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Die besten Alben 2023 – Plätze 10 bis 7

2023 ist fast aufgebraucht, wir melden uns wieder zum Küren der Jahresbesten. Es freut uns ganz besonders, dieses Mal unseren langjährigen Herzensfreund Carsten mit dabei zu haben. Er wird, Ehre wem Ehre gebührt, die Platzierungen auch anführen. Schon jetzt zeigt sich, dass er wesentlich auskunftsfreudiger ist als wir zwei krummen, maulfaulen Birken. Was für eine Freude!

Carstens Nr. 10:
Slowdive – Everything is alive
(Dead Oceans)

Ich würde ja gerne behaupten, damals dabei gewesen zu sein. Aber als Slowdive 1993 „Souvlaki“ veröffentlicht haben, ihr unverständlicherweise wie ein Grillspieß benanntes zweites Album, da war mir „Wild Wood“ von Paul Weller irgendwie näher. Oder auch das Debüt von Björk. Eigentlich ging das fast allen so, denke ich. Das, was später Shoegaze hieß, war Anfang der 90er nur ein Nachklapp des vorherigen Jahrzehnts, und meiner Meinung nach damals schon von den Cocteau Twins abschließend erläutert. Auch der Chef des Slowdive-Labels Creation, Alan McGee, hat im selben Jahr das Hallpedal verschämt in Blisterfolie gepackt, und lieber eine Teenieband namens Oasis gesignt. Nun gut, hinterher verklärt sich das alles. Ich denke ja auch immer, ich wäre ein Mod gewesen.

Heute ist Shoegaze und das überlappende Dream Pop-Genre ein fester Bestandteil der Internet-Indie-Szene, aber neben einem Wust an soßig klingenden Homerecordings gibt es da nur wenige echte Highlights. Da kommt dem neuen Slowdive-Album eine ganz praktische Bedeutung zu. Jetzt gilt ihr Frühwerk als stilbildend, ja epochal. Und das führt bizarrerweise dazu, dass „Everything is alive“ heute viel erfolgreicher ist, als Slowdive es früher jemals waren. „30 years on, and their music just gets BETTER????“, schreibt jemand auf YouTube. Da habe ich ob der Wahrheit mal gekichert. Gibt bestimmt Poptheoretiker, die darüber nochmal sinnen wollen, und optional einen Bezug zu den Joy Division T-Shirts bei H&M herstellen.

Aber ich bin ja fürs Pragmatische: Das Album klingt so, wie Dream Pop laut Spotify heute klingen soll, ätherisch, mit mehr Waber- als Gitarrenfundament, schwebender Doppelgesang, Shimmer-Reverb, you get the idea. Sehr geschmackvoll und auch trickreich gemacht. Vor allem „kisses“ (natürlich klein geschrieben) ist eine Blaupause für die aktuelle playlistenkonforme Interpretation des Genres. Könnte alles etwas rotz- und noisiger sein, denke ich mir noch. Aber dann, beim 4. Durchlauf erinnere ich mich plötzlich überdeutlich, wie Slowdive damals total mein Leben verändert haben, 1993 mit „Souvlaki“ war das, und ihre Rückkehr jagt mir Schauer über den Rücken. Welch epochales Comeback. Vor allem für mich. Dem Shoegazer der ersten Stunde.

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Rolands Nr. 10:
Melenas – Ahora
(Trouble in Mind)

Meiner Erinnerung nach ein letztes Geschenk von Twitter, also per Empfehlungslink drauf gestoßen, bevor ich jene Müllgrube endgültig verließ. Scheint mir eine schöne Abschlusspointe, so ausgerechnet auf eine spanischsprachige Frauenband zu stoßen – weil das (dem Klischee nach) nicht dem Geschmack eines Muskfanboys entsprechen sollte, dem eines Musikfanboys aber schon. Melenas als spanische Stereolab zu verkaufen, ist vielleicht ein bisschen stark, aber in die Richtung geht es. Es schweineorgelt übers ganze Album hinweg, geht immer ordentlich geradeaus und ist zwar retro, aber keine langweilige 1:1-Reproduktion von Vorgängigem.

