jahresrückblick

Die besten Alben 2015 – Plätze 6 bis 4


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Rolands No. 6:

Beach House – Depression City
(Pias Coop / Bella Union / Rough Trade)

Beach House. Jaha, schooon wieder. Fast ist es mir selbst langweilig. Aber was willste machen. (Und dieses Jahr haben sie auch noch zwei Alben rausgebracht, be warned!)

Depression Cherry reduziert und konzentriert nochmal den sowieso stark reglementierten Beach-House-Sound, the Haiku of the Haiku – Traumwandeln ist auf der Stelle treten. Dieser Suppenwürfel gefiel dann auch den meisten wohl weniger, der wenigwöchige Nachfolger wurde meiner Wahrnehmung nach schon wieder mehr gefeiert. Ich aber mag es offenbar noch elegischer, die Synth- und Drummachine-Sounds noch billiger und alles so eingedampft, bis du die Knochen siehst / schmeckst. Könnte auf Dauer meine Lieblings-Beach House werden.


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Gregors No. 6:

Flanger – Lollopy Dripper
(Nonplace)

Das Wesen unserer Zeit: die Nervosität. Bei Flanger alias Atom™ & Burnt Friedman in eine Schleife gegossen. Zehn Jahre sind seit »Spirituals« vergangen und noch viel mehr seit ihrer Gründung 1997. Und nun »Lollopy Dripper«. Es verhält sich wie mit dem Igel. Nicht jeder, der kein Lebenszeichen von sich gibt, ist wirklich tot. Im Gegenteil. ADHS steht im Raum. Und Zuckungen am Auge und im Bein. Clicks und Cuts in Jazz-Texturen. Körperspannungen. Das komplette Zappelprogramm. Der akustische Kontrast dazu: Dub und Space und noch mehr Jazz. All das kulminiert zu einem Raum von wohlklingender Erhabenheit. Und es zeigt einmal mehr: Ein Leben ohne Musik ist möglich, aber nicht sinnvoll.


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Sebastians No. 6:

And The Golden Choir – Another half life
(Cargo)

Zugegeben: Tobias Siebert ist ein Womanizer und seine Texte erweisen sich – so weit ich sie verstehe – als nicht sonderlich hintersinnig. So konnte ich das Album auch getrost meinem vierzehnjährigen weiblichen Patenkind zum Geburtstag schenken (, was nicht heißt, dass sie nicht sehr schlau ist)! Aber abgesehen davon: In dieser Armut, welche melodramatische, süßschmerzliche Fülle!

Folkloristisch anmutende Instrumentenvielfalt (übrigens: alles selbst eingespielt) beschwören Bilder von archaischen Feuern herauf. Die Liedkompositionen sind ausgefeilt, teils erhaben und teils so eingänglich (z.B. „New Daily Dose“), dass ich mich frage, warum das keine Radiohits wurden. Das alles brachte einen Suchtfaktor mit sich, der einen Lebensabschnitt so ganz mit diesen Klangfarben durchtränkte, nämlich GOLDEN.


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Rolands No. 5:

Son Lux – Bones
(Caroline / Universal Music)

Prinzip Überraschung, auch diesmal. Und klappt, auch diesmal. (Lustigerweise habe ich auch einige Amazonrezensionen gelesen, die sich über die plötzlichen Brüche und Nichterwartbarkeiten gerade mokieren, nunja) – Das Überreiche, das bei den vorigen Platten für mich leicht mal zuviel sein konnte, ist jetzt auch einer klareren Struktur gewichen und stellenweise so aufgeräumt, dass die vorherige eher beiläufige Peter-Gabriel-Assoziation deutlicher sich aufdrängt. Das „Rundere“ soll auch daher kommen, dass Son Lux sich vom Einmannprojekt zur Dreimannband hinentwickelt hat, kann ich aber nicht wirklich beurteilen.

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Gregors No. 5:

Balthazar – Thin Walls
(Play It Again Sam / Pias Coop)

Diese Belgier, zerrissene Nation, Brutstätte des Terrorismus. Hier die Flamen, dort die Wallonen. Vier Sprachgebiete. Der Kinderschänder Dutroux. Und der Rechtspopulismus! Wie überall in Europa auf dem Vormarsch. Die Kreativität stört das wenig, trotzdem man sich daran stört. Man denke nur an die großartigen belgischen Filme der jüngsten Vergangenheit. Die belgische Mode. An den belgischen Fußball (mit Kreativspielern Mitfavorit auf den EM-Titel). Oder an Balthazar! Drittes Album. Ein absoluter Mädchentraum (schön, wenn’s so wäre).

Lässigkeit und Eleganz. Das Indierock-Quintett aus Gent demonstriert 2015 ein gewachsenes Selbstbewusstsein. Vier Jahre nach ihrer Geheimhymne »Throwing a Ball«. Gerade wegen Europas europafeindlicher Stimmung nicht wegzudenken aus der europäischen Musiklandschaft. United by Music!


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Sebastian No. 5:

Tocotronic – Tocotronic (Das rote Album)
(Vertigo / Universal)

Keine andere Band stand bereits schon viermal in meinem seit 2006 hier veröffentlichten Jahrespoll und es ist derzeit nicht absehbar, dass es mal einen Grund geben wird, dass sie nicht auch die nächsten zehn Jahre alle zwei bis drei Jahre hier zu finden ist. Liest man über Tocotronic, wird ja häufig über deren Stilwechsel reflektiert (vorvorletzte Platte: eher rockig, letzte Platte: Low-Fi, diese poppig usw.) und das Text-Konzept, das häufig den Titeln der Alben entsprach, als hintersinnig gelobt.

