Nichts noch so smoothe Westcoast-Beats.

Es ist ein wunderbares Album, durch und durch Songwritertum, nie zu bräsig oder verjammert, sondern gekonnt auf der Kante zwischen Sensibilität und Lässigkeit balancierend. Es muss schon seit Jahren quasi fertig im Kopf von Baron schlummern, der ansonsten in einem anderen Kontext zum Disco/Deephouse-Clan Crazy P. gehört. Völlig andere Welt. Hier ist er – vielleicht – bei sich, paart Melancholie mit Matureness und Rhythmus mit Gitarre. Es stimmt. Liebe kann zaubern.


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Rolands Nr. 5:
Isolée – Resort Island
(Resort Island)

Je nun, ich wusste, dass das passiert – ratet mal, von wem ich den Tipp bekam (auf meine Beschwerde hin, ich hätte dieses Jahr in Sachen Elektronik noch nichts Bezwingendes gehört). Tja, und seitdem dotze ich fröhlich mit. Isolées seit jeher vorhandenes Talent aus meiner Sicht ist: Sounds und Beats scheinen eigentlich nur halbfertig hingesetzt, daraus ergibt sich aber plötzlich der ganze Groove, das ist schon ein bisschen Zaubertrick.

Was eine schöne Spannung erzeugt: kommt einerseits sehr lässig daher, was zugleich sofortige Tanzenwollenenergie erzeugt.


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Gregors Nr. 5:
James Holden – Imagine This Is A High Dimensional Space Of All Possibilities
(Border Community)

Eigentlich ist die Geschichte der elektronischen Musik im Großen und Ganzen erzählt und man könnte sich geruhsam mit den zigtausend Alben aus der Vergangenheit vergnügen und die Entdeckungsreise der nachwachsenden Generation überlassen. Alt ist das neue Neu. Ist natürlich zu einfach gedacht und hat wenig mit Lebenslust zu tun. Erfinderisch zeigt sich der 44-jährige Brite auf seinem vierten Longlayer also nur beim Albumtitel, der Sound selbst bleibt erkennbar selbstreferentiell und basiert im Wesentlichen auf den bekannten holdenschen Retrotexturen und seinem retrofuturistischem Ideenreichtum.

Das klingt dann nicht nur besonders schlau, sondern auch ziemlich ausgefallen. Als besonders gelungen empfinde ich, wie Holden quasi unentwegt auf Höhepunkte hinarbeitet, die dann einfach nicht kommen. Das ist grenzwertig verwirrend und genau daraus bezieht das Album seine spirituelle Kraft und Magie.


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Carstens Nr. 4:
Unknown Mortal Orchestra – V
(Jagjaguwar)

It’s in the blood. Ruban Nielson ist eine der Gallionsfiguren der Neo-Psychedelic-Welle in Australasien, neben Kevin Parkers Tame Impala und vielleicht noch den Spinnern von King Gizzard & the Lizard Wizard. Der Sound ist in dieser Region der Erde fest verwurzelt, wurde da eins von den Beatles und Grateful Dead losgetreten, und wird jetzt wieder zurück importiert. Ein fast traditioneller Vorgang.

Nielson, mit hawaiianischen Wurzeln ausgestattet, folgt diesem Pfad, und meldet sich aus seiner neuen Heimat Kalifornien zurück. Doch dieses – boah große Worte – White Album-hafte Doppelalbum ist nur an der Oberfläche eine trendige neue Manifestation von UMO. Unter der wie gewohnt perfekt lackierten und veredelten Oberfläche geht es depressiv zu. Nielsons ohnehin nicht ereignisarmes Liebesleben eskaliert und drückt, der Zustand der Welt geht unter die Haut.

Und das ist der große Unterschied zu den anderen Stylern der Genres: Hier wird viel von kulturellen Wurzeln gelebt, bahnen sich australasiatische Folklore und Popkultur immer wieder Schneisen im Psychopop-Dschungel, aber man bleibt hängen in der Introspektion und der persönlichen Not, die einen so nah und universell berührt, als käme sie von einem schwermütigen Nachbarn. Ich bin schwer beeindruckt und rechne mit noch besseren Metaphern, wenn die Vinylausgabe endlich unterm Weihnachtsbaum liegt, und ich noch mehr eintauchen kann.


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Rolands Nr. 4:
James Holden – Imagine This Is A High Dimensional Space Of All Possibilities
(Border Community)

In Bezug aufs Albenküren hätte ich dieses Jahr vielleicht nicht mit Gregor auf dreitägige Wanderung gehen sollen, da haben wir natürlich auch ausgiebig über Musik geredet und so schon gemeinsame Favoriten herausgearbeitet – so dass wir also vielleicht deswegen auch mehr Gemeinsames zu nennen haben als in den Jahren zuvor…

James Holdens Album hatte ich zu dem Zeitpunkt schon nach erstem, oberflächlichem Hören als uninteressant weggelegt, nach Gregors vorsichtigem Veto aber auf der Rückfahrt unserer Tour, im ICE sitzend, nochmal auf die Playliste gebracht und da, im Abendlicht durch die hessische Hochebene rauschend dann doch noch meine Epiphanie gehabt: ziemlich großartiges Album.

Es ist schon auch als Trip zu hören, mir scheint, sehr bewusst organisch angebaut, es zirpt, flötet und sprotzelt, gibt mehr Wellen als strenge Takte – ich möchte sagen: fast schon eine heidnische Feier ( glücklicherweise aber ohne jede auch nur ansatzweisen religiösen Anklänge).


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Gregors Nr. 4:
Róisín Murphy & DJ Koze – Hit Parade
(Ninja Tune)

Róisín Marie Murphys Moloko-Phase ist mehr oder weniger spurlos an mir vorbeigegangen. Klar, „Sing it back“ ist ein Evergreen, aber um ehrlich zu sein: Verführung auf der Tanzfläche hört sich für mich anders an (oder etwas drastischer gesagt: ganz übel, dieser Song). Es hat also ein gutes Vierteljahrhundert gedauert, bis ich überhaupt bereit war, den Verführungskünsten der irischen Sängerin erliegen zu wollen. Genau genommen war das im Jahr 2021, als ich an „Róisín Machine“ geraten bin und bis heute glaube: House at its best auf Albumlänge. Kommt etwa so selten vor wie Hochwasser in Hamburg, sofern ich das beurteilen kann.

„Hit Parade” kann da vielleicht nicht mithalten, aber Murphy und Koze im Duett? Das klingt nicht nur auf dem Papier wie ein Dream Team. Was wohl passiert, wenn zwei Rezepte im gleichen Topf landen? Auf jeden Fall wird kein Eintopf draus. Selbst verkocht besteht „Hit Parade“ weiterhin aus zwei Tonspuren. Die eine ist für Murphy reserviert, die andere besteht aus dem unverwechselbaren Soundallerlei Kozes. Murphy hat sich dadurch einmal mehr neu erfunden und Koze, der Underground-Hüne mit Exzellenz-Prädikat, wird plötzlich ein Fall für den roten Teppich. Die gegenseitige Anerkennung aber, man spürt sie bis in die tiefsten Ebenen des Albums hinein.