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Gregors Nr. 10:
Arooj Aftab, Vijay Iyer & Shahzad Ismaily – Love in Exile
(Verve)

Kontinentale Klanglandschaften aus Atem, Wummern und hypnotischen Klavierlinien. Dieses friedvolle Miteinander der verschiedensten Instrumente ist schon beachtlich, das harmonische Miteinander in jedem Ton spürbar. Ich wusste gar nicht, dass man beim Musizieren so viel Rücksicht aufeinander nehmen kann, also hörbar gestalteter Respekt. „Love in Exile” ist ein kleiner, großer Trip, für den man sich Zeit nehmen muss, sehr viel Zeit. Steht sehr im Widerspruch zu den konsumistischen Färbungen unserer Übermaß-Gesellschaft, gerade deshalb sollte man sich direkt einen Therapieplatz sichern.

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Carstens Nr. 9:
CVC – Get Real
(CVC Recordings)

So ein wenig der Schlachtruf der Indiepop-Szene 2023 ist das schon, „Get Real“. MGMT haben kurz vor Schluss noch einmal bei Oasis angedockt und das 90er-Songwriting entdeckt, und CVC aus Wales (Wales! Da wo Robbie Williams und Tom Jones herkommen! Und die Stereophonics!) feiern den gekonnten AOR-Rock von Fleetwood Mac („Knock Knock“), America und den amerikanischen Roots Rock („Woman of Mine“). So wie überhaupt Wales immer dick in the USA war. Natürlich immer mit einem schlauen Blick auf das, was im zeitgenössischen Indieradio machbar ist („Music Stuff“). Da nickt die Hipsterin gefällig, da freut sich der ergraute Radioredakteur.

Der klassische Adult Rock der Westküste, er ist nicht nur spießige Kulisse für Rockisten wie Thomas Gottschalk und Toto verehrende Bass-Spieler in ihrem Mancave, sondern auch eine ewige Inspiration für moderne Geschmacksübungen mit Bandmaschine und Harmoniegesang. Auf dem Album groovt und wohltönt es aus allen Ecken. Wer es ironisch finden muss, um es auszuhalten, von mir aus. Funktioniert aber auch in echt.

Was es vor allem aufgerauht charmant macht: Die – selbstverständlich Moustache tragenden – Waliser sind immer noch ungebügelt, die Studioaufnahmen etwa 1,2 Millionen Dollar billiger, und das nasale Gesundheitsbewusstsein viel größer als bei den Vorbildern damals in Sausalito und dem Laurel Canyon. Beim Satzgesang von Francesco Orsi und seinen Kumpanen ist die Haltung denn auch größer als die Perfektion. Keine Zitatesammlung also, sondern ein unaufdringlich geschichtsbewusstes und gut durchblutetes Rockrevival.

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Rolands Nr. 9:
The Murder Capital – Gigi’s Recovery
(Ada)

Die nächste gefeierte Dubliner Postpunkband, gab’s gefühlt die letzten Jahre jedes Jahr eine von. Ich springe trotzdem gern auf den Hypetrain, denn es wird eben ordentlich raufgewummst, der Schlagzeuger spielt mit den dicken Stöcken, Gitarren haben ausreichend Schmackes und Drive, dazu gibt’s glasklaren, croonernahen Gesang (bei etwas generischen Texten allerdings). Gute Mischung aus Druck und Melodie also – dürfte meiner Zielgruppenanalyse nach deshalb durchaus in die mittelgroßen Hallen führen. Würde ich mir tatsächlich selbst auch gerne live geben.