Das mag sein, dennoch klingen die Melodien für mich immer ähnlich und die Texte belehren mich seit jeher, dass das Private mit dem Politischen zu identifizieren ist oder so ähnlich. Statt eine andere Laudatio als die letzten Male auszuformulieren, bleibt mir daher nichts anders übrig, als festzustellen, dass „Das rote Album“ laut Playlist-Statistik, die im Übrigen nur bisweilen mit meinen Pollrängen übereinstimmt, von mir am fünfthäufigsten Mal in diesem Jahr gehört wurde und ich die Hälfte der Texte mitsingen kann.


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Rolands No. 4:

shy kids – Lofty!
(Eigenrelease)

Ein bisschen hochstaple ich hier ja schon rum, denn eigentlich bin ich mit Musikhören für den Machtdose Podcast schon ziemlich ausgelastet, so dass ich eigentlich nur zum hipsteren Dabeisein auch nach „regulären“ Veröffentlichungen schaue / höre, die meisten nur anskippe und einige wenige bleiben eben übrig und geben mit Glück eine Top10 (dieses Jahr war aber auch hier übervoll).

Egal, jedenfalls: die shy kids aus Toronto kommen übers Podcastrecherchieren rein, ihr Album ist CC-lizeniert und bei Bandcamp als pay-as-you-want zu haben – und es ist ein rundherum großartiges Album, das ich ohne jede Abstriche allen sehr ans Herz lege, möge es noch so große Vorbehalte geben wegen „gibts ja umsonst“ und „ist ja nicht relevant“ (und die Ohren mögen Euch abfallen, wenn Ihr tatsächlich ausschließlich so Musik bewertet).

Intelligenter Pop, den ich jetzt leicht mit einigen Bands vergleichen könnte, die auch hier in den vorjährigen Jahresrückblicken standen, was ich mir aber spare, denn die shy kids brauchen das überhaupt nicht. Ich freue mich jedenfalls daran, dass die Musik im Podcast locker mit allem mithält, was da sonst rumfleucht und besprochen wird.


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Gregors No. 4:

Floating Points – Elaenia
(Eglo/Pluto Records/Rough Trade)

Was Daniel Snaith (Caribou) für die Mathematik und Kieran Hebden (Four Tet) für die Computerwissenschaft, ist Sam Shepherd für die Neurowissenschaft: Eine Ausnahmeerscheinung seines Fachs. Natürlich ein Zufall, aber trotzdem bemerkenswert: Alle drei arbeiten auf dem gleichen Niveau, dem gleichen, herausragenden Produktionslevel. Schon die ersten Singles und EPs aus den Jahren 2009 – 2014 deuten an: hier bricht sich einer der talentiertesten Produzenten der Welt Bahn.

Mit der Königskrönung im Jahr 2015: »Elaenia«. Das Debütalbum durchläuft einen fortlaufenden Veränderungsprozess im Wirkungsbereich von Techno, Deep House, New-Jazz und Experiment. Trotzdem homogen im Klang und frei von Grenzen und Barrieren. Dafür hat Shepherd Unterstützung von Jazz-Schlagzeuger Tom Skinner, Leo Taylor (Leihdrummer für u.a. Adele, Hot Chip, Zongamin), Susumu Mukai (alias Zongamin) und der Geigerin Quian Wu bekommen. Groß!


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Sebastians No. 4:

Man without country – Maximum Entropy
(Pias Coop / Lost Ballon / Rough Trade)

Zur Information: „Man without country“ sind ein walisisches Duo, das trotz zwei herrlicher Alben noch nicht auf dem Machtdose-Plattenteller zu finden war. Traurig, traurig! Nach dem wundersamen „Foe“, das mich insbesondere wegen seiner heimelig widescreen-wimpigen Gesamtstimmung überzeugte, wartet nun „Maximum Entropy“ zudem noch mit größeren Gefühlsnuancen und einer Detailverliebtheit auf, die zur Folge hat, dass einige Songs sogar M83-mäßig zum Mitschunkeln anregen. Für mich das Electro-Pop-Album des Jahres!

Die besten Alben 2015 – Plätze 10 bis 7

Advent, Advent, Albencharts zum Jahresend. Diesmal wieder eingebracht in voller Teamstärke, also mit insgesamt drei Platzanweisern. Dass es ein reiches Jahr war, werden die Nennungen hoffentlich zeigen. Und wie immer: nicht vergessen, Eure eigenen zu nennen. Kommentare zu den Vorgestellten nehmen wir selbstverständlich auch gern entgegen.


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Rolands No. 10:

Vessels – Dilate
(Bias / Indigo)

Drittes Album von Vessels. Ich kannte sie vorher nicht, was vielleicht der Platzierung geholfen hat. Denn obwohl dieses Album als Abkehr von ihrem bisherigen, gemeinhin als „Postrock“ identifizierten Sound wahrgenommen wird, sehe ich da jetzt nach Anhören der vorigen Alben keine drastischen Änderungen. Es ist mehr Elektronik im Spiel, bewegt sich aber alles in dieselbe Richtung. Und da gibt es nur eine: immer geradeaus, im gefühlt immergleichen Tempo, das ich assoziativ mal mit der Sportart „Gehen“ in Verbindung bringen möchte.

In dieser fast schon sturen Zielgerichtetheit lädt die Musik zur Kontemplation ein, bietet zugleich aber noch genügend Reize, um nicht völlig spannungslos zu werden. Sowohl fürs Joggen als auch fürs konzentrierte Arbeiten zur Begleitung bestens geeignet und empfohlen.