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Gregors Nr. 9:
Wednesday – Rat Saw God
(Dead Oceans)

Wie soll ich das jetzt in zwei Sätzen erklären? Dieser ganze 70er-, 80er- und 90er-Kram hat ja nie wirklich ein Ende gefunden, alle drei Musikjahrzehnte stehen letztlich für eine ganze Epoche, die so schnell nicht enden wird. Heißt im Fall von Wednesday: Die 90er sind mal mehr und mal weniger ständig und überall, auch in „Rat Saw God“. Klasse Album, das bereits fünfte Wednesday-Album in fünf Jahren von der Hinterland-Band aus Asheville, North Carolina. Im Kern geht es in den Songs um die Jugend von Sängerin Karly Hartzman und das man nicht unbedingt in der Großstadt wohnen muss, um im Alkoholrausch vor das Haus der Eltern zu kotzen. Es geht also auch um die eigene Jugend. Musikalisch passiert ebenfalls unfassbar viel Spannendes, von Pixies bis Country, von Screamo bis Fuzz alles dabei! Shout out loud!

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Carstens Nr. 8:
Harp – Albion
(Bella Union)

Zu den auffälligsten Bands der Nuller- und Zehnerjahre gehören für mich ja Midlake, die komplizierten Musikstudenten aus Denton, Texas. Auf dem von den Cocteau Twins Robin Guthrie und Simon Raymonde gegründeten Bella Union Label erschienen, wie so viele wichtige Künstler der Ära (Beachhouse, John Grant, Fleet Foxes). Mit zwei bezwingenden Alben („The Trials of Van Occupanther“, „The Courage of Others”), die den britischen Folk der 70er und die feinsinnige Eleganz von Lindsay Buckingham mit dem zarten Gesang von Tim Smith zu einem intimen, melancholischen Kosmos verbanden. Voller Naturlyrik und Introspektion. Und wahrscheinlich brutal anstrengenden Studiodiskussionen. Nerds eben. Und dann auch noch ausgebildete Jazzer. Klingt übel.

Tatsächlich kam es dann auch zum Beatles-Moment, und Smith verließ, sich selbst anklagend, den Rest der Band, nachdem er die Sessions des Nachfolgealbums unerträglich in die Länge gequatscht hatte. Eine Katastrophe. Midlake wandelten sich in der Zeit danach zu einer eher nur okayen Muckertruppe. Und Smith? Ich habe ihm 2013 auf Facebook geschrieben, seine Songs gepriesen, und, wie viele andere, ungeduldig um ein Soloalbum gebettelt. Schließlich hatte er schon eine Website mit dem vielversprechenden Bandnamen „Harp“ in die Welt gesetzt. Er hat mir geantwortet, war ganz sensibler und dankbarer Künstler, und eine Mailingliste angeführt, auf der er sich bei den Fans melde.

Hat er auch. So alle 2 Jahre. Kunst hier, Scheidung da, Geduld hier, Umzug und neue Heirat dort. Und dann, vor wenigen Monaten – 10(!)Jahre später: „Ich bin fertig.“ Ich habe fast geweint. Nein, nicht fast.

Und nun? Er macht da weiter, wo er aufgehört hat. Mit all der Mystik und Zartheit und ich war bei der ersten Single „I am the seed“ völlig entrückt. Allerdings hat er nun nach eigenem Bekunden die 80er entdeckt. Heißt, er lobpreist Baritongitarren mit Chorusdröhnerei und fummelt mit einem JX8P-Synthesizer rum. Und findet Faith toll. Das schwarzweißeste Cure-Album. Ist prinzipiell zu begrüßen, allerdings wird es, wenn er wie bei „Throne of Amber“, dann im Mittelaltermarkt-Cape durch den Nebelwald hetzt, auch ein wenig – lieber Tim, verzeih – albern. Es gibt eben Zeitgeistmomente, die lassen sich nicht in die Gegenwart holen. Doch sei es drum. Er ist wieder da. Und es ist ein Debüt. Vielleicht rüttelt sich dann bei der nächsten Platte 2031 alles wieder zurecht. Ich bleib dran, wir schreiben, Tim, gell?

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Rolands Nr. 8:
Anthony Naples – orbs
(ANS)

Ein Slowburner, gilt sowohl für die Musik selbst als auch für deren mähliche Wirkung. Ambientartiges, mit deutlichen Dubtechno-Einflüssen. Bewusste Zeitlupe gleich zu Anfang, die ersten schweren Basslinien setzen ein, alles irgendwie sehr erwachsen, ganz gemach und unspektakulär. Ein gutes Begleitalbum. Bei mir etwa im Einsatz gewesen auf nächtlichen Heimwegen durchs nasskalte Berlin – Asphaltpfützen, in denen Neonleuchten sich spiegeln, dürfte tatsächlich die ziemlich genaue visuelle Entsprechung hierfür sein – beschallte mich auch sehr gut während konzentrationsintensiver Arbeitstätigkeiten (weil: ausreichend eintönig und doch abwechslungsreich genug).

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Gregors Nr. 8:
P.J. Harvey – I Inside the Old Year Dying
(Partisan)

Und noch mal Coming-Of-Age. PJ Harveys zehntes Album basiert auf ihrem Gedichtband „Orlam“ von 2022. Darin wird die Geschichte eines neunjährigen Mädchens erzählt, die im kleinen Dorf Underwhelem im Westen Englands aufwächst und dort die Unschuld ihrer Kindheit hinter sich lässt. Harvey schrieb die Gedichte in einem alten Dorset-Dialekt, an den sie sich noch aus ihrer Jugendzeit erinnerte. “Voul village in a hag-ridden hollow. All ways to it winding, all roads to it narrow” – Underwhelem ist ein übler Ort der Gewalt und des Aberglaubens. Wen man wie ich Nick Cave für den größten lebenden Songwriter der Gegenwart hält, kommt man nicht umhin, in P.J. Harvey das weibliche Pendant zu erkennen. Polly ist eine betörende Erzählerin und eine meisterhafte Virtuosin, ihr Gespür für Geheimnisvolles im übergroßen Raum der Melodie unerreicht. Auf dem Album finden sich neben dem klassischem Instrumentarium jede Menge Field Recordings, die sie zum Teil von Sounddesignern zur Verfügung gestellt bekommen hat, die sie beim Komponieren von Theatermusik kennenlernte. Das muss man sich dann so vorstellen: „Kann ich Wind haben, der im November durch einen Stacheldrahtzaun bläst?“ Die Antwort: „Yeah, here you are!“

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Carstens Nr. 7:
bar italia – Tracey Denim
(Matador)

Tempo, Tempo. Wenn die Hype-Maschine Londons angesprungen ist, dann gilt es keine Zeit zu verlieren. Für gewöhnlich bleibt dann ein halbes Jahr, in dem sich entscheidet, ob Tüllrock oder Plateausandalen nun wirklich heiß, oder total peinlich sind. Bar Italia wissen das natürlich, und haben 2023 gleich zwei Alben rausgehauen. Das Letzte schon fast glamourös im Homestudio auf Mallorca. Wahrscheinlich um dem Druck zu entgehen. Aber während die im November erschienene Sammlung „The Twits“ versucht, es allen recht zu machen („Auch mal was Fetziges“, „Mehr von euch beiden im Duett“, „Mehr wie Velvet Underground klingen“), und dabei so ein wenig bemüht wirkt, hat „Tracey Denim“ dieses Problem noch nicht.

Karg und lakonisch blättern Nina Cristante, Sam Fenton und Jezmi Fehmi da durch dicke Ordner mit Copyshop-Flugblättern und verhuschten Schwarzweissbildern. Spröde und introspektive Songs. Klingeling-Gitarren, auch mal mit etwas Fuzz-Gesumme und ein Gesang, der nie mehr als 70% gibt. Einprägsame Hooks kommen eher da eher durch Zufall durch.