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Gregors No. 10:

Jaakko Eino Kalevi – Naturally
(Domino / Weird World)

Langes Haar und glatte Haut im Gesicht – Jaakko Eino Kalevi ist nicht gerade der Prototyp eines Musikers aus dem Jahr 2015. Ist der Bühnen- und Hauptstadtvollbart etwa ein Auslaufmodell? Sein hübsches, blasses Äußeres, eigentlich die perfekte Voraussetzung für eine Modelkarriere bei Fair Organic, hat ihn trotzdem nicht daran gehindert, als Straßenbahnfahrer für einen bekannten finnischen Verkehrsbetrieb zu arbeiten.

Was ihm da tagtäglich in der Frontscheibe begegnet ist, war womöglich so unaufgeregt wie die Musik, die sich auf »Naturally« findet: Die Vorstufe zu dem, was gemeinhin als Entspannung betrachtet wird. Ganz unaufgeregt melodiös. Mit wachem Verstand. Am Puls der Stadt. Als Vorgeschmack auf sein Debütalbum veröffentlichte Weird World 2014 die EP »Dreamzone«. Als Appetizer vorweg sozusagen. Inspiration für seine Songtexte holt sich der Sänger übrigens auch aus Zeichentrickserien und Online-Foren.


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Sebastians No. 10:

Max Richter – Sleep
(Deutsche Grammophon / Universal)

Rein äußerlich erinnert Max Richters „Sleep“-Projekt an Andy Warhols gleich betitelten Film aus dem Jahre 1964. In diesem lässt sich etwas über fünf Stunden ein schlafender Mann bestaunen, während Max Richters Director‘s Cut der musikalischen Variante uns wiederum geschlagene achteinhalb Stunden in den Bann schlägt. Vergleichbar ist aber letztlich nur die – gemessen an üblichen Rezeptionsgewohnheiten – Radikalität, mit der dem flotten Kunstgenuss die Länge des Schlafs in den Weg stellt wird.

Denn bei der musikalischen Version handelt es sich nicht um einen Schlaf, sondern um den Weg dahin und um den auszuhalten, muss man schon extrem wach sein. Daher ist Max Richters „Sleep“ wohl eher mit Saties Idee, Musik als Möbel aufzufassen („Musique d’ameublement“), zu vergleichen. In diesen um 1920 verfassten fünf Werken für Salonorchester handelt es sich um kurze Stücke, die beständig wiederholt werden sollen. Wie Möbel lenken sie nicht weiter vom Alltag ab, aber bereichern durchaus den Wohnraum.

Will man „Sleep“ angemessen rezipieren, ist es notwendig, etwa acht Stunden, bevor man ins Bett gehen möchte, die leider nur digital erhältliche Aufnahme hochzufahren, was wohl in der Regel auch nur in den eigenen vier Wänden möglich ist. Ablenken darf man sich nicht lassen, da man ja sonst nicht einschlafen würde. Andererseits ist „Sleep“ nicht nur als sehr langes Wiegenlied aufzufassen, sondern auch als Versuch, die Schönheit des Schlafs in den Tag zu retten. Und genau deshalb habe ich mich in Max Richters aus über 30 verschiedenen Variationen zusammengesetztes Klangbett kurz nach der Veröffentlichung mehrmals gerne hineinsinken lassen!


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Rolands No. 9:

Jaala – Hard Hold
(Wondercore Island)

Relativ frisch reingekommen und für mich auch insgesamt sehr frisch ist diese australische Band.

Vielleicht, weil die Stimme der Leadsängerin mich unter anderem auch an Joanna Newsom erinnert, die Musik aber eben nicht zum Kunstlied sich hinentwickelt (ich darf schon mal spoilern: Newsoms Album ist nicht in meinen Top 10 dabei), sondern die Widerborstigkeit bewahrt und sehr gut zur von zahlreichen Tempowechseln geprägten Rumpelmusik passt. Wenn schon Katzenjammer, dann aber richtig und mit Lust am Schreien und Pauken.


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Gregors No. 9:

Leftfield – Alternative Light Source
(Infectious)

Mit »Leftism« veröffentlichen Leftfield 1995 ein wegweisendes Elektro-Album, das mit Gastbeiträgen von u.a. John Lydon (Public Image Ltd.), Toni Halliday und Djum Djum Berimbou Geschichte schreibt. Viele Jahre sind seither vergangen und es hätten noch viel mehr werden können, wenn da nicht dieses schmerzhafte Druckgefühl in der Brust gewesen wäre. Ja, ja, wenn die Psyche aufs Herz schlägt. Vermutlich stand Neil Barnes sowieso in jeder Minute der letzten 20 Jahre mit halbem Fuß auf einer Ganztonleiter.

»Alternative Light Source« ist zumindest mehr als das Wissen um die eigene Vergangenheit. Verfall ist hauptsächlich ein biologischer und die präventive Konservierung der eigenen Kreativität – so die These – eine mentale und somit abrufbar. Mit (wie in Barnes’ Fall) oder ohne Depression. Starring Tunde Adebimpe (TV On The Radio) und Jason Williamson of Sleaford Mod


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Sebastian No. 9:

Tame Impala – Currents
(Caroline / Universal)

Während ich „Innerspeaker“ (2010) samt des betörenden Covers liebte, das Album aber erst kurz nach dem damaligen Jahrespoll entdeckte, war mir wiederum der Hype um das m.E. langweiligere zweite Album nicht ganz verständlich. Umso mehr erfreute mich, als mir mit „Currents“ ein Tame-Impala-Album begegnete, das in gewisser Weise die Versöhnung von analogem Psychedelic-Rock und Digitalpop darstellt und auf Anhieb zu meinem Sommeralbum des Jahres avancierte.