Hornbrillen-Postpunk, der gut abgehangene Referenzen von Stereolab bis Sonic Youth durchscheinen lässt. Breites Grinsen nonstop beim Hörer. Und trockener Slackerhumor auf der Bandseite: „yes i have eaten so many lemons yes I am so bitte”, heißt da ein Song, ein Perspektivwechsel auf Kate Nashs Boyfriend-Diss „Foundations“. Mainstream ist halt Mist. Bitte dringend dabei bleiben.

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Rolands Nr. 7:
Yo La Tengo – This Stupid World
(Matador)

Yo La Tengo eher Name als Erfahrung für mich. Klar, immer wieder mal drüber gestolpert, aber nie wirklich intensiv gehört. Ob das vorliegende Album nun ihr vierzehntes oder siebzehntes ist, keine Ahnung, warum dieses plötzlich aus allen Richtungen empfohlen und besprochen wurde, weiß ich nicht, ob es aus dem bisherigen Oevre besonders hervorsticht, mag ich nicht zu beurteilen. Das erzeugte Echo jedenfalls hat genügt, dass ich es mir mal bewusster angehört habe und also drauf hängenblieb. Wer die ruhigeren Sonic-Youth-Sachen mag, wird das auch mögen. Ganz offenbar eine gut gealterte Band und die Platte selbst dürfte sich auch gut halten.

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Gregors Nr. 7:
Isolée – Resort Island
(Resort Island)

Zwölf Jahre nach seinem letzten Album „Well Spent Youth“ auf Pampa Records gibt’s endlich Nachschub von Rajko Müller alias Isolée und ich möchte mal vorsichtig behaupten: das vierte ist zugleich sein bestes Album. Das ist insofern erstaunlich, als dass er seine Kunst schon vor 25 Jahren zur Meisterschaft geführt hat. Wenn es nach seinen hohen Ansprüchen geht, besteht die große Herausforderung wahrscheinlich darin, sich nicht zu wiederholen, was mit wachsender Schaffenszeit einen beträchtlichen Raum einnehmen dürfte. Und überhaupt: Isolée wollte ja immer Musik für den Strand machen, aber nicht Teil der Party sein. Lässig, aber nicht belanglos. Optimistisch, aber nicht oberflächlich. Hellklar produziert und trotzdem eigenwillig. Das kann dann alles ganz schnell konstruiert klingen, tut es aber nicht. „Resort Island“ ist ein Album für Träumer und Isolée bleibt für mindestens weitere zwölf Jahre der Liebling des Undergrounds.

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Die besten Alben 2022 – Plätze 1

Gregors Nr. 1:
Bonobo – Fragments
(Ninja Tune)

»Plätscher plus Treuepunkt. Schatz, ich liebe dich!« (Gregor; 16.05.2013). »Bonobo ist Spaghetti Bolognese in Sound. Kannst Du im Grunde immer wählen, gerade dann, wenn du dir keinen Kopf ums Auswählen machen willst, konstant lecker und nahrhaft.« (Roland; 25.10.2010). »Spätestens jetzt hat Simon Green einen Platz auf der Weltkarte sicher« (Gregor; 23.09.2006). Was vor 16, zwölf und neun Jahren galt, hat auch heute noch Bestand: Bonobo ist einer der besten Sauciers der Welt. Ihn nun aber aufs Plätschern zu reduzieren, wäre ungerecht, dazu pumpt der Sound an vielen Stellen einfach zu oft im Zentrum. »Fragments« ist ein sehr abwechslungsreiches Album geworden: Dancefloor, Fahrstuhl, Harfe, Saxophon und Geige – alles irgendwie zu finden. Dafür gab es Lob und Kritik, auf Pitchfork sogar niederschmetternde: »Bonobo’s latest work still carries some of the worst traits of his earlier records, leaning so deeply into relaxation that it loses urgency altogether«. Der Übergang vom Wachzustand in den Schlaf ist auch auf »Fragments« fließend. Entspanne ich noch oder schlafe ich schon? Für mich war es jedenfalls (auch in Ermangelung von Alternativen) für ein paar Wochen die perfekte Hintergrundmusik.