Auch auf Machtdose las ich einen Tag nach meiner Erstrezeption unter „Plattenteller“ über ebendieses: „Gerade so genial. Gehört neben Zahnpasta, Badeanzug und Sonnenhut in jeden gut sortierten Reisekoffer. Album of the year?“ Einmal mehr war ich erstaunt, wie bisweilen das, was dort zu lesen ist, inhaltlich mit dem, was in meinen Kopf spukt, zu identifizieren ist …


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Rolands No. 8:

Georgia – Georgia
(Domino / Goodtogo)

Georgia Barnes ist Georgia – und zwar komplett. Alles selbst eingespielt und produziert in zwei Jahren. In eine Familie hineingeboren, die selbst fest installiert ist in der Londoner Clubszene, mit 8 Schlagzeug geschenkt bekommen, mit Anfang 20 bereits auf mehreren Veröffentlichungen mitgedrummt, ins Studio gezogen und so ungefähr jeden Beat aufgehoben und verarbeitet, der grad rumlief.

Und so gibt das Album tatsächlich einen recht guten Querschnitt dessen, was in letzter Zeit so Grime, UK Garage und andere Beatgenres auf der Schippe hatten. Kann man auch ein bisschen streberhaft finden, weiß aber zu unterhalten und ist sehr abwechslungsreich, von düster bis Haudrauf bis elektroballadesk.


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Gregors No. 8:

Gengahr – A Dream Outside
(Liberator Music)

Passend zum Jahrhundertsommer: ein Melodiengewitter von achtbarer Stärke. Hätte ich so nicht unbedingt in Nord-London vermutet. Im Ergebnis aber regenfreie Entladungsenergie. In einer schnörkellosen Begriffswelt nennt man das Indierock, wendungsreich im Old-School-Algorithmus. Wie schön das klingt, wenn Eure Majestät, der Produzent, auf gängige Politurpasten verzichtet, zeigt sich bei »A Dream Outside« in seiner vollen Länge. Das Ungeschliffene, das Tame Impala nie haben werden und Pavement berühmt gemacht hat.

Zeigt sich auch im Instrumental »Dark Star« (entspricht in der Analogie dem »Crooked Rain, Crooked Rain«-Klassiker »5-4=Unity«). Das eine Kult, das andere 2015. Zusammengefasst: Bekanntermaßen ist der engste Nachbar der Melodie die Euphorie (und die macht manchmal einfach nur Sinn, so für den Augenblick).


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Sebastians No. 8:

Deerhunter – Fading Frontier
(4AD / Beggars / Indigo)

Gäbe es einen Wunderapparat, der die Musik meiner Lieblingsbands über Jahre hinweg analysiert und daraus eine eigenständige Platte synthetisch herstellt, vielleicht käme dabei der „Deerhunter“-Sound heraus. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – haben mich deren Veröffentlichungen (von der Single „Helicopter“ abgesehen) nie gänzlich überzeugt, da mein Geist zwar stets willig, indes mein Fleisch in dem Sinne schwach war, als sich keine Euphorie einstellte.

Damit ist jetzt aber ein für alle Mal Schluss, denn auf „Fading Frontier“ ist eine Deerhunter-Leistungshow zu erleben, die bei allem eigensinnigen Getüftel und Geflirre insgesamt zu einem atmosphärischen Dreampop gelangt, der genau das erreicht, was ich zuvor vermisst habe.

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Rolands No. 7:

Howling – Sacred Ground
(Monkeytown / Rough Trade)

Der Melancholie nicht abgeneigter, trotzdem schwebendleichter Pop meets Club. Wie ich finde, sowieso eine der besten Kombinationen, vorausgesetzt, es gelingt. Nicht von ungefähr fühle ich mich an Moderat erinnert. Es singt Ry Cumings, der sonst bei der Band The Acid vorsteht, es spielt Felix Wiedemann, sonst Teil des Houseduos Âme. Es pluckert warm, es wird schönstens falsettiert. Fürs abendliche Beisichsein, ohne die Ausgehtauglichkeit zu verlieren.


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Gregors No. 7:

Lauer – Borndom
(Permanent Vacation)

»Borndom« ist nach »Phillips« der zweite große Satz Melodien des Frankfurter Elektro-Allrounders (»The melody man from the outback of Frankfurt«). Da regt sich wieder und wieder die Hand zum Applaus (maßvoll übertrieben). Lauer ist kein Veränderer, sondern Teil eines bewährten Systems. Seine durchtriebene Formel: 80s Synth-Pop mit leicht verhangenem New Wave. Italo. House. Borndom ist selbstverständlich weder boring noch langweilig. Borndom ist die Jagd nach dem Erlebnis (oder für den Drinnen-Typ: dem Erlebten). Der Blick, vom Hochstand aus, auf den Funkenwald. Ein veritabler Nummer-eins-Hit findet sich auch: »ESC« (feat. Jasnau). Wie der Name schon sagt: der Rausschmeißer des Albums (und ein Clubnachtbeschließer). Das Cover ist übrigens Programm: Achterbahnspaß pur.


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Sebastians No. 7:

The Maccabees – Marks to prove it
(Fiction / Caroline / Universal)

Nie hätte ich gedacht, dass eine „The“-Band, die zudem noch gefühlt im 2005er-Fahrwasser mitschwomm, noch einmal in einen meiner Polls aufgenommen wird. Schlimm eigentlich, wie sehr auch das eigene Konsumverhalten mit der Mode mitschwingt! Aufgrund einer lobenden Besprechung im „Spex“ habe ich mich aber doch entschieden, dem Album eine Chance zu geben, und schon mit dem ersten Durchgang wurde klar: 2005 hin oder her (die erste Maccabees-Platte stammt übrigens aus dem Jahre 2007), hier entlädt sich pure Lebensfreude. Wildfremde Menschen fallen sich in die Arme und das getragen von dieser wunderbaren Stimme, die dafür sorgt, dass das Ganze nicht peinlich-pathetisch, sondern schlichtweg erhaben erscheint. Daher bitte ich alle 2005-nicht-mehr-uptodate-Finder: Prüft dieses Überlebenszeichen!