Rolands Nr. 1:
Max Cooper – Unspoken Words
(Mesh)

…und eine mögliche Alternative für Gregor hätte auch dies hier sein können. Am Ende treffen wir uns also doch in ähnlichen Gegenden, allem Gitarrengeraune zuvor zum Trotz. Max Coopers Album jedenfalls ist eine der seltenen Fälle von: beinahe schon zu voll, überreich. Gilt sowohl in der Tiefe, also dank der viele Layer bei den einzelnen Stücken, als auch in der Breite, auf die ganze Strecke. Irgendwie dabei auch organisch so selbstverständlich geformt, dass es sich fast unbemerkt und immer häufiger in meine Hörenwollenanlässe schmuggelte, und also ich erst relativ spät merkte, ach so, das ist das beste Dings aus/in 22.

Die besten Alben 2022 – Plätze 2

Gregors Nr. 2:
Fountaines D.C. – Skinty Fia
(Partisan Records)

Ich bin großer Fan vom Musik-Journalismus alter Prägung, diese hingeschriebene Kennerschaft und Hintergründigkeit, die man von der gegenwärtigen Empfehlungsöffentlichkeit nicht voraussetzen darf. Wir wissen alle, dass es nicht gut gestellt ist um diese Zunft, der mit wenigen Ausnahmen der Sprung ins Netz misslang (wie auch, wenn alle in Facebook und mit Spotify rumdaddeln?). Kurzum: Was mir fehlt, ist ein Magazin, dass meine musikalischen Vorlieben jenseits der Gitarren lenkt. Es bleibt dieses Jahr also ROCKIG. Dem dritten Album der irischen Fountaines DC gelingt das seltene Kunststück, die beiden kongenialen Vorgänger noch ein ganz klein bisschen zu übertreffen. Dass »Skinty Fia« in Irland und England auf die Eins in den Albumcharts gegangen ist (in Deutschland immerhin Platz 5), liefert zwar keinen Anhaltspunkt für ihren anhaltenden akustischen Höhenflug (was sind Charts eigentlich?), darf aber als positive Errungenschaft gewertet werden. »Skinty Fia« ist trocken, düster, entschleunigt und für eine Strandparty kaum zu gebrauchen (ein zweites »Boys in the better Land« sucht man vergeblich). Neben kunstvollen Joy-Division-Momenten finden wir Cure-Gitarren und ja, mit den Arctic Monkeys teilen sie sich den Spint. Alles wirkt ein bisschen verliebt und verlassen. Schön, dass es das noch gibt!


Rolands Nr. 2:
Black Country, New Road – Ants From Up There
(Ninja Tune)

Die unvermeidliche Begleitgeschichte zum Album: Sänger/Songwriter Isaac Wood erklärt kurz vor Erscheinen des Dings seinen Austritt aus der Band, aus persönlichen Gründen, die psychische Gesundheit. Die Restband sagt die Tournee ab und erklärt, dass sie auch künftig die bisherigen gemeinsamen Songs nicht live spielen wird und also zu einer Neuerfindung sich wird zwingen müssen. (Weshalb es jetzt nur wenig Aufgezeichnetes gibt, z. B. dieser eine Mitschnitt, aus dem das untenstehende Video den Schlusssong zeigt). Mitten im steilen Aufwind also Full Stop, schon seit der vorigen EP war der Hype ordentlich am Flattern. Aber der kam tatsächlich auch aus der Musik: mit BCNR, behaupte ich jetzt mal, kommt eine gewisse Dringlichkeit zurück, auch wenn da unleugbar auch prätentiöses mitschwingen mag. Das Ergebnis ist wild und eklektisch (ich mag z. B. die Minimal-Anleihen), mit deutlichem Willen originell sein zu wollen, mir sagen die Lyrics sehr zu, mit Ihrer Mischung aus Profanem und Magischem, da stören mich dann auch Doppelsteggitarre und Saxofon weniger, als sie es in anderen Kontexten täten.

Die besten Alben 2022 – Plätze 3

Gregors Nr. 3:
Wet Leg – Wet Leg
(Domino)

Vor drei Monaten noch hatte ich keine Ahnung davon, wie alles zusammenhängt. Ganz weit hinten klingelte es nicht wirklich identifizierbar: »Harry Styles already ranked among the biggest pop stars in the world«. Ich kannte zuvor weder ihn noch seine Boygroup, war auch nicht interessiert. Bis Mitte September, bis zum Kinostart von »Don’t Worry Darling« (R: Olivia Wilde), in dem er einen Ehemann in einer utopisch geführten Gemeinschaft spielt – bestenfalls im Schatten der großartigen Florence Pugh, dort aber richtig gut. Jener Styles also, mit dem ich darüber meine Bekanntschaft machte, covert wenige Monate nach dem Release den bisher vielleicht größten Hit der Wet Legs: »Wet Dream«. Dass seine verweichspülte Fassung mehr Klicks auf YouTube zählt als das Original, ist eine andere Geschichte (und gemessen an Styles‘ Popularität nicht weiter verwunderlich). Denn klar: Wet Leg spielen lupenreinen 90s Indierock, dicht dran an Le Tigre und den Breeders. Kennt noch jemand die genialen Queen Adreena? Auch das klingt an. Klick-Millionäre klingen jedenfalls anders. Was im 90er-Indierock aber noch wie aus dem Moment geboren klingt, ist bei Wet Leg sauber durchproduziert bis ins letzte Detail. More pop less Punk! Großartiges Album einer tollen Band von der Isle of Wight, die demnächst im Vorprogramm von Harry Styles zu sehen ist.


Rolands Nr. 3:
Fort Rameau – Being of Light
(Ghostly International)

Fort Rameau ist Michael Greene, fest installiert seit Jahren in Sachen House und mir völlig unbekannt bis hierhin. Das Album ist Entsprechendes und ich kann dann auch wenig mehr sagen, außer, dass es mir extrem gut reinläuft, weil es wieder eher entspannteres Grundtempo liefert und zugleich sehr abwechslugreich innerhalb der Genregrenzen sich zeigt. Einfach gute elektronische Musik, was soll ich sagen!

Die besten Alben 2022 – Plätze 4

Gregors Nr. 4:
Die Sterne – Hallo Euphoria
(PIAS / Rough Trade)

Ich bleibe dabei: Das mit den Videos wird bei den Sternen nichts mehr. Lasst die Finger davon! Selbst ein Testbild wäre interessanter. Aber egal. Nachdem mich die Geschichten und Melodien von Frank Spilker nun schon mein dreiviertel Leben lang begleiten, wird es allmählich Zeit für ein Treueschwur: Ja ich will! Ich will mehr davon und noch ganz lange. Ich freue mich auf ihre Best-Of-Tour zur Jahrtausendwende mit Shows, die Bruce Springsteen-Länge haben und trotzdem nicht alle Hits enthalten, da der Hallenwart ungefragt das Licht anschaltet. »Die Welt wird knusprig« ist vielleicht nicht ihr stärkster Song auf »Hallo Euphoria«, in dem noch jungen und an Sexyness kaum zu übertreffenden Genre »Deutsche Songs zur Umwelt- und Klimakrise« aber gleich hinter dem All-Time-Klassiker »Naturtrüb«. In beides reinhören!


Rolands Nr. 4:
caroline – caroline
(Rough Trade)

Ist zwar jetzt grad vorbei, aber: ginge stellenweise auch als Weihnachtsplatte durch. Ich hege durchaus ein ambivalentes Verhältnis dazu, denn: Acht Musiker*innen ua. mit Violine, Cello und Harmoniegesang, während Krach zwischendurch sich aufhäuft, funktioniert bei mir einfach gut. Allerdings auch immer wieder ziemlich nerviges Muckertum bei: manchmal weißte halt nicht, übense oder schlimmer – „jammen“ sie noch oder ist das gerade noch ein Stück Song. So zerfällt das Album am Ende immer weiter in so Schring-Schring-Brocken. Weil mich das aber auch in jedem Sinne ein bisschen aufregte, am Ende doch das meist gehörte Album in 22.