Die besten Alben 2014 – Plätze 1


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Sebastians No. 1:

Antlers – Familiars
(Transgressive / [PIAS] Cooperative / Rough Trade, VÖ: 13.06.2014)

Antlers sind die uneingeschränkten Könige der lasziven Melancholie, des divenhaften Schmerzes und umschmeichelnder Trompeten, die die Seele in himmlische Spähren ziehen. Dabei erweisen sie sich stimmlich als so ausdruckstark, dass einem die Spucke wegbleibt. „Familiars“ ist ein Nachruf auf ein Heldenleben, das die Abgründe der menschlichen Existenz exemplarisch durchlitten hat. Und das beste dabei: Trotzdem zeugt die Platte von einem differenzierten Songwriting, das jedes Lied unverwechselbar macht. Und der Live-Act in Zürich erst einmal: Nur And Also the Trees in den 80ern konnten hinsichtlich Expressivität ähnliches leisten! Klare Platte des Jahres, noch klareres Konzert des Jahres!


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Gregors No. 1:

SOHN – Tremors
(4AD)

Nichts ruft Erinnerungen an die Vergangenheit so lebhaft wach wie Musik (Ebbot Lundberg und Björn Olsson dachten wohl ganz ähnlich, als sie ihre Band Soundtrack of Our Lives nannten). SOHN hat es sich wie kein anderer Sänger in diesem Jahr in meinem Gedächtnis gemütlich gemacht: Kaum war der Anker im Frühjahr ausgeworfen, hat sich »Tremors« auch schon in verschiedene Hirnregionen verteilt*. Tatort: Paris. Disquaire Day an einem Freitag im April. Rough Trade on Tour im hippen Point Ephemere. Unter anderem mit SOHN Unplugged. Am gleichen Tag dann das zweite Konzert des Londoner Electro-Soul-Künstlers im restlos ausverkauften Petit Casino. Wieder war der Kapuzenpullover tief ins Gesicht gezogen und von Christopher Taylor nichts zu sehen. Das nennt man wohl Zurückhaltung im Beruf. Trotzdem war das Konzert eine hochemotionale Angelegenheit und die Grundlage auf dem Weg zur Nummer Eins. Tremors ist mein Erinnerungsalbum des Jahres und ein sehr gutes dazu.

Epilog: Musik ist wie Essen, Sex oder Drogenkonsum. Wollen wir mal hoffen, dass das so bleibt!

*Was ich nicht wusste: Das Hörzentrum in der linken Hirnhälfte verarbeitet tendenziell eher Rhythmen, das in der rechten Hälfte vor allem Klänge und Töne. Was auch immer diese Teilung zu bedeuten hat!

Die besten Alben 2014 – Plätze 2


Real Estate: Atlas

Sebastians No. 2:

Real Estate: Atlas
(Domino / GoodToGo, VÖ: 28.02.2014)

Diese Platte ist mein Lohn dafür, dass ich alle paar Tage mal bei Pitchfork reinschaue, denn ohne deren hohe Bewertung wäre ich nie auf sie aufmerksam geworden. So darf ich auf meine alten Tage noch einmal Musik in meinem Poll präsentieren, die wir früher (80er-Jahre) als Guitar-Pop bezeichnet hätten. Entsprechend habe ich bei „Atlas“ größte Felt-Gefühle (die Mehrheit wird wohl andere Referenzen nennen), nämlich solche der Gelassenheit und Klarheit. Und auch bei Silber wird deutlich: Es kommt nicht auf das Was (Guitar-Pop ist ja tot), sondern auf das Wie an. Diesbezüglich haben es Real Estate jedenfalls in ihrer Fähigkeit, strukturierte, leicht melancholische Songs zu schreiben, die sich in die Gehörgänge einfressen, ohne zu nerven, mit „Atlas“ zur Perfektion gebracht!


Jungle – Jungle

Gregors No. 2:

Jungle – Jungle
(XL/Beggars Group)

Der Name ist kein Zufall: Beim UK-Duo Jungle sieht wohl manch einer vor lauter Wald die Bäume nicht. Jungle klingen irgendwie indifferent unangestrengt. Das mag als Beschreibung verstören, je weiter man allerdings in die Tiefe ihres Bewusstseins eindringt, erklingt ihr Geist wie eine lebendige, glatte und seidig schimmernde Struktur. Die Platte läuft einfach so durch. Soulige Vocals auf Electro-Pop, am Stück durchproduziert, will man meinen, und komplett übertrieben. Alleine »Busy Earnin’« lief laut lastfm-Statistik 31 Mal (Quelle: Machtdose Musikprofil). Rekord. Ein gewaltiger Track mit symphonisch tragenden Bögen und nicht der letzte Hit, der sich auf dem Album finden lässt. Jungle sind, wie die einfache Empirie lehrt, ganz oben in den Charts!

Die besten Alben 2014 – Plätze 4 – 3


Ja, Panik: Libertatia

Sebastians No. 4:

Ja, Panik: Libertatia
(Staatsakt / Rough Trade, VÖ: 31.01.2014)

Ja, Paniks letztes Album erwies sich als »Pornography« der sogenannten Diskurs-Musik (ob Pop oder Rock weiß ich nicht) und wurde von mir mit entsprechender Inbrunst rezipiert. Folgerichtig zog sich mein Gesicht nach den ersten Durchgängen von »Libertatia« ganz, ganz lang! Klar, denn belangloser kann ja wohl aufs erste Gehör nichts daherplätschern. Nach und nach verstand ich aber: Ja, Panik haben den Schlager salonfähig gemacht und wenn Österreich beim ESC nicht den Titel verteidigen müsste, könnte der nächste Beitrag aus diesem Album erklingen. Die typische J-P-Bittersweetness ist nämlich nun süßer als bitter, während das Beziehungsgeflecht in unserer Gesellschaft nicht mehr als von einer derartig existenziellen Tragik durchdrungen erscheint: Du hast eine Schlacht erfahren, trägst noch ihr Stürmen, ihr Fliehn, indessen die Schwärme, die Scharen, die Heere weiterziehn. One world, one love. Libertatia. Oder so ähnlich!

http://youtu.be/T2irfeUzLEk

Von Spar – Streetlife

Gregors No. 4:

Von Spar – Streetlife
(Italic Recordings)

Mondwinde, Sternenstaub und ein bisschen Milchstraße – die Space Pop Ranger aus der Protogalaxie klingen auf ihrem vierten Album mal wieder unglaublich slick und durchproduziert. Das hier ist Sounddesign, meine Damen und Herren, prächtigste Hochglanzästhetik in Dur. Kraftwerk, Air, Neu!, Primal Scream, Raumschiff Orion und neuerdings einige Anteile Disco und Daft Punk mit 220 Gramm Polyesterflocken in das Stopfkissen gepackt und mit Nähnadel und weißem Baumwollfaden »Von Spar« appliziert. Von Spar sind weder gestern noch morgen. Von Spar sind das Beste aus allen Jahrzehnten und trotz ihrer Vielseitigkeit enorm homogen. Die Band hält ihren Proberaum einfach in Schuss! Wie, bleibt wahrscheinlich ihr großes Geheimnis. Bitte weitermachen!


The War on drugs: Lost in dreams

Sebastians No. 3:

The War on Drugs: Lost in dreams
(Secretly Canadian / Cargo, VÖ: 14.03.2014)

Dass das Wie wichtiger als das Was ist, beweisen The War ond Drugs eindrucksvoll mit ihrem jüngsten Husarenstreich, was bedeutet, dass Bronze an eine Band geht, die sich konservativ hauptsächlich auf Gitarren und Gefühl verlässt (wobei das Keybboard, wenn man genau drauf achtet, fast das Salz in der Suppe ausmacht). Jedenfalls schnappt sich hier – und diesen vielbemühten Vergleich muss auch ich bringen – Bob Dylan endlich mal ein unermüdbares Pferd, reitet damit tagelang durch die Prärie und wir dürfen ihm dabei in einer Staubwolke folgen, die sich in meinem Song des Jahres „In Reverse“ auflöst! Keinen habe ich so oft gehört, insbesondere bei Fahrten in den (häufigen Lehrer-)Urlaub. Danke, War on Drugs, dass ihr zeigt, dass es noch Konstanten auf dieser Welt gibt!


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Gregors No. 3:

Christian Löffler – Young Alaska
(Ki Records)

Ein Gewebe aus fabelhaften Umschreibungen, die sich hier im Laufe der Jahre über hunderte von Albumbesprechungen turmhoch gestapelt haben, wird bei »Young Alaska« zur großen Leinwand. Für Alben dieser Art gibt es momentan nicht ausreichend Anlegeplätze, zumindest höre ich kaum einen Hafenmeister nach dem Hafenschlepper rufen. Young Alaska paart angewandte Spitzfindigkeit mit Know-how jenseits der Binnengewässer. Zum Glück ist Löffler mittlerweile Weltumsegler, was ihm am Ende deutlich mehr Beachtung schenken wird als auf seinem letzten Album. Und was sagt die Spektroskopie? In seine Einzelteile zerlegt, findet man sich schlagartig mitten im Spiel aus Oberwasser, Nebelbank und deutscher Romantik. Immer dieser exzessive Gebrauch der Metapher, ich weiß.

Die besten Alben 2014 – Plätze 7 – 5


Jungle: Jungle

Sebastians No. 7:

Jungle – Jungle
(XL / Beggars / Indigo, VÖ: 11.07.2014)

Perfekte Clubbing-Dance-Music im neuen Gay-Style, die unzählige Assoziationen an mindestens zehn Formen synthetischer Musik und mindestens vier Jahrzehnte zulässt und dabei trotzdem klinisch rein erscheint! Jeder Song ein Hit und live erstaunlicherweise grandioser, als man vermuten würde!


Goat – Commune

Gregors No. 7:

Goat – Commune
(Rocket Recordings)

Es bleibt wie es ist: na, na, naaa’s und oooooooohhhhs im Duell mit Wah-Wah und Verzerrer. An anderer Stelle gelesen: Hypnotic Hippie Hoodoo! Warum die Musik der Goats auch auf dem zweiten Album funktioniert? Weil wieder aus dem Bauch heraus komponiert wurde (was dem einen sein Kopf, ist dem anderen sein Bauch). Ihre Motivfragmente werden wieder vielfachen Wiederholungen unterworfen, ihr Sound hat Heilkraft, ihre Betörung Methode. Das Erfahrungsfeld der Sinne – alles wird eins. Wie eine gute Meditation. Bei den Goats denkt man sofort an ferne Völker und exotische Rituale. Es heißt, ihr Heimatdorf Korpilombolo in nächster Nähe zum Polarlicht wurde einst in Brand gesteckt. Die überlebenden Bewohner kehrten zurück, bauten die Häuser wieder auf und beschworen die Geister, die bis heute auch die Goats antreiben.