Die besten Alben 2022 – Plätze 5

Gregors Nr. 5:
Yard Act – The Overload
(Zen F. C., Island Records)

»Ich hau so gerne in die Saiten! Hauptsache Druck und es ist laut!« (Eszella Garni). Yard Act, das sind fette Stromgitarren aus Leeds, der gerechte Hype des Jahres. In einer halbwegs sorgenlosen (und womöglich pandemiegebeutelten) Zeit produziert. England in der Krise, aber Energie war noch bezahlbar. Womöglich ist die Zeit des schmalen Geldbeutels für das Quartett bereits Geschichte, denn einiges deutet darauf hin, dass zwischen Inflation, Miete Strom und Gas inzwischen Einklang herrscht (Quelle: Klickzahlen, Medienaufmerksamkeit, Hallengröße der Live-Auftritte). Okay so! Ihrer kapitalismuskritischen, linken, dem Hüpfhop verpflichtete Grundhaltung tut das keinen Abbruch. Yard Act sind dichter an den Sleaford Mods, Art Brut und – für die Älteren – Gang Of Four – dran als am Britpop der goldenen 90er. Gehackter Postpunk, wenig Wand und nicht besonders populär ausgearbeitet in der Melodiebewegung, aber dennoch etwas für die Massen. Das Jahr 2022 gehört der Subkultur in Großbritannien. Ich würde sehr gerne wissen, wie sich das in den Clubs und auf den Straßen bemerkbar macht.  


Rolands Nr. 5:
Rosalía – Motomami
(Columbia)

Das produktionsseitig vielleicht interessanteste Album dieses Jahres. Jeder Ausschnitt / einzelne Song führt wahrscheinlich erst einmal in die Irre, bzw. zeigt nicht, was sich da insgesamt hybrid zusammenformt. Mal zuckersüß harmonisch, mal komplett Haudrauf, hier traditioneller Latin, da forciertes Beat-Gewitter undsoweiter und fort. Jedenfalls das Gegenteil von Langeweile.

Die besten Alben 2022 – Plätze 6

Gregors Nr. 6:
Cari Cari – Welcome to Kookoo Island
(Perla Nera Records)

Oha, Musik aus Kookoo Island. Noch so ein Pandemiealbum, diesmal nicht im südfranzösischen Landhaus entstanden (siehe Pink Shabab) sondern im Studio eines österreichischen Nationalparks. Soweit so Kookoo. Die Musik klingt dann auch sehr kookoo: Staub, Schweiß, Surf und Sand, hinlänglich konturgetreuer Throwback-Rock’n’Roll, Summer of Love und viele aufregende What-the-Hell-Momente. Überleben auf einer einsamen Insel, auf der man ganz für sich sein kann. Und über all dem ergießt sich ein euphorischer Gesang, der das ganze Durcheinander zusammenhält. Wer Cari Cari auf der Insel besuchen möchte, sollte unbedingt das Ruderboot nehmen. Und ganz wichtig: Handy zuhause lassen!


Rolands Nr. 6:
Axel Boman – LUZ
(Studio Barnhus)

Axel Boman brutzelt Techno und House auf mittlerer Flamme und würzt mit Ironie – ähnlich wie Freund DJ Koze. Insgesamt eine ziemlich unterhaltsame Suppe also, mehr zum Mitwippen als Abhotten, das kommt auch meinem mittlerweilen Naturell entgegen – um nicht Alter sagen zu müssen, in dem der Job längst über den Club gesiegt hat. (Zeitgleich zum Album LUZ erschien noch ein weiteres (Quest for Fire), das sich spiegelbildlich zu diesem Verhalten soll, ich aber tatsächlich eher als schwaches Echo empfand.)