Planningtorock: All love´s legal

Sebastians No. 6:

Planningtorock – All love´s legal
(Human Level / Rough Trade, VÖ: 14.02.2014)

Selbst für die Anthroposophen ist das Zwittertum die Zukunft der Menschheit! Da verwundert es nicht, dass auch ich mit Regenbogenfahne auf Planningtorocks Liebesparade in die Zukunft mitmarschieren möchte! Ja, ich bekenne offen: Ich möchte Teil diese Bewegung sein! Abgesehen davon besticht das Album nicht nur mit seinen mantraartigen hochkorrekten Botschaften wie »All love’s legal«, »Gender’s just a lie« oder »Patriarchy over & out«, sondern vor allem durch seine eindringlichen Songideen, die mal wie ein aufs Wesentliche reduziertes »Get Lucky«, mal animalisch, immer aber melancholisch traumverzehrt (sehr wohl) zum Mitschunkeln animieren. Eine perfekte Mischung aus Individualität, wozu im Übrigen auch der geschlechtslose, schwer zuzuordnende, teils absurd verfremdetet Gesang beiträgt, und Rezipienten/-innenfreundlichkeit!


Einar Stray Orchestra – Politricks

Gregors No. 6:

Einar Stray Orchestra – Politricks
(Sinnbus)

Das Wunderkind-Phänomen – auch auf Einar Stray übertragbar? Das will uns zumindest die Presse weismachen. Unter dem erweiterten Namen Einar Stray Orchestra ist in diesem Jahr das zweite Album des Norwegers erschienen. Orchestra deshalb, weil die Biotechnologie noch an der menschlichen Kopie arbeitet und Einar Stray bis dahin auf Kollegen zurückgreifen muss, die das Instrumente spielen beherrschen. Und in der Tat: Das Einar Stray Orchestra steht in bester Wunderkindtradition zu Sufjan Stevens, Patrick Wolf oder auch Owen Pallett. Ein Juwelen- und Perlenbad ist Politricks geworden, das von Mal zu Mal besser wird. Und gerecht bleiben sollten wir auch: Es sind die Streicher, das Orchestrale und das Gemeinschaftliche, das die Erhabenheit des Albums erzeugt. Das Wunder tritt erst dann zu Tage, wenn man es in seine Einzelteile zerlegt.


Wild Beasts: Present Tense

Sebastians No. 5:

Wild Beasts – Present Tense
(Domino / GoodToGo, VÖ: 21.02.2014)

2014 stand für mich im Zeichen der Wild Beasts. Da ich die „Smoother“ im Gegensatz zu Gregor damals nicht verstanden und die Veröffentlichungen davor nicht gekannt habe, konnte ich mir also mit allen vier Platten der Wild Beasts dieses Jahr versüßen. Flamingos, Pfauen und Tatoos auf muskulösen Männeroberarmen, die sich sanft ausstrecken, geben den Hintergrund für eine paradiesische Harmonie, die gleichzeitig als Ausdruck einer ästhetisch-sozialen Utopie erscheint. Das Timbre, welches an Gefühlfülle kaum zu überbieten ist, entwickelt sich auch mittels des Wechsel der Männerstimmen, wobei zweitere immer haarscharf am Schwulst vorbeisingt, wohlbemerkt: vorbei. – »Wanderlust // With us, the world feels voluptuous // I just feel more, with us // It’s a feeling that I’ve come to trust«. Einer meiner Lieblingssongs in diesem Jahr!


The War on Drugs – Lost in the Dream

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Gregors No. 5:

The War on Drugs – Lost in the Dream
(Secretly Canadian)

Die Besonderheit der War on Drugs erkennt man schon am Gesichtshaar ihres Sängers. Entgegen dem herrschenden Zeitgeist trägt er keinen 6-Zoll-Rauschebart. Noch viel verdächtiger: sein schulterlanges Haar und die blaue Jeansjacke. In diesem Rahmen, oder richtiger, im Hinblick auf diese Beobachtung steht die übelste aller Nachreden im Raum: The War on Drugs machen Classic Rock! Autor verschreckt Leser? Nun gut, bei ernsthafter Betrachtung bleiben die entscheidenden Fragen andere: Was macht die Band aus Philadelphia so groß? Was macht dieser unfassbar gute Einstieg ins Album (»Under the preassure«) mit dir und deinem Leben? Und vor allem für die Band von Interesse: Wann gelingt der Sprung auf das Cover des Rolling Stone? Der Sound ist da, jetzt fehlt nur noch das Stadion, in dem er erklingen kann…

http://youtu.be/cO_HQrNBsJU

Die besten Alben 2014 – Plätze 10 – 8

Um das musikalische Wow! des Jahres 2014 gebührend zu feiern, gibt es hier wieder den allseits beliebten Poll der Machtdose. Stammleser Sebastian und ich geben im Countdown unsere 10 Lieblingsalben preis. Wie immer also. Zur Einstimmung: Olli Schulz – »Als Musik noch richtig groß war«.


Wildbirds & Peacedrums: Rhythm

Sebastians No. 10:

Wildbirds & Peacedrums – Rhythm
(Leaf / Indigo, VÖ: 07.11.2014)

Nachts in einem New-Orleans-Jazz-Club. Es ist heiß und verraucht, eine maximalpigmentierte Schönheit, die jeden Blick hinter die Kulissen der Weiblichkeit freilegt, singt mit rhythmisch ungewöhnlicher und treibender Begleitung, was sich als eine Synthese des Weiblichen und Männlichen offenbart und total verrückt respektive ungehemmt erscheint. Aber aufgepasst: Der Rhythmus ist nicht die Basis, sondern gleichberechtigtes Instrument. – Es ist schon ein Skandal, dass dieses Duo erst mit dieser Veröffentlichung, deren Titel Programm ist, meine Beachtung findet. Daher ist diese Nennung auch als Tribut an das Gesamtwerk aufzufassen!


Sleaford Mods – Divide and Exit

Gregors No. 10:

Sleaford Mods – Divide and Exit
(Harbinger Sound)

Rotziges Prologepöbel braucht kein Glaubwürdigkeitsgutachten. Alles eine Frage der Schwingungsfrequenz. Jason Williamson rappnölt gegen alles, was zwei Beine hat: Noel Gallagher, die Queen, David Cameron und alle anderen auf der Insel – zusammengeschnürt im Midland-Slang als klingender Beweis eines nur erdachten Klassenkampfs. Man filmt sich im Doppeldeckerbuss, denkt sich Überwachungskameras dazu und ein bisschen Novembergrau. Das aggressive Magengrummeln der Sleaford Mods hat England daran erinnert, dass Weltkrisen oft vom Klang des Aufbegehrens begleitet wurden. »Be true to yourself and you will never fall« (‚Pass the Mic‘) heißt im Umkehrschluss auch immer: »be true to others«.


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Sebastians No. 9:

SOHN – Tremors
(4AD / Beggars / Indigo, VÖ: 04.04.2014)

Bei Mutter und Daughter – »Vater« ist ja keine Band, sondern ein legendärer Song von Die Erde – hatte ich keine Probleme, aber als ich das erste Mal von Sohn las, hörte ich nur rein, weil mir der Name so derartig blöd erschien. Im Gegensatz zu James Blake – den ich im Übrigen kürzlich mal wieder live gesehen habe und erneut von der Stimmung und Musikalität, die er auf Konzerten verbreitet, tief beeindruckt war (das wollte ich mal loswerden) – erweisen sich die »Tremors« als weniger zitternd, also gepflegter, professioneller, schlichtweg poppiger, insgesamt als ein Wehmut verbreitender Rausch, der bei allen durchaus vorhandenen Stimmsamples und elektronischen Verfremdungen niemals befremdlich erscheint. Um mit »Machtdose« zu sprechen: Das perfekte »Mischungsverhältnis von Gefühl und Verstand«. Dem ist ganz und gar nichts mehr hinzufügen!


Amazing Snakeheads – Amphetamine Ballads

Gregors No. 9:

Amazing Snakeheads – Amphetamine Ballads
(Domino Records)

Pöbelvisagen Teil 2. The Amazing Snakeheads. Die Schlange als Symbol für Schlauheit, Bosheit und Hinterlist. »Amphetamine Ballads« eröffnet mit einem Gong. Zunächst laufen die Finger die Bassseiten ab, dann die Explosion. Laut, leise, laut, leise. Leise. The Birthday Party haben in den frühen 1980er Jahren ähnlich gerumpelt. Blues wurde von Nick Cave und dessen ehemaligen Schulkameraden bis an den Rand der Machbarkeit erweitert und dann begraben. Heute kommt der Schmutz zwar immer noch aus der Gosse, in Glasgow war nur lange kein Müllmann mehr unterwegs. Die Snakeheads machen Zitatrock wie Tarantino Filme macht. Der böse Blick ist Schauspiel, das Whiskyglas mit Tee gefüllt und die Bar schließt bereits um eins. Die Zeiten ändern sich. Und trotzdem: Slipper aus Schlangenlederimitat sind zwar eine billige Methode sich Respekt zu verschaffen, aber eine verdammt gute.


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Sebastians No. 8:

The Notwist – Close to the glass
(City Slang / Universal, VÖ: 21.02.2014)

Wie sich meine Notwist-Rezeption ähnelt! Schon wie bei “The devil, you & me” nach dem ersten Durchgängen wohlwollend zugestimmt, dann aber ist ein halbes Jahr nichts passiert, will heißen, Notwist aufs Abstellglas des nicht mehr Hippen gestellt. Nach sechs Monaten wieder zu Gemüte geführt und als unabdingbar wahrgenommen: Ein rosaplüschiger Duracell-Hase schleicht sich nachts aus dem Kinderzimmer auf die Straße herüber zum Recyclinghof und springt in den Elektrocontainer, um dort Freunde für seine Band zu finden. Jede Nacht lassen sich ein paar verschrottete Geräte erweichen, eine Ode an ihre Vergänglichkeit aus dem letzten Loch pfeifend aus sich herauszuquetschen. In glücklichen Nächten findet er auch einmal eine alte E-Gitarre und dann merkt man, dass er eigentlich ein Punk sein möchte. Wäre da nicht die sanfte Stimme, die aus jedem Song eine Hymne macht!


alt-J – This is all yours

Gregors No. 8:

alt-J – This is all yours
(Pias Coop/Infectious)

»Wegbereiter in jeder Hinsicht« war das Fazit aus 2012. Platz 1 die Konsequenz. alt-J ist etwas Außergewöhnliches gelungen. Sie haben dieses Jahr ihr zweites Album veröffentlicht, während das erste noch munter vor sich hin rotiert. 2019 wird »An Awesome Wave« als das beste Album in das Jahrzehnt eingehen. Dazu bedarf es keiner hellseherischen Fähigkeiten. Die Songs lassen sich einfach nicht totspielen. Folglich hat »This Is All Yours« erst mal keinen Fuß in die Tür bekommen. Trotz der Kraft des Zweitlings und trotz der Überdosis an Ideen und trotz seiner penetranten Eingängigkeit. alt-J machen Kopfmusik. Kompositionskunst, ohne die Leichtigkeit der Inszenierung zu gefährden. Da kann ihnen im Moment keiner das Wasser reichen. Nein, übertroffen wird das Debütalbum nicht. Fragt mich aber noch mal in zwei Monaten. Die Platzierung für 2014 wäre sicherlich eine bessere…